Interview: Viele Väter werden klagen

Das neue Unterhaltsrecht lässt viele Fragen offen. Was dies für die Praxis der Gerichte bedeutet, beantwortet Birgit Niepmann, Direktorin des Amtsgerichts Siegburg.

Finanztest: Kommt es wegen des neuen Unterhaltsrechts zu einer Klagewelle?

Niepmann: Das ist zu befürchten. Klagen werden vor allem von Vätern kommen, die versuchen werden, das neue Recht zu nutzen, um weniger Unterhalt zu zahlen. Ihre Chancen sind auch nicht schlecht, insbesondere, wenn sie schon lange Unterhalt zahlen. Hinzu können auch Klagen der Jugendämter kommen. Sie werden versuchen, den neuen Vorrang des Kindesunterhalts und die neue Düsseldorfer Tabelle zu nutzen, um für die von ihnen betreuten Kinder mehr Geld durchzusetzen.

Finanztest: Wo hat das neue Gesetz seine größten Schwachpunkte?

Niepmann: Das neue Recht stellt die kinderbetreuenden Ehefrauen schlechter. Dies ist schwierig für Mütter und natürlich für kinderbetreuende Väter, die im guten Glauben an die alte Rechtslage ihren Beruf zugunsten der Kinderbetreuung aufgegeben oder eingeschränkt haben. Sie konnten sich bislang darauf verlassen, bis zum 15. Lebensjahr ihres Kindes Unterhalt zu bekommen. Jetzt müssen sie sich darauf einstellen, früher in ihren Beruf zurückzukehren. Dies gilt auch für lang zurückliegende Scheidungen.

Finanztest: Können jetzt alle Scheidungen neu aufgerollt werden? 

Niepmann: Nein, aber sehr viele. Das neue Recht gilt nicht für Ehen, die vor dem 30. Juni 1977, also vor über 30 Jahren, geschieden wurden.

Dieser Artikel ist hilfreich. 1647 Nutzer finden das hilfreich.