Interview: „Falschberatung aus Provisionsgier“

Viele Geldinstitute haben aus der Finanzkrise nichts gelernt. Sie schreiben ihren Beratern vor, vor allem Produkte zu vermitteln, für die es hohe Provisionen gibt. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Anlagen zum Kunden passen oder nicht. Anlässlich des neuesten Postbank-Ärgers bei der Vermittlung eines Südafrika-Fonds erläutert Finanztest-Redakteurin Ariane Lauenburg im Interview, warum Banken so handeln.

Hunderte Postbank-Kunden fühlen sich betrogen. Zurecht?
Ariane Lauenburg:
Die Postbank Finanzberatung hat tatsächlich Hunderte von Anlegern falsch beraten. Recherchen von Finanztest haben ergeben, dass die Berater vielen Anlegern riskante Unternehmensbeteiligungen em­pfohlen haben, obwohl diese Anlagen für die Kunden nicht geeignet waren. Das geschah aus reiner Provisionsgier und ist aus unserer Sicht eine systematische von der Geschäftsleitung der Bank gedeckte Falschberatung. Finanztest har diese Praktiken bereits im Frühjahr 2010 kritisiert: Falschberatung: Das System Postbank.

Wie riskant war der Südafrika-Fonds, den die Postbank angeboten hat?
Ariane Lauenburg:
Egal, ob es sich um einen Südafrika-Fonds oder um einen anderen geschlossenen Immobilienfonds handelt: Die Fonds sind immer riskant, Gewinne reine Prognosen. Anleger werden hier Mitunternehmer und sind nicht nur am Gewinn, sondern auch am Verlust des Unternehmens beteiligt. Läuft etwas schief, können sie sogar ihre gesamte Einlage verlieren. Wenn der Berater den Anleger darüber nicht vorher aufgeklärt, hat er schlicht falsch beraten.

Hat die Postbank richtig beraten und aufgeklärt?
Ariane Lauenburg:
Ob die Postbank ihre Anleger im Hinblick auf den Südafrika-Fonds richtig aufgeklärt hat, ist zumindest zweifelhaft. Der dem NDR vorliegende Mitschnitt einer Beraterschulung legt nahe, dass die Postbank-Berater die Risiken massiv verharmlost haben.

Welche Strategie steckt hinter solchen Beratungsmethoden?
Ariane Lauenburg:
Bei Geldinstituten wie der Postbank hat Finanztest immer wieder festgestellt, dass Falschberatungen System haben. Viele Banken machen ihren Beratern Montagmorgens Vorgaben, was sie in der Woche zu verkaufen haben. Dabei ist ihnen der tatsächliche Bedarf des Kunden egal. Es geht ausschließlich darum, durch den Verkauf der Produkte so viele Provisionen wie möglich zu verdienen. Geschlossene Fonds liegen dabei besonders hoch im Kurs, weil hier die höchsten Provisionen gezahlt werden.

Wie gut beraten Banken generell Anleger?
Ariane Lauenburg:
Trotz Finanzkrise hat sich die Beratung der Banken kaum verbessert. Nach wie vor werden Anlegern aus reiner Provisionsgier Produkte verkauft, die nicht zu ihrem Risikoprofil passen. Finanztest hat diese Praktiken bereits genauer erläutert: Anlageberater: Sklaven der Banken.

Was fordern Sie, um Anleger besser zu schützen?
Ariane Lauenburg:
Wir fordern eine Beweislastumkehr für den Schadensfall. Bisher ist es so, dass ein Anleger seiner Bank beweisen muss, dass sie ihn falsch beraten hat. Um Verbraucher zu schützen wäre es aber richtig, dass die Bank beweisen muss, dass sie alles richtig gemacht hat. Sie muss dann zum Beispiel beweisen, dass sie einen Anleger ausführlich über die Risiken eines Produkts aufgeklärt hat.

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