Neuemissionen Meldung

Immer mehr Anleger in Deutschland wollen bei den zahlreichen Börsengängen dabei sein und gewinnen. Doch wer unüberlegt zeichnet, ist schnell auf der Verliererseite.

Die Deutschen haben ein altes Gesellschaftsspiel neu entdeckt: Es heißt "Mensch, ärger? Dich nicht" und wird mit Aktien statt Holzfiguren gespielt. Spielplatz ist kein Brett, sondern die Börse. Ansonsten unterscheiden sich die Versionen kaum: Die Aussicht auf Aktien von Infineon entsprach exakt der Wahrscheinlichkeit eines Sechs-Augen-Wurfs. Und doch hat kaum jemand tatsächlich I-Aktien bekommen ­ oder waren Sie etwa dabei? Auch das ist wie beim Brettspiel, jeder kennt es: Die Sechs kommt nicht beim sechsten, sondern frühestens beim dreiundzwanzigsten Versuch ­ der Wahrscheinlichkeit zum Trotz.

So wird es wohl auch bei den T-Online-Aktien sein, die neulich verteilt wurden, so wird es mit SAP Systems Integration enden, die im Mai an den Neuen Markt kommen, so wird es auch beim Börsengang der Deutschen Post AG und bei der Emission von TelePassport und dem IPO von Topnet sein. Und trotzdem werden es die Deutschen wieder und wieder versuchen; sie werden zeichnen, gespannt sein ­ und sich ärgern. Äh, nicht ärgern, natürlich.

Fast keine Verlierer mehr

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Abgesehen davon, dass die wenigsten überhaupt Aktien bekommen, stehen die Chancen für die Geldvermehrung ganz gut. Bei vielen Börsengängen in diesem Jahr lag die Erstnotiz der Aktien über ihrem Ausgabepreis. Die Biodata Information Technology hat den Vogel abgeschossen: Bei einem Ausgabepreis von 45 Euro betrug die Erstnotiz 240 Euro. Das entspricht einem Zeichnungsgewinn von 433 Prozent. Auch die anderen Neuemissionen dieses Jahres starteten erfolgreich. 30, 50, 120 Prozent, ganz egal ­ am ersten Handelstag knallten die Korken. Die Bilanz des vergangenen Jahres fällt weniger günstig aus. Oft war die Erstnotiz mit dem Emissionspreis identisch, manchmal lag sie auch darunter, wie beim Telekommunikationsunternehmen Gigabell, das die Aktien zum Preis von 38 Euro anbot und bei der ersten Notierung 5 Euro verlor.

An die Flauten des vergangenen Frühjahrs denken derzeit nur wenige. Heute geht es nicht mehr darum, ob man einen Zeichnungsgewinn macht, sondern wie hoch er ausfällt. Die I-Aktien haben sich verdoppelt, Ision ist von 69 auf 150 Euro gestiegen, TV Loonland von 25 auf 65 Euro. Nichtsdestotrotz kann passieren ­ und hier sind wir wieder bei den Wahrscheinlichkeiten ­, dass die Emissionen dieses Jahres nicht sämtlich Selbstläuferinnen sind. Lycos, zwar 30fach überzeichnet, lag mit der Erstnotiz dennoch nur auf Höhe des Emissionspreises, Pro DV hat es noch schlimmer erwischt, sie startete über 4 Prozent unter Ausgabepreis.

Langfristig anlegen

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Nicht umsonst sagt Peter Dietlmaier von Goldman Sachs: "Sie sollten sich anschauen, was Sie kaufen wollen." Aktien soll man nicht kurz-, sondern langfristig anlegen. Dietlmaier ist der Ansicht, dass die Aktien die traditionellen Ansparformen ersetzen werden. "Unter dem Gesichtspunkt der Altersvorsorge beispielsweise ergibt es wenig Sinn, wenn man häufig ein- und aussteigt", sagt er und fügt an: "Sie sollten auch die Perspektiven nach dem ersten Handelstag im Auge behalten."

Ein gutes Beispiel ist der Börsengang der Deutschen Telekom vor vier Jahren. Die T-Aktien gab es für 28,50 Mark das Stück, die Erstnotiz lag bei 33,20 Mark, was einem Emissionsgewinn von 16,5 Prozent entsprach. Kein schlechtes Geschäft, doch besser fuhr, wer die Aktien behielt: Inzwischen hat sich der Kurs etwa versiebenfacht. Aber hinterher ist man immer schlauer. Wie soll man wissen, ob Questos Computer, Midat, Grenke Leasing, Spray International, Letsbuyit.com, Jobs & Adverts und wie die Börsenaspiranten sonst noch heißen mögen, Erfolg versprechen? Unternehmen, von denen man nie zuvor etwas gehört, gelesen, gesehen hat?

Vorsprung durch Wissen

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Der Verkaufsprospekt vermittelt verbindlich die wichtigsten Informationen über das Unternehmen. Er beschreibt die Geschäftstätigkeit, sagt etwas zum Management, präsentiert die Bilanzzahlen, analysiert das Branchenumfeld, blickt in die Zukunft und erläutert die Aussichten. Nach der Zulassungsverordnung muss der Verkaufs-, Börsen- oder Emissionsprospekt spätestens einen Tag vor Beginn der Zeichnungsfrist vorliegen. Es gibt ihn bei den Banken, die im Konsortium vertreten sind, an den Börsen, oft auch im Internet und er ist keineswegs eine Formalie. Das Management ist an die Angaben gebunden, doch sind diese dem Börsenneuling nicht unbedingt verständlich. Professor Heinrich Degenhart von der Fachhochschule Nordostniedersachsen drückt es drastischer aus. "Kein privater Anleger liest den Prospekt", behauptet er, "und wenn, kann er nicht viel damit anfangen."

Wissen ist Geld

Informationen können sich die Zeichnungswütigen natürlich auch bei ihrer Bank holen. Das setzt voraus, dass der Bankberater nicht nur das Pflichtgespräch zur Risikoeinstufung führt, sondern auch Auskünfte geben will. In vielen Fällen fehlt dazu schlicht die Zeit, manchmal reicht auch das Guthaben des Kunden nicht aus für ein ausführliches Gespräch. Von Discountbrokern ist in Sachen Beratung ohnehin nicht viel zu wollen. Eine Ausnahme ist die Advance Bank, die allerdings auf die zahlungskräftigen Kunden abzielt.

Die verlässlichsten und durchdachtesten Informationen bieten Analysten, die sich das Start-up, wie ein junges Unternehmen genannt wird, genau anschauen. Direkten Zugang zu Researchberichten haben die private Anleger in der Regel jedoch nicht. Sie können sich die Präsentationen der Unternehmen im Internet vornehmen, Zeitungen durchblättern, Nachrichten hören und sich aus einer Vielzahl von Meinungen, denn um nichts anderes handelt es sich, eine eigene bilden.

Orientieren können sich die Amateurspekulanten auch an dem, was die Profis machen. Wie die Emission eingeschätzt wird, zeigt sich am Telefonhandel, auch Graumarkt genannt, an dem die Aktien oder vielmehr das Recht auf die Aktien vorab gehandelt wird. Viel mehr als einen Anhaltspunkt erhält der Anleger jedoch nicht. In letzter Zeit lag die Erstnotiz regelmäßig unter den Graumarktkursen. Konkret sind nur die Orders. "Zeichnungen unabhängiger Großinvestoren sind ein eindeutiges Qualitätsargument", sagt Professor Degenhart und hat gleich einen Vorschlag parat, wie die privaten Anleger davon erfahren können: Die Banken könnten die Orderbücher öffnen und ins Internet stellen.

Und wir ärgern uns doch

Doch die Banken halten sich, was Informationen betrifft, generell zurück. Sie ziehen es auch vor, die Aktien zuzuteilen, wie es ihnen passt ­ sehr zum Ärger der privaten Anleger, die sich benachteiligt fühlen. Doch: In Deutschland besteht Vertragsfreiheit, das heißt, dass sich das Start-up aussuchen kann, wem es die Aktien gibt.

In der Regel übernehmen nicht die neuen börsennotierten Unternehmen die Verteilung der Aktien, sondern das Konsortium, das sind die Banken, die das IPO begleiten. IPO steht für Initial Public Offering und bedeutet Börsengang. Oft entzündet sich die Kritik daran, dass die Banken die Zuteilungen nach Gutdünken vornehmen, das heißt, vor allem den Wünschen der vermögenden Kundschaft nachkommen. Wenn das Losverfahren schon einen schalen Geschmack hinterlässt, dann noch viel mehr die Geschäftspraxis, nicht allen die gleichen Chancen einzuräumen.

Spiel ohne Regeln

Bei der Commerzbank ist man der Ansicht, dass die Börseneleven dem Geschäft sogar schaden können. Schwankungen, hervorgerufen durch wildes und unüberlegtes Zocken, können durchaus einen ungewollten Kurssturz auslösen. So sich das Börsengeschehen überhaupt einschätzen lässt, wohl am ehesten, wenn sich die Beteiligten an die Usancen halten. "Kunden mit großem Aktienbesitz sind daran interessiert, ihr Geld langfristig anzulegen. Auf einen Zeichnungsgewinn von 3.000 oder 5.000 Mark können sie getrost verzichten." Mit anderen Worten: Sie bringen keine Unruhe ins Spiel.

Auch das ist ganz genauso wie beim Mensch-ärger'-Dich-nicht. Niemand wird gern mit der kleinen Nervensäge spielen, die bei jeder Sechs zu kreischen anfängt und vor lauter Aufregung sämtliche Figuren vom Brett fegt.

Die Nervosität der Kleinanleger beunruhigt nicht nur Analysten, sondern auch die Unternehmen. Wenn die Aktien nicht mehr aus unternehmerischen Gründen, sondern nur noch der Spielsucht wegen erstanden werden, erschwert das die Arbeit des Vorstands. Managementideen, die auf Spekulationsblasen gebaut sind, können von einem Tag auf den anderen platzen.

Liveübertragung

Doch um die Normalität im Börsenalltag geht es den Banken nicht allein. Ihnen allen, nicht bloß der Commerzbank, liegt daran, die Gewinn bringenden, weil vermögenden Kunden an sich zu binden. Ein kleines Zuteilungsbonbon tut gut im Kampf um den privaten Zaster. Die DG Bank rühmt sich als das Vorbild der gläsernen Emission. Tatsächlich veröffentlicht das Institut penibel, wie viel Prozent der Aktien an die institutionellen und wie viel an die privaten Anleger verteilt werden. Wenn dort steht, dass jedes sechste Depot Aktien bekommt, dann stimmt das auch. Die DG Bank übernimmt die Verlosung für die angeschlossenen Volks- und Raiffeisenbanken und verhindert somit Mauscheleien vor Ort.

Das ist ein Schritt zur Transparenz. Auf der Hand liegt, dass es keinen Sinn hat, Aktien in geringen Mengen zuzuteilen. Dann bleibt nach Kauf, Verkauf und Abzug von Gebühren nämlich nichts mehr übrig. Das Losverfahren ist also nicht die schlechteste und im Übrigen auch nicht die ungerechteste Methode ­ vorausgesetzt, jeder hat gleich viele Lose im Topf.

Die Deutsche Schutzgemeinschaft für Wertpapierhandel (DSW) fordert das "first in, first serve"-System einzuführen. Dem Vorteil, dass die Kunden das Geschehen zumindest ein bisschen beeinflussen können, indem sie schnell sind, steht der Nachteil gegenüber, dass noch weniger Anleger als jetzt sich über das Unternehmen informieren, dessen Aktien sie zeichnen wollen. Und der Ansturm auf die überlasteten Banken wird sich in den Anfangstagen noch verstärken.

Fairplay per Auktion

Professor Degenhart plädiert für das Auktionsverfahren, bei dem der Preis wie sonst am Markt üblich durch Angebot und Nachfrage gebildet wird. Die Unternehmen erhalten den Preis für die Aktien, den sie am Markt wert sind, das ist bei überzeichneten Emissionen in der Regel mehr als die Konsortialbanken im Bookbuilding vorgeben. Je nach dem, welches Gebot die privaten Anleger abgegeben haben, bekommen sie auch Aktien. Doch wissen gerade sie oft nicht, welcher Preis gerechtfertigt ist. Je größer das Fieber, desto höher die Bereitschaft, zu viel zu bieten. Schaden kann es dem Einzelnen nicht, weil er nicht mehr als den Emissionspreis zahlt. Doch es kann den Preis treiben, was weniger den Aktionären denn den Unternehmen nützt. Daher kann man davon ausgehen, dass in schlechteren Zeiten, wenn nicht jeder Börsengang einen Riesenerfolg verspricht, die Neulinge ein Auktionsverfahren gar nicht erst anbieten.

Die Trius-Manager waren die ersten, die es gewagt haben, und sie haben Glück gehabt. Vielleicht waren sie auch nur besonders schlau. Das ist im wirklichen Leben nämlich wie im Spiel: Den sicheren Sieg vor Augen fällt es leicht großzügig zu sein.

Oder haben Sie noch nie die Holzfigur Ihres Mensch-ärger'-Dich-nicht-Gegners übersehen? Gnädigerweise? Und ein klein wenig, weil es Ihnen besser zupass kam? Sehen Sie. Und Trius hat mehr Geld verdient, weil es kein Bookbuilding und keinen vorab festgesetzten Kurs gegeben hat.

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