Jetzt sind in Deutsch­land Fernbus­verbindungen erlaubt. Die Anbieter locken mit Spar­preisen, WLan und Freundlich­keit. Wir sind mitgefahren. Der erste Eindruck ist positiv.

„Fern­strecke ist neu für mich“, sagt die junge Busfahrerin, während sie den Fahrersitz des funkelnagelneuen Busses einstellt. „Bisher bin ich Stadt­linie gefahren.“ Die Busfirma hat ihr einen Mentor zur Seite gestellt, einen älteren, offen­bar erfahrenen Fernbusfahrer. Während der Fahrt über­nimmt er auch den Service. Die Tour führt von Nürn­berg über Frank­furt am Main nach Köln, rund 430 Kilo­meter quer durch Deutsch­land. Es sind nur wenige Gäste an Bord, alle fahren zum Kennen­lern­preis von einem Euro.

Der Bus gehört zum Münchner Start-up-Unternehmen Flixbus. Seit Februar bietet es Fernbus­verbindungen an. Diese Möglich­keit verdankt es einer Gesetzes­änderung. Jahr­zehnte­lang verbot ein Passus im Personenbe­förderungs­gesetz, dass Busse parallel zur Bahn Städte­verbindungen in Deutsch­land anbieten. Es gab nur wenige Ausnahmen, haupt­sächlich auf Linien von und nach Berlin. Seit 1. Januar 2013 ist das anders. Jetzt können Reisende ähnlich wie in Italien, England, Spanien oder in den USA auch hier­zulande den Fernbus als Alternative zum Auto oder zur Bahn wählen.

Mindestens 50 Kilo­meter

Mit Fahr­rad. Vier Anbieter nehmen auch Fahr­räder mit. Das kostet 9 oder 10 Euro. Der Platz ist aber begrenzt.

Der Gesetz­geber erlaubt aber nur Linien mit einer Mindest­länge von 50 Kilo­metern. Damit will er den hoch subventionierten öffent­lichen Nahverkehr schützen. Was aber bringt die neue Freiheit für die Fahr­gäste? Was bieten die Busse? Was kosten sie, sind sie pünkt­lich? Um einen ersten Eindruck zu bekommen, sind wir einmal quer durch Deutsch­land gefahren. Stationen waren unter anderem Hamburg, Frank­furt/Main und Heidel­berg. Fünf große Anbieter haben wir ausprobiert.

Zwei bieten Busreisen schon seit vielen Jahren an: Berlin Linien Bus und Deutsche Touring. Die anderen sind Neugründungen (Tabelle). City2city, die deutsche Tochter des britischen Trans­port­unter­nehmens National Express, konnten wir noch nicht unter die Lupe nehmen, da seine Busse erst im April gestartet sind.

Das Geschäfts­modell der großen Fernbusanbieter ähnelt sich: Sie sorgen für den einheitlichen Marken­auftritt, die Linienplanung und Preis­gestaltung sowie das Marketing und die Buchung. Regionale Buspartner führen die Fahrten durch. In der Regel gehören ihnen auch die Busse.

Die Bahn fährt auch Bus

Mit Computer. Bei fünf Anbietern kann der Reisende während der Fahrt über das kostenlose WLan surfen.

Unsere Probefahrt startete von Berlin nach Hamburg mit einem der ältesten Fernbus­unternehmen, dem Berlin Linien Bus (BLB). Hier macht sich die Bahn selbst Konkurrenz: Sie ist über ihre Tochter Bex zu 65 Prozent am Berlin Linien Bus beteiligt. Die BLB-Doppel­stock­busse fahren bis zu 14- mal am Tag von der Spree zur Alster. Die Bahn bietet parallel etwa 20 Verbindungen an. Den Bus nutzen haupt­sächlich jene, die sparen wollen. Die Bahn­fahrt kostet fast das Dreifache (ICE-Normal­preis). Dafür sind Reisende auf der Schiene nicht einmal halb so lange unterwegs wie auf der Straße.

Der positive Eindruck auf unserer ersten Reise bestätigte sich auf den späteren Touren, von kleinen Ausrutschern abge­sehen. Die Fahrt in den recht neuen Bussen war immer angenehm, nicht zuletzt deshalb, weil oft nicht einmal jeder zweite Platz besetzt war. Die Sitze sind bequem, lassen sich recht weit verstellen und bieten auch für Größere ausreichend Beinfreiheit.

Auf einem Klapp­tisch­chen an der Lehne des Vordersitzes kann der Fahr­gast Getränke abstellen. Viele der Jüngeren haben ein Notebook auf dem Schoß. Sie nutzen das kostenfreie WLan, das bei fünf Busanbietern zur Verfügung steht. Der Berlin Linien Bus rüstet gerade nach.

Nicht alle verkaufen Getränke

Mit Koffer. Ein Koffer wird meist kostenlos trans­portiert. Berlin Linien Bus verlangt 1 Euro Aufpreis.

Die Ausstattung ähnelt sich. Es gibt aber ein paar Besonderheiten. Arbeits­tische mit vier gegen­über­liegenden Sitzen, ähnlich wie im ICE, haben wir zum Beispiel nur im Doppel­decker vom Berlin Linien Bus gesehen. Die versprochenen Zeitungen und Magazine gab es auf unserer Fahrt aber nicht. City2city und Deutsche Touring verkaufen keine Getränke. Die Toiletten waren über­all beengt, fast immer gab es die Durch­sage, dass Männer ihr kleines Geschäft bitte im Sitzen absol­vieren sollen.

Das Frank­furter Unternehmen Deutsche Touring bietet seit langem Busreisen auf interna­tionalen Stre­cken an. Es glaubte, die inner­deutschen Teil­stücke, auf denen bisher nicht gehalten werden durfte, jetzt einfach anbieten zu können. Die Behörden verlangten jedoch einen Änderungs­antrag, was den nationalen Start der Fernbusse von Touring um einige Monate verzögerte.

Wir sind ein Teil­stück auf der schon seit 2005 bestehenden Touring-Nacht­verbindung von Hamburg nach Mann­heim mitgefahren. Der Komfort entsprach dem Üblichen, aber es fehlten die Klapp­tische an den Sitzlehnen, und der Fahrer sprühte nicht gerade vor Freundlich­keit. Informationen gab er keine. Dafür raunzte er ins Mikrofon, als ein Fahr­gast ein Brötchen auspackte: „Der Bus ist kein Restaurant. Bitte unterlassen Sie das Essen.“

Ob die neuen Anbieter neben den güns­tigen Fahr­preisen dauer­haft mehr Service und Freundlich­keit bieten oder ob hier das Motto gilt, dass neue Besen gut kehren, sei dahin­gestellt. Jedenfalls waren die Fahrer von Dein Bus, Flixbus oder Mein Fernbus ausgesprochen freundlich und hilfs­bereit. Dass all unsere Probefahrten pünkt­lich ans Ziel kamen, dürfte eher Zufall sein. Der Flixbus von Nürn­berg nach Frank­furt erreichte seinen ersten Stop in Erlangen sogar 15 Minuten zu früh. Das sei nicht üblich, räumte der Busfahrer ein. Nicht immer ist die Verkehrs­situation so entspannt wie an diesem Sams­tagvormittag.

Das Interesse ist groß

Wie geht es auf dem Fernbusmarkt weiter? Der Discounter Aldi ist im April gemein­sam mit dem Bonner Bus-Unternehmen Univers mit zehn Linien und Preisen ab 9,90 Euro gestartet. Ein weiterer Großanbieter steht in den Start­löchern. Der ADAC und die Deutschen Post wollen zum Jahres­ende Fernbusse auf die Straße schi­cken.

Ob für alle genügend Kunden da sind, muss sich noch erweisen. Der Fernbus wird sich auf jeden Fall da durch­setzen, wo das Bahnnetz Lücken hat. Das Kölner Markt­forschungs­institut YouGov verbreitet auch sonst Optimismus. Sein Resümee nach einer Umfrage: „Das Interesse der Deutschen an Fernbus­linien ist groß“ – über alle Alters­gruppen hinweg.

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