Nebenjobs Meldung

"Kein Vertreterbesuch, kein Klinkenputzen" ­ das versprechen Nebenjob-Annoncen. Wer sich darauf einlässt, erlebt Schlimmeres als das, was Loriot im Bild humorvoll aufs Korn nimmt. Statt Arbeit gibts dreiste Abzockerei.

"Leichte Heimtätigkeit", warben die Annoncen, "bei freier Zeiteinteilung" und tollen Löhnen: "26,80 Mark die Stunde", hieß es, 40 Mark Stundenlohn, sogar über 100 Mark sollten drin sein. Doch am Ende hatten wir bei unserer Stichprobe keine müde Mark verdient, sondern über tausend in den Sand gesetzt. Was wir von Nebenjobangeboten vor Ort erlebten, lässt sich an Frechheit kaum überbieten.

Statt Jobs zu bekommen, wurde uns Geld genommen ­ manchmal mit einer solchen Unverfrorenheit, dass uns fast die Spucke wegblieb: "Verbraucherschützer zocken ab", warnte Top-Marketing & Consulting - ausgerechnet unsere Testperson, die sich anonym auf ein Inserat gemeldet hatte. Verbraucherschützer, so die Firma, beuten Ratsuchende aus und sacken Profite ein. Besser, so der Tipp, die "Beratungsopfer" wenden sich an Top-Marketing. Dort gebe es neben Infos auch noch Jobs.

Kabel und Halsketten

Nebenjobs Meldung

Die drei Vertreter im Sketch von Loriot haben es geschafft: Ihnen beschert der Nebenjob auch noch einen netten Nachmittag bei Frau Hoppenstedt.

Wer darauf hereinfällt, bekommt ungeniert die Aufforderung, Geld zu schicken: 540 Mark für das Startpaket, um zu Hause Adressen zu schreiben. Oder 60 Mark für ein Infopaket "Kabelmontage ", 100 Mark für Infos zum Kurierdienstfahren, 100 Mark für Versandhandel vom Küchentisch aus und so weiter.

Wir nahmen die Kabelmontage. Doch statt Arbeit gab es jede Menge Papier, auf dem rosige Verdienstmöglichkeiten vorgerechnet wurden. Und am Ende die Forderung, noch mehr Geld zu zahlen: 93,80 Mark als Kaution für Material.

Nach diesem Muster laufen zahlreiche Jobangebote. Wer sich meldet, erhält ein paar billigst kopierte, eng bedruckte Zettel mit tollen Verdienstmöglichkeiten. Genaueres erfährt nur, wer vorher zahlt: meist Summen bis 100 Mark.

Dafür gibts dann noch mehr Zettelchen und tolle Sprüche. Im besten Fall kann man Material bestellen, zum Beispiel um Wundertüten zu füllen, Halsketten zu basteln, Kugelschreiber zu montieren. Einige Abzocker liefern ein wahres Feuerwerk an Jobideen:

Bastelarbeiten, Häkelblumen, Sticken, Stricken, Seidenmalerei, Prospekt-Falz-Etiketten-Services. Gutgläubigen wird selbst der größte Schwachsinn angedreht, allen Ernstes mit "Gebietsschutz und Abnahmegarantie" ­ natürlich immer gegen Schutzgebühr, meist 40 bis 100 Mark.

Dieter Lang vom Verbraucherschutzverein, der seit Jahren gegen unseriöse Jobanbieter vorgeht, weiß, was geschieht, wenn die gebastelten Produkte an die Firmen zurückgeschickt werden: Entweder bekommt der Bastler sie mit der Begründung zurück, die Arbeiten seien zu schlecht ausgeführt. Oder er hört von der Firma gar nichts mehr. Oder es heißt, die "Abnahmegarantie" bedeute nur, dass sich das Produkt generell verkaufen lasse, man die Kunden dafür aber selber finden müsse.

In Wahrheit ist das Infomaterial selbst die Geschäftsidee. Ausdrücklich steht dort, dass man es vervielfältigen darf. Der "Superverdienst durch Versandhandel" bedeutet, dass man die Papiere kopiert, selber Nebenjobs inseriert und das Material dann gegen Geld weiter versendet. Eine reine Abzockerei, hinter der überhaupt kein echtes Jobangebot steht. Wir jedenfalls bekamen identisches Material über Anzeigen bundesweit ­ von der Ostsee-Zeitung bis zum Münchner Merkur.

Auch der bekannte Norman-Rentrop-Verlag mischt da mit. "Heute ist der Tag, an dem sich Ihr Leben vielleicht grundlegend verändern wird", beginnt ein unsäglicher Jubelbrief, mit dem wir zwar keinen Job, dafür aber eine Zeitschrift mit dem optimistischen Titel "Chef" bekamen. Das Abonnement haben wir angesichts des fürstlichen Preises von 24,80 Mark (pro Exemplar!) abgesagt.

Reisebegleitung

Bei so viel Dreistigkeit schien das Inserat "Berater in der Reisebranche" eine Oase an Seriosität. "Mengers Fernreisen" verlangten keine Vorkenntnisse: Unabhängig sein, Menschen mögen, ein bisschen Englisch ­ schon sollte unser Tester nach Thailand als Reisebegleiter. Aber zuvor noch eine Kleinigkeit: Die Reisen mussten erst verkauft werden, dazu das Buch "Thailand-Saga" mit vielversprechendem Inhalt: "Sex, Gewalt, Melancholie". Sagenhaft fanden wir die Reisepreise von 7.800 bis 26.750 Mark.

Doch alles kein Problem, schrieb der Buchautor, ein "Herr Menger v. Bessungen". 6.000 Mark Monatsverdienst seien locker drin. Er selbst habe schon seine erste Million gemacht ­ kein Wunder bei so viel Unverfrorenheit: Unterschrift bitte rechts unten auf den Lizenzvertrag (45 Mark) und dazu 168,60 Mark für das Startpaket als "Home-Reisebüro".

0190-Telefonnummern

Ähnlich teuer wird die Sache mit 0190-Nummern. Oft wird in der Jobanzeige eine Nummer mit normaler Ortsvorwahl genannt. Wer anruft, hört ein Tonband, das auf eine weitere Rufnummer verweist, dann aber mit 0190-Vorwahl zu 3,63 Mark pro Minute. "Top-Verdienst mit Ihrem PC" heißen solche Anzeigen oder "Überführungsfahrer gesucht" und "Wir brauchen Testfahrer".

Was wir bei den Anrufen dort zu hören bekamen, war derart wirr, dass es sich kaum beschreiben lässt. Beispiel Überführungsfahrer: "Autos sind in Spanien billiger, Sie können einen Pkw im Internet inserieren, statt 600 Mark kostet die Überführung nur 186 Mark, Sie können jederzeit in eine andere Dienstleistung wechseln, Annoncen sind gratis." Das Ganze ist darauf angelegt, dass der Jobsucher möglichst viele Rückfragen stellt, weil er nichts versteht. Ist er endlich weichgekocht, kommt am Ende der einzige klare Hinweis: "Weitere Informationen per Nachnahme zu 186 Mark."

Finanzdienstleister

Professioneller arbeiten Firmen in der Finanzbranche. "3.300 Mark sofort! Kein Verkauf, keine Versicherung!" jubelte zum Beispiel eine Anzeige der Firma Bilanz. Im Anzug, sichtlich um Seriosität bemüht, empfing uns ein Mitarbeiter. Es gehe um "Beratung in Steuerangelegenheiten", hieß es.

Per Steuer-Strukturanalyse, im Profijargon cool SSA, soll bei 4.700 Mark Bruttogehalt die Steuerbelastung auf Null sinken. Wie dieses Wunder funktioniert, verriet man leider nicht - auch nicht, woraus unser Job bestehen sollte. Die Geheimniskrämerei ging tagelang munter weiter, erst beim vierten Termin kam Licht ins Dunkel: Eine fondsgebundene Lebensversicherung sollte unsere Testperson abschließen, und zwar gleich sofort. Rigoros wurde sie unter Druck gesetzt, die Sache sei eilig, Bedenken unnötig, 15 Prozent Rendite garantiert.

Ähnlich die "Millenniums-Chance": 35.000 Mark lägen bis Jahresende für uns bereit, annoncierte der Finanzvertrieb OVB. Das wären fast 12.000 Mark monatlich. Dafür sollten wir Geldanlagen und Versicherungen verkaufen ­ ein Gebiet, von dem unser Tester, der sich als Kartenverkäufer im Theater ausgab, nicht die mindeste Ahnung besaß.

Immerhin versprach der OVB eine dreimonatige Anlernphase. Sparpläne zu verkaufen sei kein Problem, denn man habe beste Argumente: Nach nur siebenjährigem Sparen von monatlich 100 Mark könne ein 45-jähriger 230.000 Mark Rente realisieren. "Könnte", denn der Ärmste würde ­ eine Rendite von durchschnittlich sieben Prozent pro Jahr unterstellt ­ erst mit 97 Jahren diese Privatrente antreten. Kein Wunder, dass der OVB-Vertreter um Fachleute lieber einen Bogen zu machen schien. Banker und Versicherungsexperten rekrutiere man nicht mehr als Mitarbeiter: "Die sind nicht flexibel genug."

Vorsicht: MLM

Besondere Vorsicht ist angesagt, wenn der Gesprächspartner am Telefon weder Firmennamen noch Firmenzweck nennt. Das erlebten wir vor allem bei Amway und Herbalife. Da wurde nebulös von der "riesigen Chance zum Erfolg" fabuliert, von einem "neuartigen System", von "fantastischen Verdienstaussichten". Ein Haus im Grünen, ein Mercedes: alles in greifbarer Nähe.

Doch nach unserer Ansicht dürfte sich der erhoffte Erfolg nur selten einstellen. Bei der Stiftung Warentest melden sich immer wieder enttäuschte Nebenjobber. Diese Firmen arbeiten wie viele andere auch nach dem "Multi-Level-Marketing", kurz MLM. Der Kunde A kauft Waren ­ Lebensmittel, Kosmetik und so weiter ­ für sich selbst und freut sich über einen angeblichen Preisnachlass von zum Beispiel 50 Prozent.

Gleichzeitig schreibt er sich als Mitarbeiter ein, ersteht also noch mehr Ware, um sie weiterzuverkaufen. Die so gefundenen Neukunden steigen dann wiederum als Mitarbeiter auf Ebene (Level) B ein und werben weitere Kunden. Mitarbeiter A bekommt zusätzlich Provisionen auf die Verkäufe, die die von ihm geworbenen neuen Mitarbeiter erzielen.

Besonders oft stießen wir auf die Firma Herbalife, die hinter Anzeigen wie: "Tolle Geschäftsidee für Mütter" oder "Hilfe, bei mir boomt das Geschäft" steckte. Ein Inserat in der Ostsee-Zeitung versprach 12.284 Mark monatlich. Unter der angegebenen Rufnummer gab es die kostenlose "Gelbe Broschüre", vollgestopft mit Erfolgsgeschichten von vormals armen Arbeitssklaven, die heute reich sind.

Für 59 Mark bestellten wir das Info-paket: noch mehr Geschichten, noch tollere Verdienstaussichten. Zwei Tage später klingelte das Telefon: Lebensumstände, Beruf und soziale Stellung unseres Testers wurden detailliert abgefragt. Es gehe um Ernährung, Gewichtsreduzierung, Natur, hieß es in überschwänglicher Begeisterung, und der ganze Segen komme aus Amerika.

Dann das nächste Infopaket: diesmal zwei Videos, darauf jede Menge Millionäre, dicke Autos, Häuser, Reisen. Leider hatten wir den Job immer noch nicht. Und nach dem vierten Gespräch wollten wir ihn auch nicht mehr. 8.000 Mark sollten wir investieren, um damit in die Organisation einzusteigen. Pillen kaufen, selber Pülverchen schlucken, per Anzeige weitere Jobsucher anwerben ­ so hatten wir uns den Zuerwerb nicht vorgestellt.

Zumal Herbalife unter Verbraucherschützern einen schlechten Ruf hat. Oft versprechen die Vertreter gesundheitliche Wirkungen: "Ein Verstoß gegen das Heilmittelwerbegesetz", erklärt Angela Clausen von der Verbraucherzentrale (VZ) Nordrhein-Westfalen. Die VZ Hamburg ist mehrfach juristisch mit Herbalife aneinander geraten. Eine "geschickte und intensive Prozesstaktik" bescheinigt ihnen VZ-Juristin Edda Castello.

Ähnlich läuft es bei Amway. Hier werden Nahrungsmittel, Kosmetika und anderes verkauft. Es wurde auffallend großer Wert darauf gelegt, den Ehepartner zum Vorstellungsgespräch mitzubringen. Offenbar soll der gleich mit überzeugt werden, damit zu Hause niemand ist, der Bedenken anmelden könnte.

Viele MLM-Firmen erinnern an Psychosekten: Es wird Glück, Sicherheit, ein neues Leben versprochen - natürlich nur innerhalb der MLM-Gemeinde. Die Mitarbeiter werden auf stundenlangen "Schulungen" förmlich infiziert. Das sind Jubelveranstaltungen, bei denen ständig jemand von der Bühne herab begeistert seine Erfolge schildert. Erfahrungsgemäß sind die ersten Neukunden Freunde und Verwandte. Doch denen wird es bald zu dumm, jede Zahnbürste und jedes Shampoo erst bei ihrem MLM-Bekannten zu bestellen. Viele Jobsucher sitzen am Ende auf ihren Waren fest und werden im Bekanntenkreis gemieden, weil sie ständig mit Bestellangeboten nerven.

Staubsaugen und Massage

Ähnlich läuft es bei Kirby. Hier munkelte man am Telefon geheimnisvoll, es gehe um ein "neuartiges Elektrogerät" mit 70 bis 80 Einsatzmöglichkeiten ­ ideal zum Heimwerkern, Autowaschen und sogar für die Rückenmassage. Knapp 4.000 Mark koste der Spaß, der im Haushalt wohl meist als Staubsauger eingesetzt wird. Ziemlich laut fand unser Jobsucher das Gerät ­ und ziemlich teuer. Immerhin sollte er pro Verkauf bis zu 1.200 Mark Provision einstreichen.

Doch mit dem Verdienst kann es schwierig werden: Ein ausgelastetes Kirby-Gebiet, so der Vertreter, bringe monatlich ein verkauftes Gerät pro 1.000 Haushalte. Das würde bei Staubsaugern einem Marktanteil von zwölf Prozent entsprechen - bisher schaffen alle No-Name-Produkte zusammen nicht mal die Hälfte.

Weitere typische Maschen

Hier eine Auswahl weiterer Tricks, deren Opfer immer wieder beim Leserservice der Stiftung Warentest oder bei den Verbraucherzentralen um Hilfe bitten:

Seminare verkaufen: Hier soll der Jobsucher sich erst einmal weiterbilden, bevor er den Job bekommt. Dazu muss er Seminare besuchen, und die kosten meist einige hundert Mark.

Visitenkarten: Der Jobsucher kauft Visitenkarten mit Aufdrucken wie "Nebenjob zu vergeben" zu überhöhtem Preis. Die verteilt er in der Fußgängerzone oder auf Parkplätzen. Meldet sich ein Interessent, verkauft er ihm Visitenkarten.

Horoskope: Sie werden oft als "Heimverdienst mit Ihrem PC" beworben. Probleme: Das Programm kostet mitunter einige tausend Mark, der Jobber muss sich selbst auf die Suche nach Kunden machen, die Horoskope sind wertlos.

Model / Casting / Begleitagentur: Hier soll man als Fotomodel, Filmstatist oder Begleitperson für Geschäftsleute Geld verdienen. Zuvor muss man aber in einen Fotokatalog aufgenommen werden - und der Fotograf verlangt für seine Arbeit einige hundert Mark.

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