Navi Test

Es muss nicht unbe­dingt ein Navigations­gerät sein. Navi-Apps machen Smartphones zum Wegweiser. Manche lotsen sogar besser als reine Navis.

Der Kreis­verkehr um den Arc de Triomphe herum ist für Parisbesucher ein Nervenkitzel. Wer den Über­blick verliert, verfährt sich schnell. Wie wohl tut da die Stimme von Lisa, der TomTom-Sprach­ansage: „Nach 80 Metern halten Sie sich links, Avenue des Champs-Elysées. Dann fahren Sie durch den Kreis­verkehr. Nach 200 Metern fahren Sie durch den Kreis­verkehr, Avenue Foch.“ Verständlich und recht­zeitig weist Lisa den Weg. Besser geht es kaum. Die Nokia Navigation dagegen sagt nur: „Nehmen Sie nach 200 Metern im Kreis­verkehr die sechste Ausfahrt.“ Keine Angaben zur Spur oder Straße.

Beide Ansagen tönen aus Smartphones an der Wind­schutz­scheibe. Möglich machen das Navigations-Apps. Sie rüsten Smartphones zu Navigations­geräten auf. Wer ein gutes Smartphone besitzt, braucht kein separates Navi mehr. Das Kuriose: Manche Smartphones mit Navi-App führen besser zum Ziel als reine Navigations­geräte. Im Test vertreten sind neun Apps für die Betriebs­systeme Android, iOS und Wind­ows Phone sowie vier neue Navigations­geräte. Die Preise reichen von 0 bis 276 Euro. Die Apps haben wir auf besonders guten Smartphones getestet: auf dem iPhone 4S und auf dem Samsung Galaxy S II. Sie bieten kräftige Laut­sprecher, die Fahr­geräusche und Kinder­geschrei über­tönen. Und sie verfügen über helle Bild­schirme, auf denen auch bei Sonnen­schein etwas zu erkennen ist. Nokia Navigation haben wir auf Nokia Lumia 800 getestet, auf dem es vorinstalliert ist. Auf billigen Handys beein­drucken die Apps weniger.

Bessere Prozessoren in Smartphones

Duos aus leistungs­starken Smartphones und App haben allerdings ihren Preis. Herkömm­liche Navigations­geräte sind für etwa 100 bis 300 Euro zu haben. Allein das iPhone kostet 615 Euro, das Samsung Galaxy 415 Euro, das Nokia Lumia 430 Euro. Dafür besitzen sie bessere Bild­schirme und Prozessoren als die meisten Navis. Das wird schon bei der Routenbe­rechnung deutlich: Die meisten Apps zeigen 100-Kilo­meter-Routen nach 2 bis 4 Sekunden an. Damit kann nur das Navigon 92 Premium mithalten. Die güns­tigen Navis von a-rival, Medion und Mio brauchen für die gleiche Route 11 bis 15 Sekunden. An einer 1 000-Kilo­meter-Route rechnet Mio mehr als 50 Sekunden. Zudem reagieren Navi-Bild­schirme meist schwerfäl­liger auf Berührungen.

Mit dem Preis sinkt der Komfort

Am besten lotst die TomTom-App durch den Verkehr – sogar etwas besser als das TomTom Go Live 825 aus dem letzten Test von Navigationsgeräten (test 02/2012). Die TomTom-App gibt es jedoch nur fürs iPhone. Ebenfalls gut navigieren die Apps von Garmin, Navigon und Sygic.

Ans Ziel führen auch die Billig-App von Skobbler sowie die kostenlosen Anwendungen von Google und Nokia, allerdings weniger komfortabel. Sie haben keinen Spurassistenten. An kniff­ligen Abzweigungen nimmt der Fahrer leicht die falsche Ausfahrt. Nokia und Skobbler können auch keine Straßennamen vorlesen. Ihnen fehlt die Vorlesefunk­tion „Text to speech“. Alle übrigen Apps und Geräte im Test sagen Straßennamen an: „Biegen Sie bei der nächsten Kreuzung links in den Lützowplatz.“ Das erleichtert die Orientierung. Google über­treibt das Vorlesen von Straßennamen wiederum: In Gegenden mit vielen Kreuzungen plappert die App ohne Unterlass.

Die Ansage tönt unver­drossen weiter

Klingelt unterwegs das Smartphone, sind bei den meisten Apps zwei Fingertipps erforderlich: einer, um den Anruf anzu­nehmen, ein zweiter, um den Laut­sprecher einzuschalten. Schlecht für Orts­fremde: Fahr­anzeigen verschwinden meist beim Gespräch. Dafür laufen die Ansagen weiter – bei vielen Apps in leisem Ton. Doch bei bei den Android-Apps von Navigon und Sygic tönt die Ansage unver­drossen weiter. Das stört sowohl den Fahrer als auch den Anrufer, der alles mithört.

Beim Telefonieren ist ausgerechnet ein Navigations­gerät komfort­abler als die Smartphones: Das Medion verbindet sich über Bluetooth mit dem Handy. Bei Anrufen reicht ein Klick zum Annehmen. Während des Gesprächs läuft die Fahr­anzeige weiter, die Ansage schweigt. So soll es sein.

Navigation im Ausland kostet extra

Fast alle Apps speichern die Karten an Bord des Smartphones, das die Route berechnet, Onboardnavigation genannt. Das erfordert Speicher­platz: zwischen 2 und 4 Gigabyte. Google dagegen ruft die Karten für jede Route von Rechnern ab (offboard). Vorteil: Die Berechnung nutzt neueste Karten. Nachteil: Das Smartphone kann ohne Daten­verbindung nicht navigieren. Auch Nokia braucht zur Routenbe­rechnung eine Internet­verbindung. Auf Test­fahrten von 150 Kilo­metern verursachte die Offboardnavigation bis zu 1 Megabyte Daten­verkehr.

Navi Test

Ohne Daten­verbindung verschwimmt die Google-Karte. Mit zunehmender Entfernung zeigt sie weniger Details.

Wer eine Offboardnavigation nutzt, braucht einen passenden Daten­tarif, erst recht im Ausland. Inner­halb der EU dürfen Daten­verbindungen ab 1. Juli höchs­tens 84 Cent je Megabyte kosten. Doch wer in die Schweiz fährt, zahlt bei manchen Anbietern 15 Euro je Megabyte. Die Karten zuhause herunter­laden und ohne Daten­verbindung fahren ist auch keine Lösung. Die Google-Karte verschwimmt, zeigt kaum Details. Nokia bietet inzwischen ein Software­update. Damit erfolgt die Navigation an Bord.

Kosten­pflichtiger Daten­verkehr kann auch bei Onboard­systemen entstehen – zum Beispiel durch optionale Live-Dienste, die vor Staus warnen. Außerdem unterstützen viele Smartphones die GPS-Ortung mit aktuellen Satelliten­positionen. Wer das nicht möchte, sollte alle Ortungs­methoden bis auf GPS ausschalten oder die Daten­verbindungen komplett unterbinden (siehe test.de/datenverkehr-ausschalten).

Pass­wort unver­schlüsselt

Die ausgeschaltete Daten­verbindung hat einen weiteren Vorteil: Die App kann keine Daten schi­cken. Einige Programme senden zu Beginn der Routenführung Gerätekennung oder Stand­ort – ohne Wissen des Nutzers. Für die Navigation ist das unnötig, es nutzt höchs­tens dem App-Anbieter. So kann er Bewegungs­profile erstellen. Wir bewerten das kritisch. Als sehr kritisch stufen wir den Daten­schutz bei ALK und Sygic ein: Beide über­tragen die E-Mail-Adresse, also den Benutzer­namen, und das Pass­wort unver­schlüsselt. Nur bei Garmin, Google und TomTom haben wir keine über­flüssigen Daten­ströme fest­gestellt (siehe auch „Datenschutz bei Apps“).

iPhone-Nutzer zahlen mehr

Verschwenderisch gehen manche Apps auch mit dem Akku des Smartphones um. Nokia Navigation saugt die Batterie inner­halb einer Stunde und 40 Minuten leer. Mit der Skobbler-App auf dem iPhone ist nach zwei Stunden Schluss. Mit der Garmin-App hält derselbe Akku doppelt so lange.

Wer eine Navi-App für sein Smartphone kauft, sollte nur die Karten laden, die er braucht. Das spart Platz und Geld. Beispiel TomTom: Die Karten für Europa kosten 90 Euro, für Deutsch­land, Österreich, die Schweiz 50 Euro. Weiterer Vorteil: Fast alle Apps liefern gratis Aktualisierungen. Nur bei den Apps von ALK und Navigon sowie bei den Geräten kosten neue Karten.

Happig ist der Preis­unterschied zwischen den Betriebs­systemen: In Apples App Store kostet Navigon Europe 90 Euro, bei Google Play 60 Euro.

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