Navi-Verkehrs­dienste: Stau war gestern

Navi Test

Es stockt. Live-Dienste empfehlen alternative Routen.

Ein Live-Dienst führt schneller ans Ziel als andere und schlägt auch Google Maps.

Alles steht still. Nur der Puls des Fahrers rast. Sein Auto steckt im Stau, reiht sich ein in eine schier endlose Schlange auf der Auto­bahn. Einen Ausweg versprechen ihm Navi-Verkehrs­dienste. Sie registrieren den Verkehrs­fluss und senden Staumeldungen in Echt­zeit aufs Navigations­gerät – samt Vorschlägen für Umfahrungs­routen. Im Ideal­fall weicht der Nutzer dem Stau aus, bevor er darin fest­sitzt.

Schlagen die Live-Dienste Staus wirk­lich ein Schnipp­chen? Wir schickten fünf Autos ins Rennen und prüften fünf Verkehrs­dienste exemplarisch. Mit von der Partie waren die Live-Dienste der Navianbieter Becker, Garmin und Tomtom, der schon etwas ältere Staumelder TMC sowie die App Google Maps. Mit dem Smartphone Samsung Galaxy S 5 an der Wind­schutz­scheibe ließ sich der fünfte Fahrer von der Auto­navigation der App leiten.

Jeder Wagen fuhr mit einem anderen Dienst. Die Autos waren zu Stoß­zeiten im Ruhr­gebiet unterwegs. Dort fließt viel Verkehr, und das Straßennetz bietet genug Ausweich­möglich­keiten. Auf 14 Routen mit jeweils demselben Start- und Ziel­ort folgten Fahrer und Auto den Empfehlungen ihres Verkehrs­dienstes.

In Schnel­ligkeit war Tomtoms Live-Dienst Traffic nicht zu über­treffen. Er reagierte flugs und bot meist sinn­volle Umfahrungen an. Dicht­auf lag die Google-App Maps. Beckers Link2Live Pro Dienste und Garmins Live Traffic sparen ihrem Nutzer weniger Zeit. Schluss­licht ist TMC. Der Staumelder reagierte häufig erst, wenn das Auto bereits im Stau stand und die Ausweich­möglich­keiten schon dicht waren. Manchmal meldet er sogar Staus, die sich längst wieder aufgelöst haben.

Über Mobil­funk geht es schneller

Kein Wunder, dass TMC hinterherbummelt. Der Staumelder setzt auf Technik von gestern, mit der heute jedoch noch viele Navis ausgestattet sind. Seine Infos zu Unfällen und stockendem Verkehr gelangen nicht hörbar über UKW-Radio ans Navi. Aktualisiert wird die Verkehrs­lage bei TMC nur etwa alle 15 bis 30 Minuten. Ein echter Live-Dienst ist der Staumelder nicht. Über Mobil­funk senden moderne Dienste mehr Daten detaillierter und schneller, Tomtom Traffic zum Beispiel alle zwei Minuten.

Abhängig vom Smartphone

Doch auch der Mobil­funk hat Haken. Nicht über­all ist das Netz stabil – kein Internet, kein Live-Dienst. Außerdem kostet Mobil­funk in der Regel Geld. Zum Beispiel bei Becker. Sein Live-Dienst funk­tioniert beim getesteten Navi Professional.6 nur in Kombination mit einem Smartphone. Beide Geräte lassen sich über einen WLan-Hotspot drahtlos verbinden. Wer für sein Smartphone keine Daten­flatrate hat, zahlt für jede eintreffende Staumeldung. Ebenso ergeht es Nutzern von Google Maps.

Tipp: Damit der Smartphone-Akku durch­hält, empfiehlt sich ein Aufladekabel fürs Auto. Erst recht, wenn nebenher telefoniert wird. Das geht im UMTS- oder LTE-Mobil­funk­netz mit fast allen Handys, ohne dass der Live-Dienst darunter leidet.

Tomtom spendiert Mobil­funk­kosten

Wer bei Tomtom ein teures Premium-Navi ersteht, muss sich nicht mit einem Smartphone herum­plagen. Wir testeten den Live-Dienst Traffic am Navi Go 6 000 mit integrierter Sim-Karte. Ohne Zweitgerät deichselt das Navi den Verkehrs­dienst, die Mobil­funk­kosten über­nimmt Tomtom – nicht nur im Inland. Auch für 25 Länder Europas. Ein echter Gewinn. Schließ­lich sind die im Ausland für Urlauber anfallenden Mobil­funk­kosten happiger als daheim.

Gut Ding braucht keine Weile

Auch Garmins Live-Dienst ist bereits an Bord des Navis. Es empfängt Staumeldungen per Über­tragungs­stan­dard „Digital Audio Broad­casting“ (DAB+). Infos gelangen wie bei TMC übers Radio aufs Navi – aber flotter und umfang­reicher. DAB+ hat einen Nachteil: Über­tragungs­löcher drohen jenseits von Ballungs­zentren und Auto­bahnen sowie an Urlaubs­zielen wie Österreich. Der Grund: DAB+ wird noch ausgebaut.

Im Test trafen über Garmins Live Traffic Nach­richten weniger zügig auf dem Navi ein als bei Tomtom, Google und Becker. Ein Manko für Garmin-Nutzer. Mit schnel­leren Aktualisierungen könnten sie Staus früher umfahren und mehr Fahrt­zeit sparen.

Ehren­runden gehören dazu

Navi Test

Aber nicht jede Umfahrung lohnt sich. Mancher Abstecher im Test kostete sogar mehr Zeit, andere sparten nur eine Minute oder gar nichts. So geschehen auf einer Fahrt von Gladbeck nach Witten. Um eine Baustelle zu meiden, schlug Tomtom Traffic bereits bei Fahrt­antritt eine Ausweichroute vor. Die anderen Dienste führten direkt durch den dichten Verkehr. Sämtliche Autos waren fast zeitgleich am Ziel. Über­wiegend aber kamen Kunden von Echt­zeit-Diensten schneller an als Nutzer des TMC-Staumelders.

Vier Minuten pro Stunde gespart

Die meiste Fahrt­zeit ließ sich mit Tomtom Traffic sparen. Auf 11 der 14 Test­fahrten machte der Dienst Zeit gut – insgesamt sieben Prozent. Das entspricht vier Minuten pro Stunde. Google Maps gewann stündlich drei Minuten, die Smartphone-App navigierte präzise um Staus herum. Becker verkürzte die Fahrt­zeit um zwei Minuten in der Stunde, Garmin um eine.

Auf längeren Stre­cken kommt ein hübscher Zeitgewinn zusammen. Vor allem Vielfahrer profitieren. Wer zwei Stunden täglich zwischen Zuhause und Arbeits­platz pendelt, verbringt mit Tomtom Traffic pro Jahr 30 Stunden weniger hinterm Lenk­rad als ohne Echt­zeit-Dienst. Auch auf langen Urlaubs­reisen rentiert sich der Live-Service. In Groß­städten kennt er im Morgen- und Feier­abend­verkehr unver­stopfte Schleichwege. Nur auf dem platten Land ist er entbehr­lich: kaum Stau, kaum Ausweichrouten.

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