Nahrungsergänzungsmittel für Kinder Test

Viel hilft viel – das gilt hier nicht. Eines der 23 getesteten Produkte enthielt sogar Spuren einer krebsverdächtigen Substanz.

Kinder lieben Gummibärchen. Und die Multi-Vitamin YayaBären sehen ge­nau­so aus, versprechen aber mehr. „So schmecken Vitamine“, steht auf der Dose. Doch Kinder sollten besser keine Yaya­Bären bekommen – nicht einmal „einen pro Tag“, wie es der Hersteller empfiehlt. Der Grund: Mit einem einzigen Bären nimmt ein Schul­anfänger etwa doppelt so viel Vitamin A auf, wie es durch ein zusätzliches Nahrungsergänzungsmittel täglich sein sollte. Zu viel Vitamin A kann auf Dauer schaden. Es reichert sich im Körper an und erhöht eventuell das Risiko für bestimmte Erkrankungen.

Da ist es besonders heikel, dass Yaya Bärchen durch Form und Geschmack zu mehr verführen: Mit einem zweiten wäre aber selbst ein Erwachsener überversorgt. Auch die lachenden Blütengesichter der Davitamon Junior verlocken zum Naschen.

18 Produkte „nicht geeignet“

Zu viel überflüssige Vitamine und Mineralstoffe zusätzlich zur normalen Kost – das sind die Haupteinwände gegen diese Nahrungsergänzungsmittel für Kinder. Von 23 Produkten waren 18 „nicht geeignet“ (siehe Tabelle). Ein Mittel mit Blaualgen aus den USA, das im Internet vertriebene Kids Plus Spirit Power, enthielt sogar Spuren von Microcystin. Das stuft die Weltgesundheitsorganisation WHO als möglicherweise krebserregend ein. Fünf Produkte sind „mit Einschränkung“ geeignet: Man braucht sie nicht, aber sie enthalten zumindest weder kritische Mineralstoffmengen noch eine Überdosis an Vitaminen. Sie sind jedoch überflüssig, weil Kinder in unseren Breiten ernährungsbedingt nicht unter Vitamin- und Mineralstoffmangel leiden. Das zeigen neueste Studien.

Gebildete Eltern setzen auf Präparate

Der Markt für Kindernahrungsergänzungsmittel boomt in Deutschland. Rund 30 Millionen Euro, so schätzen Experten, geben vor allem die gebildeten und vermögenden Eltern im Jahr dafür aus. Bei einer Online­umfrage unter 1 400 Internetnutzern von test.de gaben mehr als 60 Prozent der Eltern an, ihren Kindern schon einmal Nahrungsergänzungsmittel gekauft zu haben. Jeder zweite, der die Produkte nutzt, verabreicht sie seinen Kindern täglich. Die meisten entscheiden sich für reine Vitaminpräparate, gefolgt von Kombinationen aus Vitaminen und Mineralstoffen. Die Auswahl verweist auf das Hauptmotiv: die Stärkung der Abwehrkräfte. Viele Eltern wollen mit den Sirups, Säften und Pillen zudem das Wohlbefin­den der Kinder verbessern, ihre Ernährung ausgewogener machen, die Konzentrationsfähigkeit steigern.

Ziegenkolostrum und Camu-Camu

„Gesundheitsvorsorge“, „Widerstandsfähigkeit“, „Unterstützung von Abwehrkräften“ bei Schulstress – davon ist bei vielen Nahrungsergänzungsmitteln die Rede. Anders als Medikamente brauchen sie keine Zulassung. Die Mittel können aus verschiedensten Ingredienzien bestehen. Vor allem im Internet fanden wir wilde Mixturen, etwa mit Ziegenkolostrum (erste Ziegenmilch nach der Geburt) oder Camu-Camu (südamerikanisches Myrtengewächs).

Die Präparate liefern konzentriert Nährstoffe in einer Zusammensetzung, wie sie in der Natur nicht vorkommt. Da ist ein höheres Risiko für Unverträglichkeiten, Neben- und Wechselwirkungen sind nicht auszuschließen. Das gilt erst recht für Kinder und Jugendliche, die noch im Wachstum sind. Und isolierte Nährstoffe sind etwas anderes als die Vitamine in Obst, Gemüse oder Getreide. Dort wirken sie mit zig anderen Substanzen wie sekundären Pflanzenstoffen. Der gesundheitliche Nutzen von Nahrungsergänzungsmitteln ist zudem oft nicht ausreichend nachgewiesen. Ein ge­sicherter positiver Zusammenhang besteht beispielsweise für Folsäure bei Kinderwunsch und in der Schwangerschaft.

Überdosiert und unnötig

Europaweit werden verschiedene Vorschläge für die Höchstmengen von Vitaminen und Mineralstoffen diskutiert. Bei unserer Bewertung haben wir uns an den relativ strengen vorsorglichen Empfehlungen des Bundesinstituts für Risikobe­wertung (BfR) orientiert. Es bezieht sich auf die Nährstoffe, die Kinder täglich zu sich nehmen, und rechnet auch nährstoffangereicherte Lebensmittel wie Säfte, Cornflakes & Co. ein.

Zwölf Testprodukte empfehlen zu viel Vitamin A, darunter waren auch bekannte Marken wie Sanostol. Doch die fettlöslichen Vitamine A, E, D und K reichern sich im Körper an. Im Übermaß und auf Dauer können sie schaden. Selbst für wasserlösliche Vitamine wie Vitamin C lassen sich nachteilige Wirkungen nicht ausschließen, obwohl der Körper das nicht verwertete Überangebot wieder ausscheidet.

Laut Deklaration enthalten neun Produkte Mineralstoffe, von denen das BfR in Kindernahrungsergänzungsmitteln abrät. Dazu zählen Zink, Kupfer, Mangan und Eisen. Das alles bekommen die Kinder schon ausreichend mit der Nahrung. Mit einer extrem hohen Eisendeklaration fiel der Basis Vitalstoffkomplex auf: 80 Milligramm pro Tag anstelle der maximal zuträglichen 5 Milli­gramm. Gefunden haben wir zwar nur 10 Milligramm, doch auch das ist zu viel.

Unzuverlässige Auslobungen

Auch sonst war auf die Deklaration nicht immer Verlass. So enthielt ein Multi-Vitamin YayaBär rund 40 Prozent mehr Vitamin A als angegeben. Ähnlich hoch lag die Vitamin-E-Überschreitung bei Mulgatol, bei Neways sogar bei 200 Prozent. Dagegen steckten in Ratiopharm Kindervitaminen weniger Vitamin A und in Ringana Wellness Pulver weniger Vitamin E als angegeben. Bei einigen Produkten fehlten die Altersangaben. Und gelegentlich vermissten wir den obligatorischen Hinweis, dass Nahrungsergänzungsmittel eine vernünftige Ernährung nicht ersetzen können.

Was können Eltern tun?

Ein abwechslungsreicher Speisezettel ist wichtig. Die Grundregeln: Den Löwenanteil sollten pflanzliche Lebensmittel stellen – Obst, Gemüse, Vollkornprodukte, Kartoffeln. Wenn Kinder selbst Obst- und Gemüseschnitze verschmähen, kann ein Glas Saft eine Portion davon ersetzen. Mageres Fleisch ist wegen seines Eisens wertvoll. Seefisch – auch als Fischstäbchen – punktet mit Jod, fetter Fisch wie Lachs mit gesunden Fettsäuren. Milchprodukte spendieren Kalzium für die Knochen. Klein, aber fein sollte der Fettanteil sein. Am besten sind Pflanzenöle, etwa aus Raps. Das Top-Getränk ist Wasser.

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