Nährwerte Meldung

Zucker in der Cola, Fett in Fertig­gerichten. Beim Einkauf sind sie nur schwer zu erkennen. Eine einheitliche Kenn­zeichnung von Lebens­mitteln gibt es nicht. Politiker, Verbraucher­schützer und Lebens­mittel­industrie streiten über das beste Modell. test stellt die Modelle vor und gibt Tipps für den Einkauf.

Zu viel Zucker, zu viel Fett

Nährwerte Meldung

Die Europäer ernähren sich zu ungesund und werden immer dicker. Damit soll nun Schluss sein. Nach dem Willen der EU-Kommission sollen Verbraucher künftig beim Einkauf besser informiert werden. Voraussetzung: Sie können leichter erkennen, wie viel Zucker in der Cola oder wie viel Fett in der Fertig-Lasagne steckt. Das ist bisher offenbar nicht so einfach. Bei einer Umfrage des Marktforschungsinstituts Nielsen sagten 51 Prozent, sie würden die Herstellerangaben nur teilweise verstehen. Doch wie lassen sich Angaben zu Fett, Zucker und Co. auf einem Produkt verständlich, exakt und aussagekräftig darstellen? Über die beste „Nährwertkennzeichnung“ streiten Politiker, Verbraucherschützer und Lebensmittelindustrie seit Monaten. Im Mittelpunkt der Diskussion stehen zwei Modelle, die britische Ampel und das GDA-Modell.

Prozentzahlen gegen Ampelfarben

Nährwerte Meldung

GDA steht für „Guideline Daily Amounts“ und kann mit „Richtwert für die Tageszufuhr“ übersetzt werden. Das Modell folgt einem Vorschlag des Verbands der Europäischen Lebensmittelindustrie und hat zwei Elemente: Zum einen ist angegeben, wie viel Kalorien und Zucker sowie Fett, gesättigte Fettsäuren und Salz ein 250-Milliliter-Glas enthält. Zum anderen erfährt der Käufer für jeden Nährstoff, wie viel das in Prozent an der empfohlenen Tageszufuhr ausmacht. Viele namhafte Hersteller verwenden das Modell bereits, es wird von der Industrie favorisiert.

Der Verbraucherzentrale Bundesverband und Foodwatch bevorzugen dagegen das Ampel-Modell. Es wurde vor zwei Jahren auf freiwilliger Basis vorrangig für Fertigprodukte in Großbritannien eingeführt. Wie das GDA-Modell zeigt es, wie viel Gramm Zucker und Co. eine Portion enthält. Manche Hersteller geben zusätzlich den Anteil am Tagesbedarf und die Kalorienzahl an. Wichtigstes Element der Ampel: Signalfarben, mit denen die Nährwertangaben unterlegt sind. Rot steht für einen hohen, Gelb für einen mittleren und Grün für einen niedrigen Gehalt. Ein Produkt etwa, das mehr als 12,5 Gramm Zucker pro 100 Gramm enthält, bekommt einen roten Punkt beim Zuckergehalt.

Zuckerbomben im Müsliregal

Nährwerte Meldung

Das kann bestimmte Lebensmittelgruppen hart treffen: So hätten in unserem aktuellen Test von Frühstückscerealien beim Zuckergehalt alle einen roten Punkt bekommen. Kein Wunder also, dass sich die Industrie heftig gegen das Ampel-Modell wehrt. Es sei viel zu vereinfachend und diskriminiere einzelne Produkte. Hinter der Kritik steckt möglicherweise auch die Angst vor Verlusten: In Großbritannien ging der Umsatz von Waren mit vielen gelben und roten Punkten zurück. Auch der deutsche Verbraucherminister Horst Seehofer war lange gegen eine Bewertung mit Ampelfarben. Nun will er sich auf EU-Ebene aber dafür einsetzen.

Referenzwert und Alter entscheidend

Das Problem: Wie viel Fett, Zucker und Salz ein Mensch braucht, ist je nach Alter, Geschlecht und körperlicher Aktivität unterschiedlich. Somit können die Farben im Ampelmodell nur eine grobe Orientierung geben. Außerdem verdeutlicht die Ampel beispielsweise nicht, dass ein Produkt etwa einen hohen Fettgehalt hat, dieser sich aber zum größten Teil aus ungesättigten, also gesunden Fettsäuren zusammensetzt. Und für sogenannte Monoprodukte wie Butter, die überwiegend aus Fett besteht, eignet sich das Ampelmodell auch wenig: Butter würde stets schlecht dabei wegkommen.

Freilich gibt es auch am GDA-Modell Kritik: So werfen Verbraucher­schutz­organisationen den Herstellern vor, so den tatsächlichen Gehalt an Zucker oder an Fett zu verschleiern. Im Frühstückscerealien-Test zeigte sich, was sie meinen: Zwar erwiesen sich so gut wie alle Produkte als Zuckerbomben – die Nährwertangaben auf den Packungen aber vermittelten einen anderen Eindruck: Eine Portion von 30 Gramm enthalte 18,9 Prozent „des empfohlenen täglichen Bedarfs an Zucker“, informiert zum Beispiel die Vorderseite einer Packung Granola Snowflakes von Penny. Das wirkt besser als ein roter Punkt, ist aber richtig, wenn es sich – wie in der Fußnote zu lesen – auf eine Tageszufuhr von 90 Gramm Zucker für einen Erwachsenen bezieht, wie im GDA-Modell üblich. Kritisch daran: Die 90 Gramm umfassen zugesetzten und von Natur aus enthaltenen Zucker. Im Gegensatz dazu geht die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) von höchstens 60 Gramm zugesetztem Zucker pro Tag aus.

Ob 60 oder 90 Gramm – für einen Schulanfänger stimmt die Aussage ohnehin nicht. Denn der soll pro Tag höchstens 27 Gramm zugesetzten Zucker essen. Somit erreicht er mit einer Portion Snowflakes, die rund 10 Gramm Zucker enthält, nicht wie angegeben 18,9 Prozent an der Tageszufuhr, sondern fast doppelt so viel. Die Beispiele zeigen, dass beide Modelle Stärken und Schwächen haben. Wichtig für eine hilfreiche Kennzeichnung sind:

Anerkannte Referenzwerte. Sind die Referenzwerte zur empfohlenen Tageszufuhr zu hoch, ergibt sich ein falsches Bild. Für deutsche Verbraucher sollten die hier anerkannten Werte, wie sie zum Beispiel die DGE ansetzt, zugrunde gelegt werden.

Vergleichbare Portionen. Bisher legen die Hersteller sie fest. Mal sind es 30 Gramm, mal 40 Gramm Frühstückscerealien. Das erschwert den Vergleich. Eine einheitliche Bezugsgröße ist nötig, am besten stets 100 Gramm. Das könnte auch das Problem unrealistischer Portionsgrößen lösen – wie etwa eine winzige Handvoll Kartoffelchips oder eine halbe Tiefkühlpizza.

Verwendergruppen. Die Angabe des Anteils eines Nährstoffs an der empfohlenen Tageszufuhr ist sinnvoll. Allerdings sollten unterschiedliche Zielgruppen, zum Beispiel auch Kinder, berücksichtigt werden.

Letztlich kann kein Modell allein die wachsende Fehlernährung in Europa bekämpfen. Dazu ist zusätzlich umfassende Aufklärung über gesunde Ernährung nötig.

Tipp: Wer sich jetzt schon besser orientieren will, sollte beim Einkauf zum Vergleich der Nährwerte immer 100 Gramm als Bezugsgröße wählen. Auf vielen Lebensmitteln findet sich diese Info ohnehin längst, wie auf der Cola-Flasche, die zusätzlich das GDA-Modell bietet. Bei der Interpretation der Nährwertmenge kann die Ampel-Checkkarte der Verbraucherzentralen zum Einstecken in die Geldbörse helfen. Sie gibt an, welche Menge als „gering“, „mittel“ und „hoch“ zu werten ist – bezogen auf 100 Gramm und mit den Ampelfarben.

Dieser Artikel ist hilfreich. 100 Nutzer finden das hilfreich.