Nachhilfe Test

Schwächelnde Schüler werden immer häufiger zur Nachhilfe geschickt. Bereits jeder Vierte hat während seiner Schulzeit Zusatzunterricht. Wir haben die Branche unter die Lupe genommen.

Deutsche Schüler sind im internationalen Vergleich mittelmäßig, so die Ergebnisse der Pisa-Studien. Fehlende Fachbetreuung am Nachmittag, zu große Klassen, Unterrichtsausfall und überlastete Familien werden unter anderem als Ursachen genannt. Kein Wunder, dass Nachhilfeunterricht bei uns boomt. Doch während Bildungspolitiker mit diversen Reformen und mehr Geld versuchen, die Pisa-Schmach auszuwetzen, ist Nachhilfe weitgehend Privatsache.

Etwa eine Milliarde Euro geben Eltern pro Jahr für den Zusatzunterricht aus, Tendenz steigend. Das Geld für die nachmittägliche Büffelei geht entweder an einen privat organisierten Einzellehrer, der meist zum Schüler nach Hause kommt, oder an ein Nachhil­fe­institut. Obwohl sich täglich Millionen von Müttern über die Schulhefte ihrer Sprösslinge beugen, sind die eigenen Eltern bei echten Problemen nach Meinung vieler Experten als Nachhilfelehrer ungeeignet, da ihnen meist der notwendige emotionale Abstand fehlt.

Die größten Probleme haben deutsche Schüler in den Fächern Mathematik, Englisch und Deutsch. Zumindest wird dafür – so auch das Ergebnis unserer nicht repräsentativen Internetumfrage – am häufigsten Nachhilfe geordert. Offenbar mit ­Erfolg. Rund 80 Prozent der zirka 300 Nachhilfeerfahrenen, die unseren Frage­bogen ausgefüllt haben, gaben an, dass sich die Leistungen um eine oder zwei Schulnoten verbessert hätten, und 73 Prozent würden den Nachhilfelehrer beziehungsweise das Ins­titut uneingeschränkt weiterempfehlen.

Zwei große bundesweite Anbieter

Nachhilfe Test

Wie Nachhilfe in Deutschland organisiert ist, haben wir uns einmal genauer angesehen. Welche Varianten gibt es, wie viel kostet es und wie sorgt die Branche für Qualitätssicherung? Dafür haben wir nicht nur Nutzer befragt, sondern auch Anbieter und uns bei den großen Ins­tituten inkognito beraten lassen. Um einen eigenen Eindruck von der Praxis zu gewinnen, haben uns zwei Nachhilfeschüler über ihre Erfahrungen berichtet.

In Deutschland gibt es über 3 000 gewerbliche Nachhilfeinstitute. Sie machen aber nur rund ein Viertel des Marktes aus. Der größte Teil der Schüler paukt mit privat organisierten Nachhilfelehrern.

Die Institutsnachhilfe wird von zwei bundesweiten Anbietern dominiert: Studienkreis und Schülerhilfe mit je rund 1 000 Niederlassungen. Das Lernstudio Barbarossa ist zwar auch bundesweit vertreten, aber nur mit einem vergleichsweise kleinen Filialnetz, und die Sprachschule Berlitz versucht im Nachhilfegeschäft gerade erst Fuß zu fassen (siehe Tabelle „Bundesweite Nachhilfe-Institute“). Darüber hinaus gibt es eine Vielzahl von Einzelanbietern.

Die Institute bieten vornehmlich Gruppenunterricht an. Dabei werden üblicherweise drei bis fünf Schüler zur gleichen Zeit von einem Lehrer betreut. Mitunter, so unser Umfrageergebnis, befanden sich aber auch bis zu neun Kinder in einer Gruppe. Der Zusatzunterricht wird in der Regel zweimal in der Woche für je 90 Minuten besucht. Die Preisspanne für diese Doppelstunde reicht nach Angaben der Anbieter von 7 bis 32 Euro für Gruppenunterricht, für Einzelunterricht von 16 bis 64 Euro.

Wie viel geben Eltern insgesamt für die Nachhilfe für ein Kind aus? Unsere Internetumfrage brachte erstaunliche Ergebnisse: Wenn sie privat stattfand, haben die Befragten durchschnittlich 750 Euro bezahlt, bei den Instituten waren es dagegen 1 550 Euro. Die Gründe für diese enorme Differenz liegen unter anderem in der unterschiedlichen Dauer der Nachhilfe und in regionalen Preisunterschieden. Während es bei Privatlehrern meist keine Vertragsbindung gibt, haben die großen Institute eine Mindestvertragslaufzeit von einem halben Jahr. Branchenangaben zufolge verweilen Nachhilfeschüler hier zwischen 12 und 14 Monaten. Für diese lange Bindung wäre eine Probezeit von etwa sechs Wochen angemessen. Üblich sind dagegen zwei Stunden. Am besten wären Verträge ohne Mindestlaufzeiten. Die bieten aber nur einige kleine Institute an.

Beratungstest

Nachhilfe Test

Bei den vier bundesweiten Anbietern haben wir uns in jeweils drei Filialen beraten lassen. Wir sind ohne Kinder erschienen und haben drei Problemfälle geschildert. Nummer eins war ein unmotivierter Schüler der achten Klasse einer Realschule. Nummer zwei eine Gymnasiastin, ebenfalls in der achten Klasse, die plötzlich unruhig wirke und schlechtere Leistungen zeige. Bei Nummer drei, einer Schülerin in der fünften Klasse, haben wir deutliche Anzeichen für eine Lese-/Rechtschreibschwäche (LRS, Legasthenie) beschrieben. Ergebnis: Von differenzierter Beratung kann kaum die Rede sein. Erstaunlich ist zum Beispiel, dass die Legasthenie der Fünftklässlerin nur in einem Gespräch thematisiert wurde, beim Studienkreis. Das wäre aber in jedem Fall notwendig gewesen, denn die klassische Nachhilfe ist für Legastheniker nicht geeignet. Wer davon betroffen ist, muss Spezialkurse besuchen, genauso wie beispielsweise Schüler mit einer ausgeprägten Rechenschwäche (Dyskalkulie).

Düster und ungemütlich

Während die Gespräche beim Studienkreis und im Lernstudio Barbarossa wenigstens teilweise fachgerecht verliefen, hinterließen die Filialen der Schülerhilfe insgesamt den schlechtesten Eindruck. So wollten die Mitarbeiter in zwei der drei Fälle die Geschäftsbedingungen partout nicht herausgeben. In zwei Filialen war die Beratung fachlich wenig fundiert und die Unterrichtsräume wirkten nicht gerade einladend. Düster, ungemütlich und muffig lauten die Beschreibungen in den Protokollen.

Berlitz hat zwar schöne Räume, aber sonst scheint hier in Sachen Nachhilfe noch nicht allzu viel zu laufen. In Köln wurde zum Beispiel ein Beratungstermin vereinbart, obwohl schon am Telefon klar gewesen sein muss, dass es für das betreffende Kind gar keinen Kurs gab.

Angeboten wurde durchweg Gruppenunterricht, ohne zu überprüfen, ob für unsere Modellfälle eine Einzelbetreuung nicht angemessener wäre. Denn die Institute können die Gruppen nicht immer klassen- und fachgerecht zusammenstellen, und eine individuelle Betreuung ist dabei generell nur bedingt möglich.

Jeder, der etwas Geld zur Verfügung hat, kann hierzulande ein Nachhilfeinstitut eröffnen. Staatliche Aufsicht findet kaum statt. Auch die Qualitätssicherung steckt noch in den Kinderschuhen. Pionierarbeit leistete hier die Gütegemeinschaft Ina-Nachhilfeschulen. Der Zusammenschluss von zwölf Einzelinstituten hat Qualitätskriterien aufgestellt und zusammen mit dem Deutschen Institut für Gütesicherung und Kennzeichnung (RAL) Nachhilfeschulen zertifiziert. Allerdings hat das Modell kaum Schule gemacht, erst sieben Institute können sich mit dem RAL-Gütesiegel schmücken.

Großanbieter Studienkreis hat inzwischen nachge­zogen und will in den kommenden fünf Jahren seine Schulen vom Tüv Rheinland prüfen lassen. Das ist immerhin ein Anfang. In den meisten Fällen müssen die Eltern aber weiterhin nach Gefühl entscheiden, wem sie ihre Sprösslinge zur Nachhilfe anvertrauen.

In der Gruppe wenig gelernt

Die von uns befragten Nachhilfeschüler, ein 13-Jähriger und eine 17-Jährige – nennen wir sie Lars und Marie – bevorzugen Privatunterricht. Marie aus Prinzip, da sie am Nachmittag keine „Schulatmosphäre“ haben möchte, Lars aus Erfahrung. Er hatte vor einem Jahr Privatunterricht von einem Studenten und nun vier Monate lang Deutschnachhilfe bei einem großen Institut mit Gruppenunterricht. Der Vergleich fiel zugunsten des Studenten aus.

Während Marie mit der Nachhilfelehrerin, die wir über eine Vermittlung für sie gefunden haben, gezielt ihre Französisch-Grammatik verbessern konnte, hat sich Lars bei seinem Gruppenunterricht oft gelangweilt. Die Lehrerin sei zwar nett gewesen und die Gruppe mit zwei bis drei Schülern angenehm klein, aber trotzdem nicht homogen. Denn ein Schüler, dessen Deutschkenntnisse deutlich schlechter waren, sei immer dabei gewesen. Die Nachhilfe, so Lars, bestand nur aus „Her­umsitzen und Arbeitsbögen ausfüllen“. Gelernt hätte er kaum etwas. Wenn er schon am Nachmittag büffeln müsse, dann lieber mit einem Privatlehrer.

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