Nachhaltiger Tourismus Meldung

Auch im Tourismus wird soziale und ökologische Verantwortung immer wichtiger. „Luxus“ bedeutet hier oft eine hohe Verschwendung von Ressourcen.

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Selbstversorger: Das Boutiquehotel Stadthalle in Wien versorgt sich selbst mit Strom. Wärmepumpe, Fotovoltaik- und Solaranlage erzeugen fast die gesamte Energie, die das Hotel braucht.

Sonne, Wind und Wasser sind kostenlos vorhanden – warum soll ich Öl kaufen“, sagte sich Michaela Reitterer und baute ihr Boutiquehotel Stadthalle in Wien konsequent nach ökologischen Maßstäben um. 2009 eröffnete sie das nach eigener Aussage weltweit erste Stadthotel mit Null-Energie-Bilanz. Das heißt: Grundwasserwärmepumpe, Fotovoltaik- und Solaranlage erzeugen fast so viel Energie, wie das Haus braucht. Drei Windräder auf dem Dach sollen das Energiekonzept vervollständigen. Da hier Neuland betreten wird – innerstädtische Windräder gibt es noch nicht –, sind viele Hürden im Genehmigungsverfahren zu nehmen. Auch sonst gibt sich das Wiener Hotel rundum umweltbewusst: Für die Toilettenspülung und zur Bewässerung des Gartens wird Regenwasser gesammelt, die Beleuchtung besteht nur aus LED- oder Sparlampen und Gäste, die mit dem Rad oder mit dem Zug anreisen, erhalten 10 Prozent Ermäßigung auf den Übernachtungspreis. Ein Hotel, das man mit gutem Gewissen besuchen kann.

Accor-Gruppe am engagiertesten

Doch wie sieht es mit der Verantwortung der großen Hotelketten aus? Britische Experten haben letztes Jahr im Auftrag von europäischen Verbraucherorganisationen die Unternehmensverantwortung für Soziales und Umwelt (englisch Corporate Social Responsibility, CSR) von zehn Hotelgruppen untersucht. Das engagierteste Unternehmen ist danach die Accor-Gruppe (Ibis, Novotel, Mercure), die 79 Prozent der Kriterien erfüllt. Mit 64 bis 66 Prozent fast gleichauf liegen die Ketten Sol Melia, Marriott, Carlson, Intercontinental und Starwood. Deutlicher Nachholbedarf besteht bei Barceló und Hilton (52 und 41 Prozent).

Schlusslichter Iberostar und Riu

Schlusslichter sind Iberostar und Riu, die zudem wenig Kooperationsbereitschaft zeigten. Kritisiert wird in der Studie unter anderem die hohe Verschwendung von Ressourcen und die Abfallproduktion, die als Inbegriff von Luxus angesehen werde. So verbraucht ein Hotelgast im Extremfall so viel Wasser wie 25 Einheimische.

Lange Arbeitszeit, geringe Bezahlung

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Menschenrechte: Angemessene Löhne, gewerkschaftliche Rechte und Schutz vor Diskriminierung sollte es überall geben.

Die weltweite Tourismusindustrie zeigt ein zwiespältiges Bild. Einerseits ist sie für viele Länder die einzige Chance wirtschaftlich zu überleben, andererseits verursacht der Tourismus gewaltige soziale, kulturelle und ökologische Probleme. In vielen Urlaubsländern sind lange Arbeitszeiten, geringe Bezahlung, fehlende gewerkschaftliche Rechte sowie Diskriminierung, sexuelle Belästigung und Prostitution von Frauen und Kindern an der Tagesordnung.

Gewaltige Abfallmengen

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Flug- und Schiffsreisen: Sie sind klimaschädigend. Wer für die Kohlendioxidkompensation zahlt, unterstützt klimafreundliche Naturschutzprojekte.

Der Transport von Millionen von Reisenden, die Zersiedelung der Landschaft, enorme Wasser- und Energieverbräuche sowie gewaltige Abfallmengen zeigen die ökologische Schattenseite des Massentourismus. Auch wenn sich weltweit immer mehr Initiativen für nachhaltiges Reisen stark machen, sind die Erfolge noch marginal.

Ein Vorreiter bei der Bewertung von nachhaltigen Tourismusangeboten ist die Stuttgarter Zertifizierungsgesellschaft TourCert. Ihr CSR-System ist unter anderem mit der Norm ISO 26000 (Social Responsibility) vereinbar. ISO, die weltweit größte Standardisierungsorganisation, hat mit der Ende 2010 veröffentlichten Norm einen Leitfaden zur gesellschaftlichen Verantwortung erstellt, der alle relevanten Themen, wie Menschenrechte, Arbeitsbedingungen, Gesundheits- und Umweltschutz bis zur Kommunikation, behandelt. TourCert hat die CSR-Berichtstandards gemeinsam mit dem „Forum anders reisen“ entwickelt, einem Zusammenschluss von rund 130 kleineren Reiseveranstaltern, die sich den nachhaltigen Tourismus zum Ziel gesetzt haben. 51 Mitglieder sind zertifiziert, bei 27 Veranstaltern läuft der Prozess. Wer bis zum Jahresende nicht nachzieht, muss wohl aus dem Verband ausscheiden.

Die Gruppe, die auch den gemeinsamen Katalog „Reiseperlen“ herausgibt, blickt auf ein erfolgreiches Jahr zurück. Bei einem Plus von 11 Prozent erzielten die Veranstalter des Forums einen Gesamtumsatz von 118 Millionen Euro. Wie klein die Nische des nachhaltigen Tourismus noch ist, zeigt der Vergleich mit dem Reiseriesen Tui, der im letzten Geschäftsjahr Touristikerlöse in Höhe von 640 Millionen Euro verbuchte.

Nachhaltigkeit lockt Reisende kaum

Bei der Reiseentscheidung spielt Nachhaltigkeit zurzeit kaum eine Rolle. Wetter, Klima, Verkehrsverbindungen, Kultur, Landschaft und Essen sind entscheidendere Kriterien, ergab eine Studie der Hochschule Luzern, für die 6 000 Menschen in acht Ländern befragt wurden. Immerhin gaben 22 Prozent der Befragten an, dass Umwelt- und Sozialverträglichkeit zu den drei wichtigsten Faktoren für die Reiseentscheidung zählen. Die meisten sind aber nicht bereit, dafür deutlich mehr zu bezahlen.

Das Bewusstsein scheint aber langsam zu wachsen. Eine repräsentative Tui-Umfrage zu Trends beim Reisen ergab: Dreiviertel aller Bundesbürger wollen künftig bei Hotelauswahl und Reisebuchung besonders viel Wert auf umweltfreundliche Hotels legen. Acht Prozent gaben an, bei Flugreisen künftig eine freiwillige Kohlendioxidkompensation zu leisten. Die Kohlendioxidkompensation, zum Beispiel die Ausgleichszahlung für Flüge, wird zwar oft verächtlich als Ablasshandel bezeichnet, sie kann aber durchaus dazu beitragen,die verursachten Kohlendioxidemissionen woanders wieder auszugleichen.

Die bekanntesten Anbieter sind atmosfair, myclimate und goclimate. In einer Studie der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde kam der Anbieter atmosfair am besten weg. Kompensation ist dennoch nur die zweitbeste Lösung – die Vermeidung von Flugreisen die bessere.

Reisebus klimafreundlicher als Bahn

Das Umweltbundesamt hat die Emissionen der einzelnen Verkehrsträger verglichen. Danach schneidet der Reisebus mit 31 Gramm klimaschädigendem Kohlendioxid pro Personenkilometer besser ab als die Bahn mit 46 Gramm. Das Auto kommt auf 138 und das Flugzeug auf 356 Gramm.

Mallorca, Urlaub, Kohlendioxid

Der World Wide Fund for Nature, WWF, hat in seiner Studie „Der touristische Klima-Fußabdruck 2009“ untersucht, wie groß die Kohlendioxidemissionen typischer Reisen der Deutschen sind. Ein zweiwöchiger Mallorca-Urlaub verursacht zum Beispiel pro Person rund eine Tonne Kohlendioxid und schädigt das Klima damit ebenso sehr wie ein Jahr Autofahren.

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