Ob Hecke, Hund oder Hausfassade: Nach den Grund­sätzen des nach­barrecht­lichen Gemein­schafts­verhält­nisses müssen Nach­barn es ertragen, sich vom anderen hin und wieder gering­fügig nerven zu lassen und Rück­sicht nehmen.

Freunde kann man sich aussuchen, Nach­barn meist nicht. Wenn der eine gern laute Grill­partys feiert und die andere gern ihre Ruhe hat, kann es schnell zu Konflikten kommen. Grund­sätzlich müssen Nach­barn dann lernen, bis zu einem gewissen Maß miteinander auszukommen. Hier erklären die Rechts­experten der Stiftung Warentest, welche Regeln gelten und wann das Maß des Tolerier­baren über­schritten ist.

Fremdes Grün – Äste abschneiden, Laub fegen und Obst klauen

Über­hängende Äste abschneiden

Wenn die Äste von Bäumen des Nach­barn über den Gartenzaun hinüber­wachsen, dürfen sich Grundstücks­besitzer in vielen Fällen gegen sie wehren. Laut Bürgerlichem Gesetz­buch nämlich immer dann, wenn die Äste eine Beein­trächtigung darstellen (Paragraf 910). Das ist beispiels­weise der Fall, wenn von ihnen Zapfen aufs eigene Grund­stück herab­fallen (Bundes­gerichts­hof [BGH], Az. V ZR 102/18). Radikal zur Heckenschere greifen dürfen Garten­besitzer allerdings nicht. Sie müssen dem Nach­barn erst die Chance geben, die Äste selbst abzu­schneiden und ihm dafür auch eine angemessene Frist setzen.

Bäume und Hecken sind geschützt

Generell ist es keine gute Idee, bestimmte Pflanzen einfach abzu­schneiden oder zu fällen. Das gilt auch fürs eigene Grund­stück. Viele Gemeinden haben nämlich Baum­schutz­ver­ordnungen, die unter anderem vorschreiben, dass Bäume ab einem bestimmten Stamm­umfang zu erhalten sind. Zum Wohle wildlebender Tiere und Pflanzen dürfen laut Bundesnaturschutzgesetz Bäume, Hecken und Büsche vom 1. März bis 30. September sowieso nur sehr schonend beschnitten werden (Paragraf 39).

Keine Entschädigung

Wohnungs­eigentümer­gemeinschaften haften gegen­über ihren Mitgliedern nicht immer für Schäden durch umstürzende Bäume oder abbrechende Äste. Das hat der Bundes­gerichts­hof entschieden (Az. V ZR 43/19). Eine Eigentümer­gemeinschaft hatte ein Unternehmen mit der Baum­pflege beauftragt. Trotzdem brach ein großer Ast einer Platane ab und beschädigte das Auto eines Miteigentümers. Die Reparatur kostete fast 7 000 Euro. Von der Gemeinschaft bekomme der Geschädigte kein Geld, so die Bundes­richter. Er müsse sich an das mit der Baum­pflege beauftragte Unternehmen halten. Passanten können sich bei Verletzung von Verkehrs­sicherungs­pflichten wie der Streupflicht aber an die Eigentümer­gemeinschaft halten.

Kein fremdes Obst pflü­cken

Demjenigen, dem eine Pflanze gehört, dem gehören auch die Früchte, die daran wachsen. Deshalb gehören der Nach­barin all die Äpfel, die ihr üppiger Apfelbaum trägt – auch, wenn die Äste ihres Baumes über die Grundstücks­grenze wachsen. In diesem Fall darf die Nach­barin über den Zaun langen, um ihre Äpfel zu ernten. Wer einfach fremdes Obst pflückt, macht sich des Diebstahls schuldig – früher hieß die Tat Mund­raub. Fällt das Obst aber selbst vom Baum, gehört es demjenigen, auf dessen Grund­stück es fällt.

Laub vom Nach­barn ist zumut­bar

Wehen im Herbst die Blätter vom Nach­barn auf die eigene Auffahrt, bedeutet das mehr Arbeit beim Laubfegen. Sich dagegen zu wehren, ist in der Regel aber aussichts­los. Denn weil Laub ausschließ­lich im Herbst anfällt, sehen die Gerichte es meist als orts­übliche oder unwesentliche, zumut­bare Verunreinigung. Und außerdem weht das eigene Laub ja auch in fremde Gärten. Nur in seltenen Fällen machen die Gerichte eine Ausnahme und verpflichten den Nach­barn zur Zahlung einer sogenannten Laubrente. Damit so etwas möglich ist, müssten die Nach­barbäume aber beispiels­weise zu nahe an der eigenen Grundstücks­grenze stehen (BGH, Az. V ZR 8/17).

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Grillen – wer keine Rück­sicht nimmt, muss den Grill kalt lassen

Oft sind Grill­feste bis zur nächt­lichen Ruhe­zeit – meistens 22 Uhr – gestattet, solange die Nach­barn nicht unzu­mutbar durch Rauch, Grill­gerüche und Lärm belästigt werden. Die Ruhe­zeit ergibt sich aus den Rege­lungen der jeweiligen Gemeinde oder der Haus­ordnung eines Mehr­familien­hauses.

Eigenheim oder Miet­wohnung?

Generell ist das Grillen auf Terrasse und Balkon erlaubt. Trotzdem sind einige Einschränkungen zu beachten. Welche, hängt zunächst davon ab, ob im eigenen Heim oder in der Miet­wohnung gegrillt wird.

Für Mieter gilt die Haus­ordnung

Bevor Mieter den Grill anwerfen, sollten sie einen Blick in die Haus­ordnung werfen. Sie gilt für jeden, der in einem Mehr­familien­haus wohnt. Gibt es dort Verbote oder Einschränkungen, dann gelten diese. Bei Regel­verstößen kann Mietern sogar gekündigt werden (Land­gericht Essen, Az. 10 S 438/01). Wer keine Regelung findet, hat Glück – und darf grillen. Auch dann sollten Grill­freunde aber darauf achten, ihre Nach­barn nicht einzuräuchern und eventuell lieber auf Gas- oder Elektrogrills setzen. So riskieren sie auch künftig kein Verbot des Vermieters.

Übrigens: Das Grillen in einer Wohnungs­eigentümer­gemeinschaft darf per gemein­samem Beschluss einge­schränkt werden (Land­gericht München I, Az. 36 S 8058/12).

Rück­sicht auf die Nach­barn nehmen

Auch wer in seinem eigenen Haus wohnt, muss sich beim Grillen an ein paar Regeln halten. Vor allen Dingen darf er seine Nach­barn durch das Grillen nicht wesentlich stören. Dabei geht es nicht nur um Rauch und Gerüche, die vom Grill ausgehen, sondern auch um etwaigen Lärm bei Grill­partys.

Grillen kann einge­schränkt werden

Nach­barn, die sich von Gril­lern gestört fühlten, sind sogar schon vor Gericht gezogen. Manchmal schränkten diese das Vergnügen ein – das Land­gericht Stutt­gart etwa auf dreimal jähr­lich für je zwei Stunden auf der Wohnungs­terrasse (Az. 10 T 359/96). Groß­zügiger ist das Amts­gericht Westers­tede und erlaubt bis zu zehnmal (Az. 22 C 614/09 [II]).

Einige Bundes­länder haben spezielle Regeln im Landes­immissions­schutz­gesetz. Beispiels­weise erlaubt Nord­rhein-West­falen nur zu grillen, wenn es gelegentlich statt­findet und zeitlich beschränkt ist.

Tipp: Weitere Informationen erhalten Sie in unseren FAQ Grillen.

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Optische Gestaltung – (k)eine Frage des guten Geschmacks?

Wenn die Gartendeko den falschen Fußball­ver­ein feiert, kann das den Nach­barn provozieren.

Vor dem Fassade­streichen nach­fragen

Eigentümer allein­stehender Häuser sind relativ frei in der Gestaltung ihrer Fassade. Neue Farbwünsche sollten sie dennoch mit dem Bauamt abklären. Vor Farb­ver­änderungen lohnt ein Anruf bei der Gemeinde. Sie kann Regeln zur Fassaden­gestaltung in einer Satzung fest­gelegt haben. Die bayerische Gemeinde Oberhaching fordert beispiels­weise, Putz­flächen in Weiß zu streichen. Abstimmen müssen sich grund­sätzlich Mitglieder von Wohnungs­eigentümer­gemeinschaften und viele Reihen­haus­besitzer.

Rasen darf wuchern

Die eine lässt ihren Rasen wild wuchern, der andere stutzt ihn mit der Nagelschere. Beides ist Haus­besitzern erlaubt. So etwas wie eine Rasenmäh­pflicht gibt es nicht. Anders ist das bei Mietern; sie können miet­vertraglich dazu verpflichtet werden, den Garten im üblichen Rahmen zu pflegen. Üblich ist laut Amts­gericht Hamburg-Barmbek beispiels­weise, die Einfahrt regel­mäßig von Unkraut zu befreien (Az. 812 C 82/08).

Fans dürfen ihre Vereins­liebe zeigen

Ist der Nach­bar Fan des falschen Sport­ver­eins, kann das provozieren. Besonders, wenn der Fan seine Leidenschaft offensiv in Deko­artikeln wie Vereins­flaggen auslebt. So ging es zumindest einem Sauerländer, der die Borussia-Dort­mund-Fahne seines Nach­barn loswerden wollte und dagegen klagte. Doch das Verwaltungs­gericht Arns­berg entschied: Solch ein Fahnenmast sei weder wohn­gebiets­fremd noch unzu­lässige Werbung. Fans dürfen die Fahnen also aufstellen (Az. 8 K 1679/12).

Garten­zwerge können Ärger machen

Kaum zu glauben, aber auch über kleine Zwerge gibt es öfter großen Streit. Kritisch wird ein Garten­zwerg beispiels­weise, wenn er provoziert, weil er seinen Mittel­finger zeigt. Von einem sogenannten „Fuck-You-Zwerg“ könne sich ein Nach­bar zu Recht beleidigt fühlen, urteilte das Amts­gericht Grün­stadt und untersagte deren Aufstellung (Az. 2a C 334/93). Stehen bleiben durfte ein „Fuck-You-Zwerg“ hingegen, wenn sein Besitzer ihm den Mittel­finger verbindet und ihn mit einer Blume verziert (Amts­gericht Elze, Az. 4 C 210/99).

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Haustiere – auch für tierische Nach­barn gelten Regeln

Katzen dürfen frei herum­laufen

In Blumen­beeten sehen Katzen gerne ein großes Katzenklo. Die schlechte Nach­richt: Garten­besitzer müssen den Besuch fremder Katzen und auch deren Hinterlassenschaften in der Regel dulden. Das geht aus den Grund­sätzen des nach­barrecht­lichen Gemein­schafts­verhält­nisses hervor. Eine Grenze des Tolerier­baren ist erreicht, wenn es beispiels­weise zu viele Katzen werden. Das Land­gericht Lüneburg findet, zwei frei laufende Katzen pro Nach­bar gleich­zeitig sind okay, mehr nicht (Az. 4 S 48/04).

Das gilt für laute und stinkende Tiere

Bellt ein Hund lange und laut, stört das die Nach­barn. Das Gleiche gilt für fiese Gerüche. Beides sind Einwirkungen, die im Rechts­deutsch als Immissionen bezeichnet und nicht einfach hingenommen werden müssen. Ein Hundehalter aus Rhein­land-Pfalz muss beispiels­weise dafür sorgen, dass seine sechs Hunde zwischen 22 und 6 Uhr still sind. Bellen sie trotzdem, muss er sie anderswo unterbringen. Das entschied das Verwaltungs­gericht Trier, weil es die Ruhe­möglich­keit der Nach­barn durch das Bellen beein­trächtigt sah (Az. 8 L 111/20.TR). Einige Bundes­länder haben weitere spezielle Rege­lungen für Tierhalter. In Nord­rhein-West­falen schreibt das Landes­immissions­schutz­gesetz beispiels­weise vor, Tiere so zu halten, dass ihre Immissionen andere nicht mehr als gering­fügig belästigen (Paragraf 12).

Auf dem Land darf es riechen

Wer aufs Land zieht, darf sich allerdings nicht beschweren, dass es dort auch mal nach Land riecht. In vielen Gegenden sind land­wirt­schaftliche Gerüche nämlich orts­üblich und müssen toleriert werden, etwa solche durch Hühnermast oder Ferkel­aufzucht (Ober­verwaltungs­gericht Nord­rhein-West­falen, Az. 8 A 1760/13, 8 A 1487/14 und 8 A 1577/14 ).

Kleine Heimzoos sind verboten

Haushalte in reinen Wohn­gebieten dürfen nur eine begrenzte Anzahl an tierischen Mitbewohnern haben. Wo die Grenze liegen kann, zeigt ein Fall aus Baden-Württem­berg. Dort forderten Anwohner behördliches Einschreiten, weil ein Nach­bar mehr als fünf Hasen, vier Frett­chen, elf Hühner und fünf Hunde hielt. Das Verwaltungs­gericht Stutt­gart gab den Anwohnern recht und stellte folgende Faust­regel auf: Wenn ein Spaziergänger, der alle Tiere des Haus­halts sehen könnte, den Eindruck bekäme, hier wohne der Eigentümer einer Zoohand­lung, dann sind es zu viele Tiere (Az. 2 K 6321/18).

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Kinder – so führen Spiel und Spaß nicht zu Nach­barschafts­krieg

Kinder dürfen laut sein und spielen

Kinder sollen grund­sätzlich Kind sein. Das bedeutet: Nach­barn müssen mit ihnen auskommen, auch wenn sie laut sind. Lärm ist juristisch eine sogenannte natürliche Lebens­äußerung von Kindern und muss als solche hingenommen werden. Das bestätigt sogar der Bundes­gerichts­hof (Az. V ZR 62/91). Nach­barn müssen daher akzeptieren, dass Kinder auch mal während der Ruhe­zeiten laut sein können. Ihr Lärm ist per Gesetz keine schädliche Umwelt­einwirkung. Das zählt auch für nächt­liches Weinen von Babys. Ein Frei­fahrt­schein für rück­sichts­loses Verhalten ist das aber natürlich trotzdem nicht. Übrigens: Musizieren ist für zwei bis drei Stunden an Werk­tagen und ein bis zwei Stunden an Sonn- und Feier­tagen erlaubt – auch für Erwachsene (BGH, Az. V ZR 143/17).

Tipp: Weitere Informationen erhalten Sie unserem Special Kinder im Mietshaus: Was erlaubt ist und was nicht.

Schäden gut versichern

Ein falscher Schuss mit dem Fußball – das Fenster vom Nach­barn ist zerdeppert. Für solche Fälle ist eine private Haft­pflicht­versicherung unabding­bar, sie zahlt den Schaden. Jeder Mensch braucht eine. Wer kleine Kinder hat, sollte darauf achten, einen Tarif zu wählen, der Schäden durch„delikt­unfähige Personen“ abdeckt. Denn bis zu ihrem siebten Geburts­tag haften Kinder nicht für Schäden, die sie verursachen. Im Straßenverkehr sogar nicht, bis sie zehn Jahre alt sind. Bis dahin gelten sie als delikt­unfähig. Wenn also der fünf­jährige Sohn beim Radfahren den Sport­wagen der Nach­barin zerkratzt, bleibt diese auf dem Schaden sitzen. Die Eltern sind ebenfalls raus, sofern sie ihre Aufsichts­pflicht nicht verletzt haben. Förderlich für den Nach­barschafts­frieden ist das natürlich nicht. Eine Haft­pflicht­versicherung, die Schäden durch delikt­unfähige Kinder absichert, würde den Schaden am Auto­lack zahlen und Frieden stiften. Der Schutz mit diesem Extra ist nicht teuer. Die güns­tigsten sehr gut getesteten Privathaftpflicht-Tarife kosteten im jüngsten Test nur 65 Euro im Jahr.

Der berühmte Ball in Nach­bars Garten

Landet ein Ball beim Spielen in Nach­bars Garten, dürfen Kinder nicht einfach über den Zaun klettern, um ihn zurück­zuholen. Sie müssen klingeln und nach dem Ball fragen. Der Nach­bar wiederum ist verpflichtet, den Ball zurück­zugeben. Er darf ihn nicht einkassieren und auch nicht das Spielen verbieten (Land­gericht München II, Az. 5 O 5454/03).

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Video­über­wachung – was ist erlaubt, was verboten?

Verboten. Öffent­liche Bereiche wie Gehwege dürfen nicht gefilmt werden. Auch das Nach­bargrund­stück darf nicht im Bild sein.

Erlaubt. Kameras dürfen nur das eigene Grund­stück über­wachen. Ein Schild muss auf sie hinweisen.

Alle wichtigen Fragen beant­worten wir ausführ­lich in unseren FAQ Private Videoüberwachung.

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Streit schlichten – bevor das Kriegs­beil ausgegraben wird!

Nicht zur Eskalation kommen lassen

Wer sich über seine Nach­barn ärgert, versucht natürlich als erstes mit ihnen zu sprechen. Die schlechteste Idee ist es dagegen, zur Selbst­justiz zu greifen, wie es im Sommer 2019 ein bayerischer Rentner tat. Weil er sich gestört fühlte, als sein Nach­bar im Garten ein Motorrad startete, leitete der Rentner aus Rache die Abgase seines eigenen Motor­rollers in dessen Toiletten­fenster. Das war ein klarer Fall für die Polizei.

Streit einvernehmlich schlichten

Scheitert der Versuch, mit den Nach­barn zu reden, kann ein Anwalt helfen und beraten. Eine Klage ist bei Nach­barschafts­streit aber oft nur möglich, wenn zuvor eine außerge­richt­liche Streitbeilegung gescheitert ist. Der Weg über ein Schieds­gericht ist ohnehin schneller und güns­tiger als eine Klage. In Berlin beispiels­weise über­steigen die Kosten für das Schieds­verfahren selten 35 Euro (zuständige Güte­stellen finden Sie unter schiedsamt.de). Ein alternativer Weg der Streitbeilegung kann eine Mediation sein. Der Mediator richtet nicht, sondern erarbeitet mit den Parteien eine für beide Seiten passende Lösung. Voraus­setzung ist, dass die Streitenden bereit sind, den Konflikt gütlich beizulegen. Generell ist eine Mediation güns­tiger als Anwalt und Gericht. Viele Rechts­schutz­versicherungen decken sie ab. Auch Mieter­ver­eine bieten sie an. Welche Policen gut sind, zeigt unser Vergleich Rechtsschutzversicherung.

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