Nachbarhilfe Meldung

Hilfe unter Freunden und Nachbarn ist schön und gut. Doch wer haftet, wenn beim Blumengießen Wasser in den Laptop läuft oder der Hund jemanden beißt, während Herrchen auf Mallorca entspannt? Damit es nach dem Urlaub keine böse Überraschung gibt, sagt test.de, wann die Versicherung zahlt.

Reine Gefälligkeit

Für den Nachbarn im Urlaub die Blumen gießen? Kein Problem, dachte ein Kons­tanzer, der schon seit Jahren aushalf. Doch diesmal stand ein besonders großer Kübel auf dem Orientteppich. Und weil der Blumenfreund es gut meinte, goss er besonders viel hinein – etwas zu viel. Nach ein paar Tagen hatte der Teppich einen Wasserfleck. Sachschaden: mehrere Tausend Euro. Ärgerlich, aber dafür habe ich ja meine Privathaftpflichtversicherung, dachte der hilfsbereite Blumenfreund. Doch die winkte ab. Das Ganze sei eine reine Gefälligkeit unter Nachbarn gewesen, argumentierte sie. Und in solchen Fällen müssten Helfer nicht haften, denn es greife ein „stillschweigender Haftungsausschluss“. Dabei hatten die beiden nie über eventuelle Schäden und die Folgen gesprochen.

Für kleine Versehen keine Haftung

So ist es fast immer, wenn Bekannte helfen. Ob Blumen gießen, Möbel schleppen oder Wände tapezieren: Wer anpackt, denkt nicht groß nach, was alles schiefgehen könnte. Doch klar ist auch: Niemand möchte teuren Schadenersatz zahlen müssen. Das sehen auch die Gerichte so. Im vorliegenden Fall entschied das Amtsgericht Konstanz: Hätten die beiden Nachbarn rechtzeitig über das Thema gesprochen, hätte der hilfsbereite Mann sicher klargestellt, dass er zwar gern die Blumen gießt, aber nur unter der Voraussetzung, für Schäden nicht gerade stehen zu müssen. Deshalb hatte die Versicherung recht: Der Helfer musste nicht zahlen und damit auch nicht die Versicherung (Az. 5 C 608/93).

Nicht alle Gerichte machen mit

Doch der stillschweigende Haftungsausschluss ist eine Konstruktion, bei der nicht alle Gerichte mitmachen. Denn im Bürgerlichen Gesetzbuch steht ganz klar: Wer anderen einen Schaden zufügt, muss ihn ersetzen. Vor allem wenn der Helfer versi­chert ist, meinen die Richter: Hätten die Beteiligten vorher über Schäden gesprochen, hätte der Helfer wohl gesagt: „Kein Problem, ich bin ja versichert.“ Er hätte also bereitwillig die Haftung übernommen. Daher sei ein Haftungsverzicht dann in der Regel nicht anzunehmen, denn er nütze nur der Versicherung – und das könne kaum der Wille der Beteiligten sein (Bundesgerichtshof, Az. VI ZR 49/91 und VI ZR 278/92).

Auf Schaden sitzen bleiben

Das können die Richter so sehen, sie müssen es aber nicht, wie der Konstanzer Fall zeigt. Dennoch ist es für einen versicherten Helfer im Ergebnis gleich:

  • Entweder greift der Haftungsausschluss, dann braucht er leicht fahrlässig verursachte Schäden nicht zu übernehmen.
  • Oder der Ausschluss greift nicht, dann kann er seine Versicherung einschalten.

Anders ist es aber für den, der sich helfen lässt: Greift der Ausschluss, bleibt er auf seinem Schaden sitzen. Nur wenn der Helfer versichert ist, darf der Geschädigte hoffen, dass die Richter sagen: „Wer eine Versicherung hat, wird auch bereit sein zu haften.“

Nur bei leichter Fahrlässigkeit

Ohnehin gilt das Ganze nur bei leichter Fahrlässigkeit. Zum Beispiel, wenn jemand beim Umzug stolpert und eine Vase umstößt. Die Vase einem anderen zuzuwerfen, ist dagegen grob fahrlässig. Dann greift der Haftungsausschluss nicht. Die Grenzen sind also fließend. Grob fahrlässig war zum Beispiel, als jemand das angezündete Fondueset durchs Wohnzimmer trug und dabei stolperte (OLG Celle, Az. 20 U 16/01).

Weitere Beispiele

Ob der Helfer Geld bekommt, spielt keine Rolle. So wurde ein Mann zu 10 000 Euro Schmerzensgeld verurteilt, der seinem Freund unentgeltlich geholfen hatte, am Motorrad zu basteln, und ihn dabei am Auge verletzte (OLG Koblenz, 1 U 1067/98). Dagegen entschied das Landgericht Bonn auf Haftungsausschluss, als ein junger Mann, der 200 Euro bekam, den Umzugswagen gegen ein Tor fuhr (Az. 5 S 120/93). Besonders kritisch wird es, wenn Eltern auf fremde Kinder aufpassen. Wer Kinder tagelang beaufsichtigt oder mit in den Urlaub nimmt, trägt die Aufsichtspflicht und die Haftung, falls dem Kind etwas zustößt oder es einen Schaden anrichtet. Auch wer Kinder zum Geburtstag einlädt, übernimmt die Aufsichtspflicht. Anders wenn die Nachbarin nur kurz einkaufen gehen möchte. Die Frage „Kann ich Niklas kurz hier lassen?“ reicht nicht, um die Aufsichtspflicht zu übertragen. Auch wenn die Tochter nach der Schule eine Freundin mitbringt, übernehmen die Eltern nicht automatisch die Aufsichtspflicht. Denn die Eltern der Freundin müssen sich fragen lassen, war­um sie sich nicht um den Verbleib ihres Kindes gekümmert haben.
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Verantwortung für fremde Tiere

Passt jemand in den Ferien auf den Hund des Nachbarn auf, kommt stillschweigend ein Verwahrungsvertrag zustande. Der Tierfreund ist dann Hüter des Hundes und trägt die Verantwortung. Beißt der Hund, kann der Geschädigte ihn haftbar machen. Richtet der Hund beim Aufpasser Schäden an, muss eigentlich der Besitzer haften – aber manche Gerichte nehmen den Hüter mit ins Boot. So ließ das Amtsgericht Hagen einen solchen abblitzen, dem der Teppich ruiniert wurde. So etwas könne bei Hunden nun mal passieren, er habe sich diesem Risiko freiwillig ausgesetzt (Az. 13 C 20/96). Anders ist die Sache, wenn jemand nur kurz den Hund des Nachbarn Gassi führt. Das gilt als Gefälligkeit, bei der kein Vertrag zustande kommt (OLG Stuttgart, Az. 2 U 213/01). Der Hüter haftet dann nur, wenn er die nötige Sorgfalt außer Acht lässt.
Tipp: Fragen Sie den Hundebesitzer, ob er eine Tierhalter-Haftpflichtversicherung hat. Oft sind „Tierhüter“ mitversichert. Der Hüter selbst kann das Risiko auch über seine eigene Privathaftpflichtversicherung abdecken. Sie kommt meist auch für Schäden durch Katzen und kleinere Tiere auf.

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