Nabelschnurblut Meldung

Was heute meist im Abfall landet, könnte in Zukunft zum heiß begehrten Arzneimittel werden. Nabelschnurblut bietet die Chance, Leukämie und andere lebensbedrohliche Erkrankungen zu heilen.

Liebe Eltern, Sie freuen sich auf Ihr Kind und hoffen, dass die Geburt gut verläuft und es gesund ist. Wir wünschen Ihnen und Ihrem Kind dafür alles Gute. Sicherlich denken Sie jetzt nicht an Krankheit. Nehmen Sie dennoch eine Chance zur Vorsorge wahr, die Ihnen die Natur bei der Geburt Ihrer Kinder bietet." Die Leipziger Firma Vita 34 wirbt über Hausarzt- und Gynäkologenpraxen und schaltet Anzeigen in Zeitschriften für Schwangere. Sie bietet den in Deutschland bisher einmaligen Service an, das Nabelschnurblut von Neugeborenen zu lagern, um es bei eventuellen späteren Erkrankungen des Kindes oder sogar im Erwachsenenalter heilend einsetzen zu können. Ein Angebot, dem viele werdende Mütter und Väter nicht widerstehen können, denn es trifft sie in einem sensiblen Augenblick: Sie wollen das Beste für ihr Kind und haben Angst, etwas zu versäumen. Sie müssen diese spezielle Lebensversicherung -­ von der sie hoffen, dass sie nie zum Einsatz kommt -­, teuer bezahlen: 220 Mark kostet der Transport und 360 Mark pro Jahr die Kühlung des Blutpräparats in flüssigem Stickstoff.

Der Stoff, der Leben spenden kann und normalerweise nach der Geburt im Abfall landet, hat in den vergangenen Jahren auch Hoffnungen unter Blut- und Krebsspezialisten und bei Transplantationsmedizinern geweckt. Mit einem Unterschied: "Es gibt zurzeit so gut wie keine medizinische Indikation für die Übertragung eigener Blutstammzellen", erklärt Professor Peter Wernet, Leiter der Blutstammzellbank der Düsseldorfer Uniklinik und in Deutschland Pionier auf dem Gebiet der Nabelschnurblutspende. "Bei Leukämie zum Beispiel sucht man als erstes nach einem passenden Fremdtransplantat, da die Krankheit wahrscheinlich vor der Geburt in den Stammzellen angelegt ist."

"Die Wahrscheinlichkeit, dass die eingelagerten Stammzellen für den Eigenbedarf genutzt werden können", so auch der Berliner Transplanteur Dr. Wolfram Ebell, "ist verschwindend gering. Rechnerisch geht man von einer Wahrscheinlichkeit von 1:100.000 aus." Das hängt unter anderem damit zusammen, dass Krankheiten, die mit einer Transplantation behandelt werden, sehr selten sind. Außerdem greift man gerade bei Erkrankungen im Kindesalter meist auf die Blutstammzellen von Geschwistern oder nicht verwandten Spendern zurück. Und sollten tatsächlich einmal die eigenen Zellen benötigt werden, können sie kurz vor der Behandlung aus dem Blut oder Knochenmark des Patienten selbst gewonnen werden.

Weltweite Euphorie

Nabelschnurblut Meldung

Aus den Blutstammzellen entwickeln sich alle anderen Blutzellen. Im Bild weiße Blutkörperchen, die zum Immunsystem gehören.

Dennoch kann Nabelschnurblut nützlich sein. Weltweite Euphorie hat vor allem die Möglichkeit ausgelöst, dass Blutstammzellen aus Nabelschnüren künftig aus allgemein zugänglichen Blutbanken abgerufen werden könnten, um todgeweihten Patienten Heilung zu bringen. Gegenüber Knochenmarkspenden zeichnen sich etliche Vorteile ab:

• Die Stammzellen sind schnell verfügbar. Das kommt vor allem Hochrisikopatienten zugute, deren Zeit knapp ist.

• Das Infektionsrisiko durch Viren ist wesentlich geringer als bei Stammzellen von Erwachsenen.

• Die Blutzellen sind noch "naiv": Die Abwehrfunktion des Immunsystems ist noch nicht entwickelt, lebensgefährliche "feindliche" Attacken auf den fremden Organismus sind seltener.

• Die entscheidenden Gewebemerkmale von Stammzellspender und -empfänger müssen nicht so genau übereinstimmen wie bei Knochenmark oder Blut von Erwachsenen.

Nachteil des Verfahrens ist die geringe Blutmenge. Bisher ist Nabelschnurblut deshalb überwiegend für die Behandlung von Kindern genutzt worden. Allerdings werden Möglichkeiten erforscht, die Zellen im Bioreaktor mithilfe von Wachstumsfaktoren zu vermehren.

"Noch handelt es sich um eine experimentelle Therapie", erklärt Professor Wernet, "aber international gibt es gute Ergebnisse." Von den mehr als 5.000 Präparaten, die in seiner Düsseldorfer Blutbank lagern, sind inzwischen 120 zur Behandlung leukämiekranker Kinder abgerufen worden ­ überwiegend aus dem Ausland. Weltweit werden zurzeit 15 Prozent Blutstammzellen aus Nabelschnurblut eingesetzt, hierzulande weniger als 1 Prozent. "Deutschland ist in dieser Hinsicht noch Hinterland", so Professor Wernet.

Dr. Wolfram Ebell, der in der Kinderklinik der Berliner Charité Knochenmarktransplantationen durchführt, hat schon mehrfach Nabelschnurblut bei Säuglingen und Kleinkindern genutzt. Er beurteilt die Methode dennoch vorsichtig: "Nach bisherigen Erkenntnissen sind eindeutige Vorteile gegenüber konventionellen Transplantationen von Blutstammzellen nicht zu erkennen." Allerdings schätzt er das Nabelschnurblut vor allem als Reserve, auf die zugegriffen werden kann, wenn in den internationalen Registern keine geeigneten Knochenmarkspender gefunden werden.

14 Nabelschnurdatenbanken

Nabelschnurblut Meldung

Die Kühltanks der Uniklinik Düsseldorf fassen mehrere Hundert Liter flüssigen Stickstoff und bis zu 3.000 Blutpräparate.

Weltweit haben sich 14 Nabelschnurblutbanken und -forschungsgruppen zum Verbund "Netcord" zusammengeschlossen, "Eurocord" ist der Zusammenschluss der europäischen Depots. Sie speichern die Daten der Stammzellspenden, die zur Verfügung stehen, liefern die Blutpräparate an Transplantationszentren und entwickeln die Qualitätsstandards, die bei der Entnahme, Verarbeitung und Lagerung von Nabelschnurblut eingehalten werden sollten. Dazu gehört beispielsweise, dass mit den Geburtskliniken, die Nabelschnurblut für die allgemein zugänglichen Blutbanken abnehmen, ein schriftlicher Vertrag geschlossen, das Abnahmeteam geschult und die Arbeit kontrolliert wird. "Als Transplanteur will ich absolut sicher sein", so Dr. Ebell, "dass die Qualität gut ist. Denn schließlich zerstöre ich das ganze Immunsystem."

Private Firmen, die Nabelschnurblut für den Eigenbedarf lagern, setzen auf künftige Entwicklungen medizinischer Therapien und argumentieren, dass Stammzelltransplantate einmal zur Routinebehandlung werden könnten bei Brustkrebs, Aids oder anderen Autoimmunerkrankungen wie multipler Sklerose oder rheumatischer Arthritis. Experimentelle Studien beschäftigen sich in der Tat mit solchen Möglichkeiten, doch die Erfolgsaussichten sind ungewiss.

Auch die Herstellung von körpereigenem Gewebe im Labor erscheint als Silberstreif am Horizont. Dr. Eberhard Lampeter etwa, Geschäftsführer von Vita 34, hofft, dass man in Zukunft zum Beispiel für Leber oder Knorpel Reparaturmaterial züchten kann. Denn im Nabelschnurblut befinden sich neben den Blutstammzellen auch Vorläuferzellen für andere Gewebe. In internationalen Forschungslabors versuchen sich Biowissenschaftler derzeit an dieser Art der Neuerschaffung des Menschen. Oft nutzen sie auch embryonale Stammzellen, bei denen noch nicht festgelegt ist, welches Gewebe und welche Organe sich aus ihnen entwickeln. Oder sie experimentieren mit Stammzellen, die direkt dem jeweiligen Gewebe entnommen werden, wie Muskeln, Haut oder Leber. Doch ein medizinischer Einsatz ist zurzeit noch fraglich. In Deutschland ist die Forschung mit menschlichen Embryos verboten.

Eine gezielte Nabelschnurblutspende innerhalb der Familie ist derzeit höchstens dann sinnvoll, so Dr. Ebell, wenn schon während der Schwangerschaft bekannt ist, dass Bruder oder Schwester eines Neugeborenen eine Stammzelltransplantation benötigen. Allerdings müssen die entscheidenden Gewebemerkmale übereinstimmen. Doch dafür ist keine private Lagerung notwendig. Das kann in Absprache mit dem Transplantationszentrum und der Geburtsklinik organisiert werden.

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