Musiktherapie Special

Tempo, Rhythmus, Melodie – Singen, Musikhören oder das Spiel auf einfachen Instrumenten können eine medizinische Behandlung wirkungsvoll ergänzen.

Du, du liegst mir im Herzen“, „Ich küsse Ihre Hand, Madame“, „Muss i denn, muss i denn zum Städtele hinaus“ – diese Titel sind beliebt bei Seniorentreffs und in Altenheimen, denn die meisten alten Menschen sind mit Volksliedern und Schlagern groß geworden. Besonders demenzkranke Menschen können von Musik profitieren. Sie freuen sich, wenn sie Lieder aus ihrer Jugend hören oder gemeinsam mit anderen singen. An diese Musik können sie sich noch erinnern, wenn sie ihre Sprache schon fast verloren haben. Die Musik ist dann in der Lage, Erinnerungen und Emotionen zu wecken, sie kann körperlich aktivieren, aber auch beruhigen.

Durch Musik noch lange ansprechbar

Musiktherapie Special

Thema mit Variationen: In der Musiktherapie kommen leicht spielbare Instrumente, einfache Rhythmen, Singen oder Musikimprovisationen mit dem Therapeuten zum Einsatz.

Bei Alzheimerkranken beeinträchtigen Proteinablagerungen in den Nervenzellen die Leistungsfähigkeit des Gehirns. In der Folge lassen Denkvermögen und Gedächtnis nach und es treten Sprachstörungen auf. Doch die Hörrinde und die Bewegungszentren des Gehirns bleiben weitgehend frei von krankhaften Veränderungen, erläutert Professor Hans Hermann Wickel von der Fachhochschule Münster. „Auch die emotionale Erlebnisfähigkeit bleibt lange erhalten.“ Deshalb sind Alzheimerpati­enten selbst im fortgeschrittenen Stadium noch durch Musik ansprechbar.

Allerdings sollte das musikalische Angebot Demenzkranken nicht aufgezwungen werden. „Wichtig ist die biografische Verankerung der Musik“, erklärt Professor Wickel, der an der Fachhochschule Münster die „Musikgeragogik“ ins Leben gerufen hat – Musikpädagogik für alte Menschen. Angehörige von Demenzpatienten oder Pflegekräfte sollten sich vom eigenen Musikgeschmack freimachen und die Musikvorlieben ihrer Schützlinge aufspüren. Im Pflegealltag werden die Erkenntnisse noch nicht systematisch genutzt. Doch das Interesse an entsprechender Aus- und Fortbildung ist groß. Die Wochenendseminare für Betreuer von Demenzkranken, die die Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz unter dem Titel „Musik als Schlüssel“ in regelmäßigen Abständen anbietet, erfreuen sich reger Nachfrage. Auch Angehörige können daran teilnehmen. Für Pflegefachkräfte gibt es eine berufsbegleitende Fortbildung.

Krebskranke verarbeiten ihre Ängste

Eine Musiktherapie kann auch Krebspa­tienten helfen, ihre Lebensqualität und den Umgang mit der Erkrankung zu verbessern. Therapeuten vom Deutschen Zentrum für Musiktherapieforschung in Heidelberg haben für sie ein Behandlungskonzept entwickelt und es auch in einer wissenschaftlichen Studie überprüft. Die Kranken, überwiegend Brustkrebspatientinnen, hatten ihre medizinische Behandlung – Operation, Chemotherapie oder Bestrahlung – meist schon abgeschlossen, fühlten sich aber mit der existenziellen Bedrohung und ihren Ängsten alleingelassen.

In den ersten musiktherapeutischen Sitzungen hören die Patienten entspannende Musik, die der Therapeut für sie spielt. Nach und nach kommen sie auch selbst zum Zug, thematisieren mit Instrumenten Ängste oder Aggressionen und hauen zum Beispiel auf die Pauke oder improvisieren gemeinsam mit dem Therapeuten. „Der Therapeut nutzt die Musik wie ein Medikament“, beschreibt Professor Alexander Wormit, Leiter der musiktherapeutischen Ambulanz, diese Therapie, „Tempo, Rhythmus, Lautstärke, Melodie passt er an die Stimmung des Patienten an. Wenn der Patient traurig ist, spielt der Therapeut leise und zarte Musik, kann dann aber auch lauter und schneller werden und Freude ins Spiel bringen.“

Nach der Therapie empfanden die meisten Krebspatienten ihre Erkrankung als weniger belastend, so Professor Wormit. Sie wandten sich stärker nach außen und unternahmen mehr, kamen im Beruf besser zurecht und waren optimistischer. Die Wissenschaftler haben ihre Vorgehensweise in einem Therapiehandbuch dokumentiert, sodass auch andere Therapeuten das erfolgreiche Konzept nutzen können.

Therapieergänzung bei Schmerz

Auch für Tinnitus, Migräne bei Kindern, chronische Schmerzen und andere Krankheiten haben die Heidelberger Musiktherapeuten Behandlungskonzepte entwickelt und überprüft. Für Patienten mit langjährigen Kopf- und Rückenschmerzen beispielsweise erwies sich die Musiktherapie als sinnvolle Ergänzung zur medizinischen Schmerzbehandlung. Die Patienten empfanden die Schmerzen als weniger stark und belastend und zogen sich nicht mehr in ihren Schmerzkokon zurück.

Nach Schlaganfall schneller fit

Die Musiktherapie nützt nicht nur Patienten mit seelischen Nöten. Verschiedene Formen der Musiktherapie sind offenbar auch in der Lage, Schädigungen des Gehirns und damit verbundene körperliche Einschränkungen wettzumachen. So zeigten sich in verschiedenen Studien eindrucksvolle Funktionsverbesserungen bei Schlaganfallpatienten. Bei einem Schlaganfall ist die Durchblutung des Gehirns gestört und Nervenzellen sterben ab. In der Folge kann es zu Bewegungs-, Sprach- und Gedächtnisstörungen kommen.

Lieblingsmusik regt das Gehirn an

Finnische Forscher berichteten Anfang des Jahres von Erfolgen bei Schlaganfallpatienten, die zusätzlich zur regulären Behandlung jeden Tag mindestens ein bis zwei Stunden ihre Lieblingsmusik anhörten – egal ob Pop, Klassik, Jazz oder Folkmusik. Im Vergleich zu Patienten, die nur die Standardtherapie erhielten oder zusätzlich Hörbücher anhörten, hatten sich in der Musikgruppe nach zwei Monaten die Konzentrationsfähigkeit, das Sprachgedächtnis und auch die Stimmung verbessert.

Klavierspiel verbessert Beweglichkeit

Musiktherapie Special

Ergänzt die medizinische Behandlung: Musik zu hören oder auf einem Instrument einfache Klänge zu erzeugen, hilft Krebs- und Schmerzkranken bei der Krankheitsbewältigung, Schlaganfallpatienten bei der Rehabilitation.

Eine musikunterstützte Trainingstherapie für Schlaganfallpatienten entwickelten Neurologen des Instituts für Musikphysiologie und Musikermedizin in Hannover. Sie untersuchten das neue Rehabilitationsverfahren im Rahmen einer Forschungsstudie.
Patienten mit leichten und mittelschweren Bewegungseinschränkungen einer Hand spielten drei Wochen lang täglich 30 Minuten auf einem elektronischen Schlagzeug und einem elektronischen Klavier einfache Töne, Tonfolgen und schließlich Kinder- und Volkslieder. Zunächst benutzten sie nur die geschädigte Hand, dann beide Hände gleichzeitig. In anschließenden Untersu­chungen schnitten sie besser ab als Patienten, die eine Standardtherapie oder die Standardtherapie plus Bewegungstraining erhielten. Hände und Finger waren beweglicher, geschickter und schneller und die Nervenzellen im Gehirn aktiver.

Der Musikmediziner und Neurologe Professor Eckart Altenmüller, der das Konzept für die Musik-Rehabilitation entwickelte, erläutert die Auswirkungen von Musik: „Im Gehirn gibt es eine sehr enge Verbindung zwischen Hören, Bewegen und Emotionen. Dadurch kommt es zu einer Vernetzung verschiedener Gehirnbereiche.“ Dass verschiedene Hirngebiete und die beiden Hirnhälften nach der Musiktherapie stärker vernetzt waren, konnten die Mediziner auch an der Hirnstromaktivität (EEG) der Schlaganfallpatienten erkennen.

Im Rehabilitationsalltag ist die Methode noch nicht angekommen. „Aber wir gehen davon aus, dass unsere Resultate die Kliniken überzeugen werden“, erklärt Professor Altenmüller. „Man kann die Musik sehr wirkungsvoll einsetzen, um Menschen, deren Bewegungsfähigkeit sich reduziert hat, wieder zu aktivieren.“

Wieder sprechen lernen

Auch andere Forscher entwickelten vergleichbare musiktherapeutische Konzepte für Schlaganfallpatienten, so zum Beispiel ein Gangtraining mit rhythmischer Musik oder ein Gesangstraining für Patienten mit Sprachstörungen. Denn selbst wenn ihr Sprachzentrum zerstört ist, können Patienten Texte noch singen. Das hängt damit zusammen, dass die Texte von Liedern in einem anderen Bereich des Gehirns gespeichert werden als reine Sprachinformationen. Auf diese Weise können sie lernen, wieder zu sprechen. Andere Hirnbereiche übernehmen dann diese Aufgabe.

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