Erwachsene und Kinder tauschen Musik, Filme und Spiele ­illegal im Internet. Es hagelt Anzeigen. So reagieren Sie richtig.

Happy Birthday to you, singen drei Kinder für ihren Vater. Sie müssen schreien, denn Papi kann sie kaum hören. Er sitzt weit weg – im Gefängnis. „Raubkopierer sind Verbrecher“, so die Botschaft.

Ist der Spot zu Ende, gähnt das Kino. Filme, Computerspiele und Musik zu kopieren, ist längst ein Massenphänomen. Das Bewusstsein, möglicherweise etwas Unerlaubtes zu tun, ist bei vielen – und nicht nur bei Kindern und Jugendlichen – kaum vorhanden.

Massenhaft illegaler Datentausch

Die Hersteller von CDs und DVDs haben mit Umsatzeinbußen zu kämpfen. Sie schreiben die Schuld daran dem Internet zu. Über so genannte Tauschbörsen wie Kazaa, eDonkey oder BitTorrent lässt sich fast alles, was es auf CD oder DVD zu kaufen gibt, kostenlos herunterladen.

Das Prinzip der Tauschbörsen: Wer online ist und ein Programm wie etwa Kazaa startet, kann mit allen Computern dieser Erde, die ebenfalls online sind und Kazaa geöffnet haben, Dateien austauschen.

Man tippt im Suchfeld den Namen des gesuchten Titels ein und kurz darauf zeigt der Bildschirm an, welcher der angeschlossenen Computer die Datei auf seiner Festplatte zum Herunterladen anbietet.

Dann muss der Nutzer nur noch auf „Download“ drücken und der Rechner greift sich von der Festplatte des Rechners am andern Ende der Welt die Datei.

Die heruntergeladene Datei wird den anderen Tauschbörsen-Teilnehmern im gleichen Moment automatisch angeboten.

Was die meisten Nutzer von Tausch­börsen ignorieren: Sie haben kein Recht, fremde Lieder, Spiele oder Filme einem Millionenpublikum kostenlos zum Herunterladen anzubieten. Auch dann nicht, wenn sie ­eine CD oder DVD im Geschäft gekauft haben. Dieses Recht besitzen in aller Regel nur Firmen wie etwa Sony BMG.

Industrie geht gegen Nutzer vor

Weil die Tauscher den wahren Rechtsinhabern das Recht zur Veröffentlichung nehmen, geht die Industrie gegen sie vor.

Als einen der Ersten traf es im Juni 2004 Jan Reichenbach* aus einer schwäbischen Kleinstadt bei Stuttgart. Bei einer Hausdurchsuchung hatte die Staatsanwaltschaft rund 2 000 Musiktitel auf seinem Computer gefunden, die der damals 57-jährige Musiklehrer in der Internettauschbörse Kazaa illegal angeboten hatte.

Kurz darauf erreichte Reichenbach Post von der Hamburger Kanzlei Rasch Rechtsanwälte. Rasch verfolgt für Musikkonzerne Urheberrechtsverletzungen.

Nach einem Vergleich zahlte Jan Reichenbach 10 000 Euro an die betroffenen Musikfirmen. Von ­einem Strafurteil ist nichts bekannt.

Reichenbach war nur der Beginn. Inzwischen stellt die Wirtschaft massenhaft Strafanzeigen. Allein im zweiten Halbjahr 2005 gingen bei der Staatsanwaltschaft Karlsruhe rund 40 000 Strafanzeigen ein. Auslöser war auch die Firma Zuxxez, deren Spiel „Earth 2160“ massenhaft unerlaubt runtergeladen und angeboten wurde.

Wegen der Anzeigenflut gibt es derzeit eine interne Empfehlung für Staatsanwälte, wonach Strafverfahren folgenlos eingestellt werden sollen, wenn weniger als 100 Dateien illegal angeboten wurden.

Nur selten kommt es tatsächlich zu Strafurteilen wegen illegaler Tauschaktivitäten. Ein 23-jähriger Azubi musste etwa 400 Euro Strafe zahlen, weil er tausende Lieder auf Kazaa angeboten hatte.

So werden illegale Nutzer entdeckt

Mit dem Fall Reichenbach hat sich die Industrie erst warm gelaufen. Mittlerweile können private Ermittler im Auftrag der Medienwirtschaft mit Programmen sehr viel schneller ermitteln, wer unerlaubt fremde Dateien im Internet bereitstellt.

Wer ein Computerspiel oder einen Song in einer Tauschbörse anbietet, hinterlässt stets eine „IP-Adresse“. Sie besteht aus Zahlen (z. B. 213.61.225.68) und ist eine Art Hausnummer des Internetzugangs.

Bietet jemand einen Musiktitel auf einer Tauschbörse an und lädt ihn dann ein anderer Rechner herunter, ist diese IP-Adresse für diesen Computer sichtbar.

Erkennen die Detektive der Industrie, dass der Musik-Hit einer Plattenfirma von einem Computer angeboten wird, laden Sie den Titel zur Beweissicherung selbst herunter, notieren Datum, Dateiname und IP-Adresse. Um noch an die ganze ­private Anschrift des Täters zu kommen, erstatten sie schnell Strafanzeige. Die Staatsanwaltschaft ermittelt, welcher Anschlussinhaber hinter der Adresse steckt.

Es kann in der Folge zu polizeilichen Hausdurchsuchungen kommen. Die Polizei nimmt dann den Computer und alles, was nach gebrannten CDs aussieht, mit und sucht darauf nach illegalen Dateien. „Bis Betroffene den Computer wiederbekommen, dauert es mitunter schon ein halbes Jahr“, sagt die Mannheimer Rechtsanwältin Julia Janson-Czermak. Sie vertritt derzeit rund 50 Betroffene.

Zufallsfunde können die Betroffenen zudem in Schwierigkeiten bringen. Etwa wenn die Polizei auch noch die gebrannte Windows-CD findet.

„Die meisten Fälle sind Bagatellfälle. Es kommt zur Einstellung des Strafverfahrens, weil kein Interesse an Strafverfolgung besteht“, berichtet Rechtsanwalt Chan-jo Jun aus Würzburg.

Manchmal müssen Beschuldigte für die Einstellung des Verfahrens allerdings einen Geldbetrag an die Staatskasse zahlen.

Eltern haften für ihre Kinder

Das Strafverfahren ist für Betroffene nicht die einzige Baustelle. Die andere ist das ­zivilrechtliche Verfahren. Wer entdeckt wird, bekommt Post von den Anwälten der Medienfirmen: Sie haben Urheberrechte verletzt, unterlassen Sie das zukünftig und zahlen Sie für den entstandenen Schaden.

Während der Ermittlungen des Staatsanwalts nehmen die Rechtsanwälte dann Einblick in die Akten des Staatsanwaltes und erfahren so die private Anschrift des Anschlussinhabers.

„Meist vergehen nur zehn Tage zwischen Ermittlung der IP-Adresse und diesem Brief“, sagt Julia Janson-Czermak.

Die Anwälte gehen stets gegen den Inhaber des Internetanschlusses vor. So kann es auch arglose Eltern treffen, deren Kinder unerlaubt getauscht haben. „Eltern haften, wenn ihre Kinder über ihren Computer Urheberrechte verletzt haben. Es spielt keine Rolle, ob sie vom Tun der Kinder wussten“, sagt Dr. Ina Lucas von der Kanzlei Rasch. Auch Inhaber eines Anschlusses, auf den eine Haus- oder Wohngemeinschaft Zugriff hat, können danach in Anspruch genommen werden.

Rechtsanwalt Johannes Richard aus Rostock sieht das hingegen ganz anders: „Wer nicht weiß, dass über seinen Anschluss etwas Illegales passiert, haftet auch nicht.“

Höchstrichtliche Urteile zu diesem Problemfeld gibt es noch nicht.

Wer CDs oder DVDs kopiert oder Tauschbörsen nutzt, informiert sich deshalb besser vorher darüber, was erlaubt ist und was nicht (siehe „Egal oder illegal - was ist denn nun erlaubt?“).

Liegt die Post von Rasch & Co. im Briefkasten, sollten Betroffene vorerst nichts unterschreiben, sondern schnell zu einem Rechtsanwalt gehen.

Sonst sitzt Papi zwar nicht im Gefängnis, aber im Schuldenturm.

* Name von der Redaktion geändert.

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