Wohin das Kundengeld fließt

Musik Streaming Test

Die Exklusive: Taylor Swift. Zog Alben wie „1989“ wegen unfairer Bezahlung von Spotify zurück. Handelte kurz darauf einen gut bezahlten Exklusivdeal mit Apple Music aus.

Viele Musiker beschweren sich über lausige Einnahmen durch Musik­streaming. Wo bleiben die 10 Euro, die Kunden im Monat bezahlen?

Viele Künstler sind nicht zufrieden

Taylor Swift machts nur mit Apple Music, Beyoncé nur mit Tidal. James Blunt und Portishead meckern drüber. Die Ärzte, Die Toten Hosen und Daniel Wirtz machen es gar nicht. Künstler vertreten ganz unterschiedliche Meinungen zu Musik­streaming­diensten. Immer wieder melden sich Musiker zu Wort und kritisieren die schlechten Einnahmen, die sie durch die Musik-Flatrates erzielen. Gleich­zeitig machen Erfolgs­meldungen die Runde wie zuletzt vom Bundes­verband der Musik­industrie, in denen besonders die Streaming­dienste als Wachs­tums­motor für die Branche dargestellt werden. Die wiederum verweisen darauf, das meiste ihrer Einnahmen an Plattenfirmen und Verwertungs­gesell­schaften auszuschütten. Stöhnen die Künstler also nur auf hohem Niveau? Oder versandet das Geld auf dem Weg vom Nutzer zu ihnen? Muss ein Musikfan, der im Monat 10 Euro ausgibt, sich am Ende um seine Lieblings­band sorgen?

Musik Streaming Test

Die Nörgler: James Blunt. Beschwert sich auf Twitter über geringe Streaming-Einnahmen. Portishead. Die Band kassierte für 34 Millionen Streams 1 700 Pfund.

Von 10 Euro kommen 68 Cent an

Fakt ist: Pro einzelnen Abruf eines Songs zahlen die Musik­streaming­dienste oft weniger als 1 Cent an die jeweiligen Rechte­in­haber. Anders als beim CD-Verkauf lässt sich mit Streaming selten schnell das große Geld verdienen. Der französische Verband der Musik­industrie SNEP hat ausgerechnet, dass von 10 Euro Monats­gebühr, die ein Nutzer zahlt, 68 Cent bei den Interpreten landen. Ein weiterer Euro kommt über Verwertungs­gesell­schaften hinzu. Allerdings nur, wenn die Künstler auch den Song­text und die Musik geschrieben haben. Die Verwertungs­gesell­schaften vertreten nämlich die Urheber eines Werkes. „Musik­streaming­dienste sorgen für kontinuierliche Einnahmen bei Plattenfirmen und Künst­lern“, sagt Florian Drücke, Geschäfts­führer des Bundes­verbands Musik­industrie, und fordert auch die Künstler zum Umdenken auf.

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Von den 10 Euro Streaming­kosten sieht der Künstler als Letzter Geld. Vorher verdienen der Staat, der Streaming­dienst, die Plattenfirma. Der französische Musik­verband SNEP rechnet vor, wer wie viel verdient.

Von den 10 Euro Streaming­kosten sieht der Künstler als Letzter Geld. Vorher verdienen der Staat, der Streaming­dienst, die Plattenfirma. Der französische Musik­verband SNEP rechnet vor, wer wie viel verdient.

„Der Verteil­schlüssel ist unfair“

Der deutsche Musiker Daniel Wirtz kann sich mit dem Modell bisher nicht anfreunden. „Der Verteil­schlüssel ist unfair. Die Künstler schaffen mit ihrer Musik die Grund­lage, verdienen am Ende aber am wenigsten. Wieso soll ich als Künstler mit meinem Können dafür sorgen, dass andere das große Geld verdienen?“ Als Musiker mit eigenem Label ist er in einer vergleichs­weise güns­tigen Position, weil er selbst mitreden kann, wie seine Musik vertrieben wird. Zudem ist er stärker an den Einnahmen beteiligt als ein Musiker, der bei einer großen Plattenfirma unter Vertrag steht.

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Die Verweigerer: Wirtz. Findet den Verteil­schlüssel unfair und sperrt sich bisher gegen Streaming. Die Ärzte. Musik soll ihren Wert behalten, daher verweigert sich die Band dem Stream.

Die Hälfte für die Plattenfirma

Zu den Plattenfirmen fließt der größte Teil des Geldes vom Streaming, etwa 50 Prozent. Aus Sicht des Bundes­verbands Musik­industrie ist das legitim. „Die großen Labels sind ja häufig genug auch die Risikokapital­geber der Künstler und investieren erst­mal Geld.“ Was Künstler häufig verschwiegen, sei die Tatsache, dass sie nicht selten Vorschüsse von den Plattenfirmen bekommen, so Drücke. Vom Streaming allein dürften die wenigsten Musiker leben können. Auch wenn die Cent­beträge, die ausgeschüttet werden, immer noch höher sind als das, was sie etwa beim Radio pro Song und Hörer bekommen. Doch gerade für neue Künstler ist es schwer, dieselbe Reich­weite zu erlangen.

Bis zu 400 000 Dollar im Monat

So erzielte beim Musik­streaming­dienst Spotify 2013 beispiels­weise ein Nischen­album aus dem Indie-Bereich gerade mal monatliche Einnahmen von 3 300 US-Dollar, ein welt­weit erfolg­reiches Album aber stolze 400 000 Dollar. Gerade die Beschwerden der Megast­ars à la Taylor Swift oder Adele muten in diesem Kontext selt­sam an. Auch wenn sie damit, so Musiker Wirtz, gerade den kleineren Künst­lern eine Stimme verleihen. Wer nicht Adele oder Taylor Swift heißt, muss sich breit aufstellen.

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Die Taktierer: Adele. Gab ihr Album „25“ erst sieben Monate nach Erscheinen für Streaming frei. Cold­play. Das aktuelle Album gabs erst Wochen später bei Spotify.

CD-Verkauf nach wie vor wichtig

In Deutsch­land ist der CD-Verkauf für Musiker nach wie vor eine feste Größe, auch wenn die Zahlen schrumpfen. „Für eine kleine Band können 500 mehr verkaufte CDs das Über­leben sichern. Um diesen Umsatz über Streaming einzufahren, müssten mehrere Fangenerationen ununterbrochen ihre Songs streamen“, sagt Daniel Wirtz. Er hat ein anderes Modell gewählt. „Wir haben uns dazu entschieden, unendlich viele Shows zu spielen, um bekannter zu werden. Das hat für uns bestens funk­tioniert, war aber auch eine Menge Arbeit.“ Dennoch müssten Streaming­dienst­nutzer kein schlechtes Gewissen haben, meint Wirtz. „Wer sich dafür entscheidet, macht schon zwei Dinge richtig: Musik ist ein wichtiger Bestand­teil seines Lebens und er möchte dafür Geld ausgeben. Streamen alleine reicht aber nicht, um den Lieblings­musiker nach­haltig zu unterstützen.“

Musik gibts nicht geschenkt

Nicht jeder bezahlt für den Hörgenuss. „Bei allen, die Musik illegal konsumieren – sei es über illegale Downloads, aber auch über Youtube –, gibt es ein Mentalitäts­problem“, meint Florian Drücke. Den Verbrauchern müsse klar sein, dass sie Musik nicht geschenkt bekommen. Er will sie nicht aus der Verantwortung lassen. Mit der Initiative „Playfair“ weist der Musik­verband auf legale Angebote im Netz hin. Daniel Wirtz sieht es ebenso. „Ich habe als Künstler vor allem den Wunsch, dass nicht der Blick für den Wert der Musik verloren geht.“ Auch andere engagieren sich für faire Bezahlung. Die Macher von „Resonate“ wollen als Streaming­dienst mit einem alternativen Verteil­schlüssel Künstler besser entlohnen. Sie suchen derzeit Unterstützer. Dass Musik­streaming­dienste insgesamt sogar einen positiven Einfluss auf den Verkauf von Musik haben, zeigt eine Studie von Nils Wlömert, Assistant Professor an der Wirt­schafts­uni Wien. Die Dienste allein für die Misere mancher Künstler verantwort­lich zu machen, scheint zu kurz gegriffen. Zumindest die Plattenfirmen bekommen vom Kuchen kein kleines Stück ab.

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TestMusik Streaming24.08.2016
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