Mit dem Abschluss von Kurs oder Seminar ist eine Weiterbildung noch lange nicht vorbei. Fast noch wichtiger ist, was direkt danach passiert: Klappt die Umsetzung im Arbeitsalltag? Die Antwort auf diese Frage sagt oft mehr als die bekannten Noten in Zertifikaten und könnte ihre Aussagekraft erhöhen. Mehr Transparenz für berufliche Qualifikationen ist das Ziel eines vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) betreuten Modellversuchs. Wichtigste Frage: Welche Zertifikate brauchen Betriebe wirklich?

Unterschätzter Lernort Arbeitsplatz

Beispiel: Hotellerie. Mehrere Wochen hatten sich die Seminarteilnehmer intensiv mit dem Thema „Konfliktmanagement an der Rezeption“ beschäftigt. Das war - trotz der zahlreichen Rollenspiele - die Theorie. Doch dann ging es an die Umsetzung am Arbeitsplatz. Ließ sich das neue Wissen anwenden? Änderten die Geschulten ihr Verhalten gegenüber den Gästen? Traten sie anders auf? Und profitierten auch die Hotelbesucher? „Dieses Lernen am Arbeitsplatz hat eine ganz starke Bedeutung und macht einen großen Teil der Qualifikation aus“, sagt Ursula Krings vom Forschungsinstitut Betriebliche Bildung (f-bb) in Nürnberg, das für den Modellversuch verantwortlich ist. In herkömmlichen Zeugnissen und Zertifikaten allerdings spielt es kaum eine Rolle. Die Forscher sehen gerade darin einen wichtigen Grund, warum es häufig nicht gelingt, freie Stellen adäquat zu besetzen: „Die bekannten Zeugnisse geben keine ausreichende Entscheidungsgrundlage“, sagt Krings. Doch für aufwändige Test- und Auswahlverfahren fehlten gerade vielen Klein- und Mittelbetrieben die Ressourcen und das Geld.

Zeugnisse, die allen nützen

Krings' Ziel sind aussagekräftige Zertifikate, die allen nützen - den Arbeitnehmern, weil sie mit ihnen ihr gesamtes Qualifikationsspektrum darstellen können, und den Arbeitgebern, weil sie besser erkennen, wie jemand einsetzbar ist. Das gelte sowohl für die interne Personalentwicklung eines Betriebes als auch für spätere Bewerbungen der Mitarbeiter. Dafür entwickelt das f-bb Instrumente, mit denen auch ohne Lehrplan und Dozent am Arbeitsplatz Gelerntes transparent und zertifizierbar wird. Für die Teilnehmer des Hotellerie-Seminars heißt das beispielsweise, dass nach einigen Wochen gemeinsam mit den Vorgesetzten Bilanz gezogen wird: „Im Sinne einer Positiv-Liste wollen wir sehen, was nach einer Weiterbildung umgesetzt wurde“, beschreibt Ursula Krings. Dazu gehört allerdings, dass Seminaranbieter automatisch eine entsprechende Lern- und Kontrollliste mitliefern und die Arbeitgeber auch bereit sind, für die Nachbereitung Zeit zu opfern.

Noten sagen nur wenig aus

Krings und ihr Team stören sich vor allem an der reinen Vergabe von Noten: „Wenn Bildungsträger heute in Deutschland Weiterbildungsmaßnahmen zertifizieren, dann erhalten die Teilnehmer Noten für Schulfächer, in denen sie unterrichtet wurden und in denen sie Prüfungen absolviert haben“. Die aber sagen nach Meinung der Forscher nur wenig über die Fähigkeit aus, konkrete Tätigkeiten und Aufgaben zu erfüllen. Werde in einer Stellenbeschreibung beispielsweise „kaufmännisches Einfühlungsvermögen“ gefordert, bleibe in üblichen Zertifikaten nur der Blick auf die Note im Fach Betriebswirtschaftslehre. „Doch die kann nur einen groben Hinweis geben, ob der Bewerber für die ausgeschriebene Stelle geeignet ist“, kritisiert Krings: „Die Diskrepanz zwischen den Anforderungen der Betriebe und den Informationen der gängigen Zertifikate ist erheblich.“ Statt dessen setzt sie zusätzlich auf die inhaltliche und tätigkeitsorientierte Beschreibung von Qualifikationen und sucht nach Wegen, die auch selbst organisiertes Lernen beschreibbar machen.

Der Modellversuch „Transparenz beruflicher Qualifikationen steckt nach Interviews mit Personalverantwortlichen aus Betrieben jetzt in der Praxisphase. Dabei werden insbesondere die Erfahrungen mit den Seminarteilnehmern aus der Hotellerie ausgewertet. Im Internet können sich Betriebe und Personaler aber weiter an einer Online-Befragung beteiligen. Insgesamt läuft der Versuch, der vom BIBB fachlich betreut und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird, noch bis Mai 2006.

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