Schwindelanfälle auf Reisen, Revolten im Magen lassen sich mit Tricks und Hausmitteln besänftigen – auch mit allerlei Arznei, die meist müde macht.

Unausweichlich greift am Anfang die Seekrankheit um sich, und selbst erfahrene Matrosen können sich ihr nicht entwinden ... Der Schiffsarzt verabreicht den Kranken einen Mus aus Ingwer. Ich tat mein Bestes, diese Arznei mit verzerrter Mimik zu schlucken.“ So schrieb ein Heinrich Hasebeck im September des Jahres 1595 in sein Tagebuch. Der Lübecker, zur Seefahrt gezwungen, war an Bord der „Defiance“, mit der Englands Held Sir Francis Drake zur letzten Piratentour nach Panama aufbrach – ein Dokument, das kaum von Romantik, aber sehr viel von Menschenschinderei auf hoher See berichtet.

Ingwerpulver

Ingwer diente Seeleuten über Jahrhunderte als Hilfsmittel bei aufkommender Seekrankheit. Zur Bekämpfung der Reisekrankheit wird das pflanzliche Heilmittel auch heute noch verwendet. Ein Ingwerpräparat ist in Deutschland als Arzneimittel zugelassen: Es heißt Zintona. Das Ingwerpulver wirkt etwas schwächer als Antihistaminika, macht aber nicht müde. Es muss stets genügend hoch dosiert werden, damit die erwünschte Wirkung eintritt. Klinische Studien legen nahe, eine halbe Stunde vor Reiseantritt etwa ein Gramm Ingwerpulver einzunehmen. Dauert die Fahrt länger als vier Stunden, kann die Einnahme wiederholt werden.

Als mildes Mittel gegen Übelkeit kann Zintona zum Beispiel auch Kindern gegeben werden, die empfindlich auf Reisen reagieren – allerdings nicht Kindern unter vier Jahren. Vier- bis Sechsjährige können 350 Milligramm Ingwerpulver erhalten. Kinder ab sechs bekommen die Hälfte der Erwachsenendosis (1 000 Milligramm), also 500 Milligramm. Aber den Arzt fragen. Auch Ältere sind mit einer geringeren Dosis manchmal besser bedient.

Antihistaminika

Zintona steht heute in Konkurrenz zu zahlreichen anderen, stärker wirksamen pharmazeutischen Zubereitungen – in der Regel Antihistaminika, die auch als Schlafmittel und gegen Allergien gebräuchlich sind. Wir stellen Präparate zur Selbstbehandlung vor. Sie sind in der Apotheke ohne Rezept erhältlich: Pro Jahr werden 5,5 Millionen Packungen von Mitteln gegen Reisekrankheit verkauft (Apothekenumsatz etwa 26,5 Millionen Euro).

Die Wirkstoffe Dimenhydrinat und Diphenhydramin in Antihistaminika hemmen eine Erweiterung der Blutgefäße und den Brechreiz. Der Nachteil: Anthistaminika besänftigen bei Reisekrankheit nicht nur den aufgewühlten Magen, sondern schläfern auch die Sinne ein – also nichts für Autofahrer oder Skipper.

Reisemitteln wird oft etwas Koffein zugesetzt, um die müde machende Wirkung zu mildern oder aufzu­heben. Aber vergeblich. Im Wirkstoff Dimenhydrinat – er setzt sich zu gleichen Teilen aus Diphenhydramin und dem Salz 8-Chlortheophyllin zusammen – steckt als möglicher „Muntermacher“ das 8-Chlor­theophyllin. In der Praxis hat sich aber nicht bestätigt, dass es aufmuntert. Dimenhydrinat und Diphenhydramin machen gleichermaßen müde.

Ausreichend dosieren

Um gegen Reisekrankheit vorzubeugen, reichen 50 bis 100 Milligramm Dimenhydrinat aus oder 25 bis 50 Milligramm Diphenhydramin. Dauert die Reise länger als acht Stunden, ist wieder eine Einzeldosis zu nehmen. Die Mittel sollen meist etwa eine Stunde vor Reiseantritt eingenommen werden, siehe Beipackzettel. Übrigens: Bei Untersuchungen an Tausenden US-Soldaten war von den Wirkstoffen gegen Übelkeit und Erbrechen bei Reisekrankheit das rezeptpflichtige Scopolamin 60-Mal stärker wirksam als Promethazin, ein schwach wirksames Neuroleptikum, das auch als Anthistaminikum angewendet wird. Promethazin widerum war zwei- bis dreimal wirksamer als Mittel wie das Diphenhydramin und Dimenhydrinat.

Wellen, Böen, Serpentinen

Nach Medikamenten mit nachgewiesener Wirkung besteht Bedarf, wenn auf See starker Wind und harte Wellen, über Land schaukelnde Reisebusse, durch Serpentinen kurvende Autos oder von Höhenwinden durchgeschüttelte Flugzeuge das innere Gleichgewicht der Passagiere bedrohen. Neben Antihistaminika werden gelegentlich auch rezeptpflichtige Mittel genutzt, die nicht direkt für die Indikation Reise- oder Seekrankheit zugelassen sind. Doch auch sie machen unter Umständen müde, können die Symptome der Reisekrankheit aber zumindest dämpfen.

Wer sich bei Seglern nach Rezepten erkundigt, hört von allerlei Hilfsmitteln: 

  • Ohr-Akupunktur oder Akupressurbänder (wie Seaband), die an beiden Handgelenken getragen werden: Ein Knopf drückt auf den „Nei-Kuan-Punkt“ an der Innenseite der Handgelenke – eine Akupressurmethode aus Fernost.
  • Eine Spezialbrille mit künstlichem Horizont soll die Seekrankheit bannen.
  • Cocculus D 30 aus getrockneten Früchten der Scheinmyrte sowie Homöopathika wie Hevertigon oder Vertigoheel: Nach Kriterien wissenschaftlich begründeter Medizin sind sie aber nicht zu beurteilen.

Was immer man auch (unter)nimmt – völlig entgehen kann man seinem Schicksal auf hoher, rauer See kaum. Bei über 90 Prozent der Betroffenen verschwinden die Symptome der Seekrankheit aber nach zwei bis drei Tagen. Sobald man festen Boden unter den Füßen hat, ist sie ohnehin vorbei. Schlagartig.

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