Migräne Welche Medikamente helfen – und was „Migräne-Spritzen“ bringen

Migräne - Welche Medikamente helfen – und was „Migräne-Spritzen“ bringen
„Mir hilft es gegen Migräne, viel draußen an der frischen Luft spazieren zu gehen. Das macht den Kopf frei.“, Walter Kracheel, lang­jähriger Patient © Pablo Castagnola

Millionen Menschen leiden daran. Geeignete Medikamente helfen, aber auch manche Verhaltens­regel. In manchen Fällen gibt eine neue „Migräne-Spritze“ Hoff­nung.

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Migräne ist ein Biest. Ein wichtiger Termin? Der lang­ersehnte Urlaub? Egal. Sie kommt, wie sie kommt. Walter Kracheel fühlt sie meist vom Nacken her aufsteigen und sein Gehirn in Besitz nehmen. „Jede Bewegung, jedes Geräusch ist dann eine Qual.“ Dann sei da noch der Brech­reiz. Und hinter der Stirn ein pulsierender Schmerz – der schlimmste, den er kennt.

Nicht­betroffene wie Freunde, Nach­barn, Kollegen oder der Chef können das Ganze schwer nach­empfinden. Von „über­empfindlich“ bis „Drückeberger“ kursiert so manches Klischee über Migränepatienten.

„Viele fühlen sich stigmatisiert und isoliert, was sie zusätzlich zu ihren Symptomen enorm belastet“, sagt Professor Hartmut Göbel. Der Fach­arzt für Neurologie und Psycho­loge leitet die Schmerz­klinik Kiel, eine große, bundes­weit bekannte Anlauf­stelle für Patienten etwa mit Migräne.

Diese plagt ungefähr 10 bis 15 Prozent der Menschen in Deutsch­land und zählt zu den Volks­krankheiten. Bis zu dreimal so viele Frauen wie Männer sind betroffen, teil­weise sogar schon Kinder.

Von Joggen bis Spritze

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„Ich bekomme die neue Spritze. Andere Mittel wirken bei mir nicht ausreichend.“, Walter Kracheel, lang­jähriger Patient © Pablo Castagnola

Manchen Betroffenen nützen lang­fristig Verhaltens­weisen wie Joggen oder Yoga. Teils reichen auch rezept­freie Medikamente – wenn nicht, kann der Arzt stärkere verordnen. Die Arznei­mittel­experten der Stiftung Warentest bewerten etwa Triptane für den Akutfall als geeignet, Beta­blocker zur Vorbeugung (Tabelle Für den Akutfall und vorbeugend). Als neue Hoff­nungs­träger gelten Wirkstoffe zum Spritzen. Sie kommen infrage, wenn sonst nichts wirk­lich hilft.

Walter Kracheel, 39, ist so ein Fall. In der Schmerz­klinik Berlin, die ihn betreut, bekam er die neuen Spritzen verordnet. Kürzlich gab er sich selbst erst­mals eine in den Oberschenkel. „Es war nur ein Piks und für den Anfang kann ich sagen, dass es mir besser geht“, erzählt er. Was die Therapie lang­fristig bringt, bleibt abzu­warten. Viele Arzneien haben Ärzte Kracheel schon verschrieben; keine konnte die Symptome so recht zähmen. Er hat besonders schwere Migräne „mit so 15, 20 Atta­cken im Monat“.

Medizi­nische Abklärung ist wichtig

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„Wer Migräne hat, leidet oft zusätzlich unter Vorurteilen Dritter.“, Peter Berlit, Neurologe © DGN

Ursache der Erkrankung ist eine erblich bedingte Über­erreg­barkeit des Gehirns. In der Folge können diverse Auslöser eine Attacke verursachen. „Dabei kommt es zu einer Entzündung der Hirnhautgefäße, welche die typischen Symptome bedingt“, sagt Professor Peter Berlit, der als Fach­arzt, Generalsekretär der Deutschen Gesell­schaft für Neurologie und im Arznei­mittel-Experten­kreis der Stiftung Warentest tätig ist.

In erster Linie äußert sich Migräne durch pulsierend-pochende Kopf­schmerzen, die sich bei Bewegung verschlimmern, oft verbunden mit Übel­keit sowie Licht-, Lärm-, Geruchs­empfindlich­keit. Viele Geplagte über­stehen die Phase am besten im Bett, abge­schirmt von allen Reizen. Atta­cken können einige Stunden bis etwa drei Tage dauern, leichter oder schwerer ausfallen, extrem selten bis enorm oft vorkommen. Etwa 10 Prozent der Patienten durch­leben vor dem Anfall eine „Aura“ mit weiteren neurologischen Symptomen wie Licht­blitzen, Flecken, Flimmern vor den Augen.

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Hartmut Göbel*, Neurologe © Schmerzklinik Kiel

„Nur ein Bruch­teil aller Migränepatienten ist ärzt­lich versorgt“, sagt Göbel. Dabei sei das entscheidend. „So lässt sich die Therapie viel erfolg­reicher gestalten, als wenn man auf eigene Faust herum­probiert“, bestätigt Berlit. Erster Ansprech­partner bei Symptomen sei der Haus­arzt, der an Neurologen oder Schmerzmediziner verweisen kann.

Im Akutfall können Schmerz­mittel helfen. Viele Patienten nehmen statt­dessen spezielle Migräne­mittel, Triptane. Kracheel bekommt sie als Nasen­spray verordnet. Es wirkt vergleichs­weise schnell und kann bei ihm so manche Attacke im Keim ersti­cken. „Ich spüre genau, wenn was im Anmarsch ist und sprühe sofort“, sagt er. „Dann muss ich mich meist ein paar Minuten ruhig hinsetzen und kann danach normal weitermachen, womit ich gerade beschäftigt bin.“

Mit Neben­wirkungen

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Sprudelt. Brause­tabletten wirken schnell gegen den Schmerz. © iStockphoto

Schmerz­mittel und Triptane entlasten oft sehr, sind aber nicht frei von Neben­wirkungen. Besonders tückisch: Sie können im Über­maß selber Kopf­schmerzen verursachen. Deshalb sollte niemand sie häufiger als zehn Tage im Monat nehmen.

Auch deshalb verordnen Ärzte Patienten, die oft an Migräne leiden, vorbeugende Arzneien. „Ursprüng­lich hatten sie meist ein anderes Einsatz­gebiet, dann fiel auf, dass sie auch gegen Migräne helfen“, sagt Berlit. Beta­blocker etwa sind als Blut­druck­senker bekannt, Botox als Faltenkiller.

Ein Problem der Prophylaxe: „Ungefähr 70 Prozent der Patienten brechen sie wieder ab“, sagt Göbel. Häufig liege das an belastenden Neben­wirkungen wie Müdig­keit und Schwindel. Als zweiten wichtigen Grund nennt Berlit die Enttäuschung, dass die Mittel nicht so gut wirken wie erhofft. „Ärzte dürfen hier keine unrealistischen Erwartungen wecken. Bereits 50 Prozent weniger Anfälle sind ein großer Erfolg.“

Entspannungs­übungen können helfen

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„Inzwischen weiß ich ganz viele Dinge, die bei mir Migräne vorbeugen. Unter anderem täglich Yoga.“, Marie Luise Ritter, lang­jährige Patientin © Pablo Castagnola

Egal welches Medikament: Patienten sollten nie allein darauf setzen. Unterstützen lässt sich der Erfolg etwa mit moderatem Ausdauer­sport, Entspannungs­übungen und einem regel­mäßigen Tages­ablauf. Auch kann es etwas bringen, nach Auslösefaktoren zu suchen und sie fortan zu meiden. „Welche Maßnahmen vorbeugen, ist von Patient zu Patient höchst unterschiedlich, also individuell zu ergründen“, sagt Berlit.

Die 27-jährige Marie Luise Ritter etwa fand bereits ein ganzes Bündel an Maßnahmen heraus, die sie vor Migräne schützen können, darunter täglich Yoga, reichlich Wasser trinken, immer zu ähnlichen Zeiten aufstehen, essen, einschlafen, ihre langen Haare nicht in zu enge Zopf­gummis zwängen. „Medikamente versuche ich möglichst zu vermeiden“, sagt sie, das „ist irgendwie Einstellungs­sache“. Unzäh­lige Tage muste sie wegen rasender Schmerzen und Übel­keit schon im Bett verbringen, „zuletzt ungefähr ein Viertel meines Jahres 2017“.

Und dann geschah ein Wunder. „Ich bin nun fast zwölf Monate beschwerdefrei und weiß gar nicht genau, warum“, sagt sie. „Vielleicht, weil ich gelernt habe, mich nicht mehr mit allem so fürchterlich unter Druck zu setzen.“ Erst traute sie dem Frieden nicht, aber inzwischen spricht sie darüber: „Dieses Jahr ohne Migräne ist einfach das Schönste, das mir je passiert ist.“

Tipp: Mehr zu den bewerteten Mitteln erfahren Sie in unserer Daten­bank Medikamente im Test.

* Name korrigiert am 30.1.2019.

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Nutzer­kommentare können sich auf einen früheren Stand oder einen älteren Test beziehen.

gänseblümchen77 am 19.02.2019 um 17:42 Uhr
@B.Klaas

Googeln Sie mal nach Hemikranie. Eigentlich wird Indometacin eingesetzt, um das zu diagnostizieren und zu behandeln. Das ist noch etwas anderes, wie Migräne.

imma am 05.02.2019 um 16:03 Uhr
Candesartan bietet Schutz vor Migräne-Attacken

29.08.2013
Von: Dr. Anja Braunwarth
Bei Migräne werden gerne Beta-Blocker eingesetzt. Wie jetzt eine Studie ergab, könnte das Arsenal der Therapeutika durch Candesartan bald erweitert werden.
Der Angiotensin-Rezeptorantagonist Candesarten vermag Migräneattacken ebenso effektiv zu verhindern wie Propranolol, so das Ergebnis einer aktuellen Studie. Norwegische Kollegen behandelten 72 Patienten mit episodischer oder chronischer Migräne über drei 12-Wochen-Perioden jeweils mit Candesartan (16 mg), Propranolol (80 mg retard) oder Placebo.
Migräneprophylaxe - Candesartan vs. Propanolol
Beide Verumsubstanzen wirkten besser als Placebo und Candesartan zeigte sich gegenüber Propranolol nicht unterlegen. Insgesamt verzeichnete man pro Monat 2,95 Kopfschmerztage unter Candesartan, 2,91 Tage unter Pro​pranolol und 3,53 Tage unter Placebo.

bella440 am 29.01.2019 um 21:01 Uhr
Nehme Sumatriptan

Was habe ich mir seit meinem 16. Lebensjahr alles schon anhören müssen, denn seitdem habe ich meine Migräne mit Aura, welche ihre Daseinsform alle paar Jahre stark ändert wie ein Chamäleon. "Du musst ruhiger werden"; "wenn Sie so oft fehlen, spielen Sie mit Ihrem Job etc. etc. Nach der Wende war ich froh, dass mir meine Hausärztin endlich ein Triptan verschrieben hat, denn die Neurologin hatte von mir verlangt, bei jedem Anfall vorbei zukommen und mich dann an einen Tropf gelegt. Das brachte Nichts. Ich habe mir vor Sumatriptan während eines Anfalls oft gewünscht, tot zu sein, so schlimm waren die Anfälle. Da hat auch keine Nadeltherapie geholfen, ebenfalls kein autogenes Training. Ich bin froh, dass es Triptane gibt, ich nehme wegen Herzrythmusstörungen nur eine halbe Tablette und es hilft in 98 von 100 %.
Und meine 40jährige Migräneerfahrung ist, dass mein Heißhunger auf Süßes und regelrechte Fressattacken nicht die Trigger sondern der Beginn des Anfalls sind.

bella440 am 29.01.2019 um 20:56 Uhr

Kommentar vom Autor gelöscht.

LaudineK am 29.01.2019 um 17:37 Uhr
Doppelte Dosis

Der Ärztin, die hier einen Kommentar hinterlassen hat, kann ich nur einen Rat geben: versuchen Sie es mal mit der doppelten Dosis, also mit 140 mg Aimovig. Vielleicht klappt es ja dann! Habe auch zwei Monate lang jeweils 70 mg bekommen - Erfolg gleich Null. Ich hatte sogar 20 Migränetage innerhalb von 30 Tagen. Vor gut zwei Wochen bekam ich dann die doppelte Dosis gespritzt. Erfolg? Unbedingt! Habe seither erst 3 Migränetage innerhalb von 15 Tagen!