Es gibt Mittel, die beim erblichen Haarausfall helfen wollen. Zwei können ihn bei manchen Männern zumindest verzögern. Neuwuchs ist aber nicht angesagt.

Bei nahezu jedem zweiten Mann wird das Haupthaar im Laufe der Zeit dünner. Trotz prominenter Glatzenträger wie Sean Connery oder Heiner Lauterbach wollen sich viele Männer damit nicht abfinden. Kein Wunder, wenn potente Haarwuchsmittel auf der Wunschliste dieser Männer ganz oben stehen. Leider bleiben Erfolge meist aus. Doch es gibt ein paar Mittel, die den anlagebedingten Haarausfall bei einigen von ihnen verzögern können.

Ursachenforschung

Zuerst muss aber geklärt werden, warum die Haare überhaupt ausfallen. Das macht der Hautarzt. Wer keinen kennt, kann sich an die nächste Universitätsklinik wenden; fast alle bieten spezielle Haarsprechstunden an.

Ein täglicher Ausfall von rund 100 Haaren gilt als normal, jahreszeitlich bedingt mal mehr, mal weniger. Wenn die Haare gleichmäßig verteilt verstärkt ausgehen (Effluvium) und der Schopf lichter wird (diffuser Haarausfall), können Medikamente, ernsthafte Erkrankungen oder ernährungsbedingte Mangelerscheinungen schuld sein. Werden die Mittel abgesetzt, die Ursachen beseitigt, wachsen meist auch die Haare wieder nach.

Diese Arten von Haarausfall kommen aber relativ selten vor. Bei 95 Prozent der Fälle ist anlagebedingter Haarausfall die Ursache. Sie wird androgenetische Alopezie genannt. Das gilt gleicherweise für Männer wie für Frauen. Allerdings sind Frauen nicht so stark betroffen wie die Männer.

Neu ist diese Art von Haarausfall nicht, schon Aristoteles wusste davon zu berichten. Und genauso alt sind auch die Versuche, der Sache mit wunderlichen Tinkturen wie Igelblut oder Tarantelsud beizukommen. Vergeblich – gegen den Ausfall war bisher kein Kraut gewachsen. Erst seit kurzer Zeit sind bei uns zwei Medikamente auf dem Markt, die Männern eine Spur von Hoffnung geben.

Die zwei Hoffnungsträger

Propecia enthält den Wirkstoff Finasterid. Der kann nicht nur der Prostata helfen (ursprüngliches Einsatzgebiet), sondern auch den Haarausfall bremsen. Betroffene sollten aber schon bei den ersten Anzeichen mit der Einnahme beginnen. Denn Neuwuchs, der Kahlstellen bedecken kann, ist auch mit Propecia nicht zu erwarten. Und man muss die Pille täglich schlucken – solange man nicht bereit ist, mit kahler werdendem Kopf zu leben. Mit Absetzen der Pille verabschieden sich alle bisher geretteten Haare nämlich sehr schnell. Nebenwirkungen – zum Beispiel Potenzstörungen – sind vorübergehend, kommen aber gelegentlich vor.

Bei Frauen konnten keine Erfolge nachgewiesen werden, auch wenn ihr Haarausfall die gleichen Ursachen hat wie beim Mann. Ausdrücklich verboten ist das Mittel für Schwangere, sie dürfen weder die Tabletten berühren noch mit belastetem Sperma in Kontakt kommen: Finasterid kann Fehlbildungen beim männlichen Nachwuchs hervorrufen.

Der Wirkstoff Minoxidil in Regaine wurde ursprünglich nicht als Haarwuchs-, sondern als Blutdruckmittel genutzt. Bescheidene Erfolge beim Stoppen von Haarausfall gelten vorerst allein für dunkelhaarige Männer, da in Studien nur bei ihnen der Haarnachwuchs optisch gut beurteilt werden konnte. Bisher liegen Daten für ein knappes Jahr vor, etwas wenig für ein abschließendes Urteil.

Tinkturen mit einer schwächeren Konzentration von Minoxidil sind in meh­reren Staaten für Frauen zugelassen, in Deutschland aber (noch) nicht.

Östrogene und Verwandte

Mitschuldig am Haarausfall sind männliche Hormone. Da liegt es nahe, zur Abwehr weibliche Gegenspieler einzusetzen. In schweren Fällen erhalten Frauen daher Antiandrogene zum Schlucken. Immer in Verbindung mit einer Antibabypille, da die Hormone männliche Feten schädigen können.

Tinkturen wie Alpicort F und Crinohermal fem enthalten Östrogene mit deutlicher hormoneller Wirkung. Sie sollen die Umwandlung von Testosteron in Dihydrotestosteron (DHT) und so die Verkleinerung der Haarfollikel hemmen. In der Theorie gut, in der Praxis gibt es aber keine schlüssigen Untersuchungen, die das bestätigen. Die enthaltenen Glukokortikoide bekämpfen Symptome krankhaften Haarausfalls (zum Beispiel bei Psoriasis, Ekzemen), gegen die androgenetische Alopezie sind sie weitgehend machtlos. Gänzlich abzuraten ist von einem Einsatz bei Männern: Weibliche Hormone können über die Kopfhaut in den Blutkreislauf gelangen und den Hormonhaushalt stören.

Ein zahmer Verwandter dieses Östrogens soll in Ell-Cranell und Pantostin ebenfalls die Bildung von DHT verhindern. Ob der Hormonabkömmling etwas bewirken kann, darf bezweifelt werden: Vorliegende Studien sagen kaum etwas aus, untersucht wurden nur wenige Patienten, von gestopptem Haarausfall oder gar Neuwuchs ist darin nicht die Rede. Sicher scheint nur zu sein, dass der Hormonhaushalt – auch bei Männern – im Takt bleibt.

Teure Haarpflege

Die übrigen Mittel unserer Untersu­chung taugen bestenfalls zur – ziemlich teuren – Haarpflege. Die Präparate, oft eine Kombination aus Tinktur zum Auftragen und Shampoo, geben sich auch nicht als Arzneien aus, sondern meist als Spezialpflegeprodukte. Sie werben aber blumig mit Erfolgsaussichten, oft mit dubiosen Hinweisen über die Ursachen von Haarausfall. So wird leicht der Eindruck erweckt, die Wirkstoffe könnten dagegen helfen – und somit auch den androgenetischen Haarausfall beeinflussen. Einige Anbieter schwärmen von Erfolgen wie „fülligeres“ oder „kräftigeres“ Haar, ohne zu erklären, was darunter zu verstehen ist. Ob Aminosäurenkomplex oder Klettenwurzelextrakt – für all diese Wirkstoffe liegen keine gesicherten Wirkbelege vor.

Für den Inhaltsstoff Diaminopyrimidinoxid (Aminexil) in der Dercap-Ampullenkur (zwölf Ampullen mit jeweils sechs Millilitern kosten etwa 32 Euro) gibt es vage Hinweise, dass sich nach der Anwendung bei einigen Männern etwas auf dem Kopf regen könnte. Dermatest bietet den Wirk­stoff Sabal-Extrakt aus der Sägeblattpalme als 5-alpha-Reduktase-Hemmer an. In einer – methodisch mangelhaften – Studie wird über ein paar Erfolge von Sabal-Extrakt bei Männern berichtet. Dies aber bei innerer Anwendung, die Dermatest-Produkte werden jedoch äußerlich aufgetragen.

Badezusatz für Meerschweinchen

Auch über Rhodanid in Activogland wird von einer Haarverdichtung berichtet – allerdings eingesetzt als Nahrungsergänzung oder Badezusatz bei Meerschweinchen und Pelzfarm-Nerzen.

Fazit: Die Wirksamkeit der begutachteten Präparate beschränkt sich bestenfalls auf einen Stopp oder einen verzögerten Verlauf des Haarverlustes – und dies bei permanenter Anwendung.

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