Mittel gegen Haarausfall

Interview: „Nichts Krankhaftes”

25.09.2003

Prof. Dr. Roland Niedner, Chefarzt der Klinik für Dermatologie, Klinikum Ernst von Bergmann Potsdam.

Inhalt

Welche Gründe kann es für den Ausfall von Haaren geben?

Der „übliche“ Haarausfall ist fast immer ererbt – rund 95 Prozent sind dem anlagebedingten Haarausfall zuzuschreiben. Sonstiger Haarverlust kann viele Ursachen haben. Zum einen das Alter: Es geht schon beim Säugling mit dem Ausfall der ersten Haare los – die aber alle wiederkommen. Und je älter man wird, desto dünner können die Haare werden – nichts Krankhaftes, allein ein Zeichen des Alters. Haarausfall kann nach Infektionen auftreten, Fieberschüben, auch Eisenmangel und schwere andere Erkrankungen sind verantwortlich. Ebenfalls Medikamente wie bestimmte Blutgerinnungsmittel (Heparin), auch Krebstherapeutika (Zytostatika), Schilddrüsenmittel und vieles mehr. Werden die Ursachen des Ausfalls beseitigt, kommen die Haare meist wieder. Auch Umstellungen im Hormonhaushalt (Anti-babypille, Wechseljahre) können unter Umständen Haarausfall auslösen.

Spielen fettige Haare (Seborrhoe) oder Schuppen eine Rolle?

Nein. Allenfalls kann man bei Seborrhoe, die besonders durch Androgene gefördert wird, einen Zusammenhang konstruieren. Seborrhoe allein ist jedoch nie die Ursache, sie tritt höchstens parallel dazu auf.

Kann die androgenetische Alopezie als Krankheit bezeichnet werden?

Streng genommen nicht. Sie ist nur eine Variation des Haarwuchses, die keinerlei Einfluss auf einen normalen, gesunden Lebensablauf hat. Sie kann natürlich die psychische Situation eines Betroffenen beeinflussen. Das gilt besonders für Frauen. Hier muss aber sicher sein, dass es sich um die anlagebedingte Form der Alopezie handelt.

Ein Tumor der Ovarien zum Beispiel kann wegen der Veränderung der Hormonsituation die gleichen Folgen haben.

Was ist von Aussagen wie „gegen Minderdurchblutung der Kopfhaut“ oder „mangelhafte Ernährung der Haarfollikel“ zu halten?

Das hat nichts mit androgenetischer Alopezie zu tun. Es gibt keine Studien, die einen Zusammenhang klarlegen. Möglicherweise helfen die Mittel der Psyche des Anwenders. Und wenn die Haare gut gepflegt werden, sind sie luftiger und wirken damit voller.

Gibt es ernst zu nehmende Erkenntnisse über ausgelobte Wirkstoffe wie zum Beispiel Sabal-Extrakt aus der Sägeblattpalme oder Thymusextrakt?

Es gibt keine wissenschaftlichen Studien oder ernsthaft belegte Erkenntnisse, dass derartige Wirkstoffe etwas ausrichten können. Bei einzelnen dieser Stoffe ist schon allein wegen der Größe der entsprechenden Moleküle – wie beim Thymusextrakt – ein Eindringen in die Haut nur wenig wahrscheinlich.

Was können Sie einem etwa 30-Jährigen raten, der unter androgenetischer Alopezie leidet?

Bestimmte auf dem Markt befindliche Arzneimittel können helfen, aber nur so lange, wie das Mittel genommen wird, danach tritt der alte Zustand wieder auf. Auch muss an Nebenwirkungen gedacht werden, wie etwa – wenn auch nicht regelmäßig auftretend, so doch sehr einschneidend – Minderung der Libido.

Ich würde daher versuchen, den Rat suchenden psychisch zu stabilisieren. Er sollte lernen, mit seinem lichter werdenden Kopfhaar locker umzugehen. Die androgenetische Alopezie ist keine Erkrankung, sondern ganz normaler Lebensablauf. Ist der Leidensdruck zu groß, kommt unter Umständen eine Eigenhaartransplantation infrage.

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