Mittel gegen Blasen­schwäche

Mittel gegen Blasen­schwäche: Was bei Inkontinenz hilft

21.10.2019
Mittel gegen Blasen­schwäche - Was bei Inkontinenz hilft
Haltlos. Ein schwacher Beckenboden fördert bei Frauen oft Inkontinenz. © iStockphoto

Blasen­schwäche ist vielen peinlich. Auch deshalb gehen Frauen und Männer oft nicht zum Arzt. Damit bringen sie sich um große Chancen.

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Jana kann immer noch nicht ganz begreifen, was ihr letztens passiert ist. Sie musste eine Präsentation halten, fühlte sich kribbelig. Auch Small­talk hatte sie an jenem Abend zu führen – und empfand dabei urplötzlich über­mächtigen Harn­drang: „Ich setzte meine ganze Kraft ins Einhalten, aber es half nichts. Es lief aus mir raus.“ Irgendwie brachte sie den Abend hinter sich – nach­haltig erschüttert. Kürzlich hatte sie Ähnliches erlebt, aber nicht in einem öffent­lichen Raum. Ihre Geschichte erzählt sie online und anonym. Das Thema sei „furcht­bar unangenehm“.

Viel­versprechender Stufenplan

Etwa jeder Zehnte in Deutsch­land hat seine Blase nicht unter Kontrolle. Frauen trifft es ungefähr doppelt so häufig wie Männer. Viele sprechen mit keinem Arzt – aus Scham oder weil sie glauben, da lasse sich ohnehin nichts machen. Dabei gibt es Therapien mit hohen Erfolgs­raten. Das bestätigte kürzlich eine große Auswertung von 84 Studien durch Forscher von Universitäten in den US-Bundes­staaten New Mexico und Rhode Island. Allgemeine Maßnahmen wie Beckenboden- und Blasentraining wirken demnach sogar besser als Arzneien.

Auch die Arznei­mittel­experten der Stiftung Warentest bewerten gängige Medikamente nur als „mit Einschränkung geeignet“ und empfehlen sie als zweite Wahl. Wirken weder Training noch Tabletten und Co ausreichend, können häufig Operationen helfen.

Das Spektrum der Therapien eröffnet sich nur, wenn sich Menschen mit Blasen­schwäche zum Arzt trauen. Gute Ansprech­partner sind Haus­ärzte und Urologen, bei Frauen auch Gynäkologen. In vielen Städten bieten zudem sogenannte Kontinenzzentren inter­disziplinäre Hilfe (Suche nach Ärzten und Zentren beispiels­weise über kontinenz-gesellschaft.de, Stich­wort „Beratungs­stellen/Zentren“).

Die Fachleute klären Symptome ab und betreiben Ursachen­forschung. Ist das Problem möglicher­weise die Neben­wirkung eines Medikaments oder die Folge einer anderen Erkrankung? „Ansonsten richtet sich die Therapie nach der Art der Inkontinenz“, sagt Christl Reisenauer, Leitende Ärztin der Abteilung Urogynäkologie am Uniklinikum Tübingen (Interview: Disziplin ist gefordert, aber die Mühe lohnt). Meist handele es sich entweder um eine „Belastungs-“ oder eine „Drangin­kontinenz“ oder eine Mischung aus beidem.

Belastungs- versus Drangin­kontinenz

Bei der Belastungs­inkontinenz geht unfreiwil­lig Urin ab, sobald der Bauchraum unter Druck gerät, etwa beim Heben, Husten, Niesen, Lachen. Sie trifft vor allem Frauen. Das hängt mit dem Beckenboden zusammen, der den Bauch­organen nach unten Halt gibt – und den beispiels­weise Schwangerschaft und Entbindung schwächen können. Oft gibt sich das Problem mit der Zeit wieder – aber nicht immer.

Bei Drangin­kontinenz ist die Blase über­aktiv. Bereits bei geringer Füllung entsteht plötzlich ein heftiger Drang, zur Toilette zu müssen. Dass nicht alle das rettende Örtchen recht­zeitig erreichen, zeigt das Beispiel von Jana.

Punkt­sieg für Trainings­maßnahmen

Mittel gegen Blasen­schwäche - Was bei Inkontinenz hilft
Beckenboden­übung. Auch Männer können von dem Training profitieren. © Stiftung Warentest / Ralph Kaiser

Passend zur Form der Blasen­schwäche setzen Ärzte oft zunächst auf Maßnahmen wie Beckenboden- oder Blasentraining. Sie sind nicht nur viel schonender als Arzneien, sondern versprechen auch mehr Erfolg. Bei Drangin­kontinenz verdreifachen sie die Chance auf Heilung – während gängige Medikamente, sogenannte Anticholinergika, sie „nur“ verdoppeln. So lautet ein Kern­ergebnis der neuen Meta-Analyse aus den USA, veröffent­licht im Fachjournal Annals of Internal Medicine. Auch bei Belastungs­inkontinenz sind nicht-medikamentöse Hilfen demnach am wirkungs­vollsten.

Unsere Arznei­mittel­experten bewerten verschiedene Präparate bei Blasen­schwäche als mit Einschränkung geeignet (Gründe siehe Tabelle Rezeptpflichtige Medikamente im Test). Das gilt für Anticholinergika sowie für Mittel mit Duloxetin, die bei Belastungs­inkontinenz verordnet werden. Sinn­voll sind Kombinationen mit nicht-medikamentösen Hilfen und in schweren Fällen oft Operationen.

Hilfs­mittel für mehr Sicherheit

Bis Behand­lungen wirken oder falls keine nützt, können etwa Vorlagen oder Windels­lips das Leben erleichtern. Verordnet sie ein Arzt, zahlen Krankenkassen dafür – ein Grund mehr fürs offene Gespräch. Patienten müssen sich meist an Vertrags­partner ihrer Kasse wenden. Laut unseren Tests (test 3/17 und 7/17) gibt es gute Produkte. Patienten sollten bei Kassen­part­nern auf gute Beratung achten – etwa bei Unklarheiten nach­haken und ehrlich sagen, wenn sie mit Muster­proben unzufrieden sind.

Ob mit oder ohne die Hilfs­mittel – Therapien sind wichtig. „Wenn wir Ärzte alle Behand­lungs­optionen ausschöpfen, können wir vieles heilen oder zumindest deutlich bessern“, sagt Christl Reisenauer. Patientinnen und Patienten dächten oft irrtümlich, sie müssten für immer mit Inkontinenz­produkten oder Scham leben. „Dabei lohnt es wirk­lich, aktiv zu werden.“

Daten­bank mit Details. Mehr zu bewerteten Arznei­mitteln und wie unsere Experten sie testen, finden Sie in unserer Daten­bank Medikamente im Test.

21.10.2019
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