Misteltherapie bei Krebs Meldung

Ein Ziel der Misteltherapie bei Krebserkrankungen ist es, die Lebensqualität der Patienten zu verbessern.

Um die Mistel ist Streit entbrannt. Was kann die Heilpflanze bei Krebs bewirken? Was zahlt die Kasse? Auf dem Prüfstand stehen Studien – und die anthroposophische Medizin.

Können schulmedizinische, konventionelle Methoden mit „grüner“ Medizin sinnvoll ergänzt oder gar durch sie ersetzt werden? Mistelpräparate zum Beispiel sind im deutschsprachigen Raum die am häufigsten angewandten rezeptfrei erhältlichen Krebsmittel. Im Jahr 2003 wurden mehr als 18,1 Millionen Tagesdosen an Mistelextrakt verordnet.

Die Verordnungen verteilten sich auf die Präparate Iscador (Hersteller Weleda), Lektinol (Madaus) und Helixor (Helixor Heilmittel). Iscador und Helixor sind Arzneimittel der anthroposophischen Therapierichtung, Lektinol ist als pflanzliche Arznei zugelassen. Ein weiteres anthroposophisches Mistelmittel ist Abnobaviscum (Abnoba). Zur Gruppe der pflanzlichen Präparate zählen noch Eurixor (Biosyn) und Cefalektin (Cefak).

Trotz der vielfachen Anwendung ist die Therapie mit Mistelextrakt immer noch umstritten. „Im Reagenzglas zerstört er Tumoren, im Mäuseversuch weckt er Hoffnung, in der klinischen Anwendung erfüllt er die Erwartungen nicht.“ So lautete 1999 das Resümee einer Bestandsaufnahme zur Wirksamkeit von Mistelextrakt bei Krebserkrankungen, veröf­fentlicht in der Pharmazeutischen Zeitung. Professor Dr. Hans-Joachim Gabius vom Institut für Physiologische Chemie der Universität München verkündete vor zwei Jahren auf einem Kongress: „Bei der Mistel ist bislang nichts klar.“ Moderne Forschungen zur Mistel gibt es seit knapp 20 Jahren. Gerade in den letzten Jahren kamen etliche Studien hinzu oder das vorhandene Material wurde wissenschaftlich neu ausgewertet.

Die Kritik überwiegt

Misteltherapie bei Krebs Meldung

Pflanzenheilkunde und Anthroposophie: Querschnitt aus Mistelblatt

Das Ergebnis der Forschungen ist nicht einheitlich. Doch es überwiegt die kritische Sicht: Der Krebsinformationsdienst in Heidelberg weist zum Beispiel darauf hin, dass Mistelpräparate in keiner der wissenschaftlichen Leitlinien zur Krebsbehandlung eine Rolle spielen, wie sie zum Beispiel von der Deutschen Krebsgesellschaft und anderen Fachgesellschaften herausgegeben werden. In anderen Ländern sei die Misteltherapie, wenn überhaupt, allenfalls als ergänzende Maßnahme bekannt. In den USA rate das nationale Krebsinstitut (NCI) sogar von einer Mistelgabe ab, sofern diese nicht im Rahmen einer sehr guten klinischen Studie erfolge. „Der Grund für diese kritische Einschätzung ist der fehlende objektive Wirksamkeitsnachweis als Krebsmittel nach heutigen wissen­schaftlichen Standards“, heißt es. Und würde man die aktuellen wissenschaftlichen Prüfkriterien zum Nachweis der Wirksamkeit anlegen, wie sie hierzulande für die üblichen Arzneimittel gelten, bekämen Mistelpräparate vermutlich keine Zulassung.

Wirksam oder nicht?

Misteltherapie bei Krebs Meldung

Im Labor: Arzneiliche Zubereitung aus Mistel. Extrakt wird unter die Haut oder in den Tumor gespritzt.

Ist die Misteltherapie wirksam? Die Antwort heißt – typisch für die Mistel – „jein“. Zunächst einmal kann es zur Misteltherapie keine pauschalen, einfachen Aussagen geben: Die große Variabilität der Produkte und ihrer Anwendungsarten erlaubt allenfalls eine Beurteilung, wie sich ein bestimmtes Behandlungsschema mit exakt zu bezeichnenden Präparaten bei einer definierten Krebsart ausgewirkt hat.

Betrachtet man einzelne Untersuchungen, finden sich in einigen eine verbesserte Funktion des Immunsystems, bessere Lebensqualität und eine höhere Überlebensrate bei den mit Mistelextrakt behandelten Krebspatienten. Im vergangenen Jahr wurde zum Beispiel eine Studie veröffentlicht, an der 224 Personen mit Brustkrebs, Eierstockkrebs oder nicht-kleinzelligem Lungenkrebs teilgenommen hatten. Sie kommt zu dem Schluss, dass die Injektion von Mistelextrakt die Nebenwirkungen der Chemotherapie verringern und die Lebensqualität der Betroffenen verbessern kann. Allerdings sind auch bei dieser Studie noch Fragen offen. Wichtig: Es wurde das Befinden während der Chemotherapie untersucht. Die Studie gibt keine Antworten auf die drängendsten Fragen von Krebspatienten: Hilft es, den Krebs endgültig zu besiegen? Lebe ich durch die Therapie länger?

Unterschiede bei den Krebsarten

Wertet man alle Studien zusammen aus, sind die Ergebnisse sehr uneinheitlich. Im Jahr 2003 veröffentlichte eine unabhängige Arbeitsgruppe eine systematische Übersichtsarbeit über 16 klinische Studien. Dabei wurde Mistelextrakt als Begleitung anderer Krebstherapien und auch als alleinige Therapie eingesetzt. Als Behandlungsmittel waren sowohl anthroposo­phi­sche als auch pflanzliche Mistelex­trakte vertreten. Die Studienteilnehmer wurden der Behandlungsgruppe nach dem Zufallsprinzip zugeordnet.

Die Analyse zeigte: Studien, deren Aufbau die Ansprüche moderner wissenschaftlicher Untersuchungen erfüllen, bestätigen die Wirksamkeit der Mistel­therapie nicht. Weder lebten die Patienten länger als die, die diese Behandlung nicht bekommen hatten, noch ging es ihnen besser. Allerdings zeigten sich Unterschiede bei einzelnen Krebsarten. Eine Übersichtsarbeit aus dem gleichen Jahr, von Vertretern der Anthroposophie verfasst – sie bezieht auch weniger aussagekräftige Studien mit ein – , kommt zu positiveren Ergebnissen. Allerdings ist in diesen Studien nicht angegeben, mit welcher Art von Mistelextrakt behandelt wurde.

Nebenwirkungen

Bei jeder medikamentösen Behandlung richtet sich ein kritischer Blick auf unerwünschte Wirkungen. Bei einigen Kranken, die mit Mistelextrakt behandelt wurden, sind vermehrt Hirnmetastasen registriert worden, und die Überlebenszeit mancher, deren Lymphknoten befallen waren, war kürzer. Was diese Beobachtungen bedeuten, ist aber noch unklar. Es wurde zwar der Verdacht geäußert, dass die Behandlung mit Mistelextrakt das Krebswachstum eher fördern als hemmen könnte, andere halten das jedoch inzwischen für widerlegt. Darüber hinaus sind allergische Reaktionen bis zum lebensbedrohlichen Schock möglich. Dieses Problem kann allerdings allgemein bei der Therapie mit Pflanzenmitteln auftreten; es ist nicht spezifisch für die Mistel.

Was die Kassen tun

Die gesetzlichen Krankenkassen bezahlen pflanzliche Mistelpräparate, die auf Mistellektin normiert sind und der palliativen Therapie dienen – also die Lebensqualität von Menschen mit bösartigen Tumoren verbessern sollen, die nicht mit einer Heilung rechnen können. Außerdem bezahlen sie zurzeit noch anthroposophische Mistelpräparate – während der gesamten Behandlungszeit, ohne die Beschränkung auf eine palliative Therapie. Welches Mittel der Arzt wählt, sagt allerdings nichts darüber, wie er die Prognose der Erkrankung einschätzt. Es ist eher eine Frage der Haltung zur Anthroposophie und den Verordnungsbestimmungen.

Was Mediziner tun

Für die Ärzte, die mit Mistelpräparaten Krebspatienten behandeln, spielt der Unterschied zwischen einem anthroposophischen und einem pflanzlichen Arzneimittel kaum eine Rolle: Sie wenden Präparate aus beiden Gruppen gleichermaßen an. Und sie müssen sich nicht nur zwischen anthroposophischen und pflanzlichen Produkten entscheiden, auch innerhalb dieser Präparategruppen stehen unterschiedliche Mittel zur Wahl. Denn Mistelpräparate unterscheiden sich in einer ganzen Reihe von Punkten:

  • Misteln können auf verschiedenen Bäumen gewachsen sein.
  • Jede Firma hat ihre eigene Methode, den Extrakt aus den Pflanzen zu gewinnen.
  • Mistelpräparate können den Extrakt nur einer Mistelart, die zu einem bestimmten Zeitpunkt gesammelt wurde, enthalten, es können aber auch verschiedene Ernten miteinander gemischt worden sein.
  • Präparate gibt es in unterschiedlichen Konzentrationen, manche Mittel enthalten noch Zusätze von Metallen.

In der Zusammensetzung seiner Inhaltsstoffe gleicht keines der Mistelpräpa­rate am Arzneimittelmarkt einem anderen.

Vielfalt der Inhaltsstoffe

Anthroposophisch ausgerichtete Mediziner stören sich an solcher Vielfalt nicht, da sie die Wirkung der Misteltherapie nicht an definierte Bestandteile knüpfen, sondern sie eingebunden sehen in ihre spezi­elle Gesamtschau von Mensch und Medikament. Naturwissenschaftlich orientierte Mediziner hingegen fragen nach den spezifischen Inhaltsstoffen des Mistelextrakts, die für die beanspruchte Wirksamkeit verantwortlich sein können.

Die Forschung der vergangenen Jahre hat die „Mistellektine“ in den Mittelpunkt des wissenschaftlichen Interesses gerückt. Es gibt drei verschiedene Gruppen – Mistellektin I, II und III – mit jeweils einer Reihe von Einzelkomponenten. Im Laborversuch zumindest fördern diese zuckerhaltigen Eiweißstoffe die Selbstzerstörung von Zellen, wirken auf Zellen giftig und regen das Immunsystem an. Ob diese messbare Wirkung bedeutet, dass Krebspatienten von der Anwendung von Mistelextrakt profitieren, können erst klinische Studien zeigen. Doch selbst wenn die Studien Hinweise auf eine Wirksamkeit erbringen, ist nach wissenschaftlichen Kriterien damit immer noch nicht gesagt, dass sie den Lektinen oder einem speziellen Mistellektin zuzuschreiben sind oder nur einzelnen Inhaltsstoffen. Die vielen Kompo­nen­ten im Mistelextrakt könnten auch eine Ge­samtwirksamkeit entfalten.

Auf die Klärung solcher Fragen können Ärzte, die Patienten mit Mistelextrakt behandeln, nicht warten. Und die Patienten erst Recht nicht. Naturwissenschaftlich aus­ge­richtete Mediziner be­­vorzugen Mittel, bei denen der Hersteller zusichert, dass sie eine bestimmte Menge an Inhaltsstoff enthalten. Sie setzen auf Mistellektin I normierte Mistelpräparate wie übliche Arzneimittel ein – und gehen bislang davon aus, dass verabreichte Dosis und Wirkung in einem definierten Verhältnis zueinander stehen.

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