Anthroposophie: Für den Körper und den Geist

Eine Heilkunde, die Krankheiten als Äußerung der Seele und des Geistes versteht.

Die Anthroposophie ist eng mit dem Namen Rudolf Steiner (1861 bis 1925) verknüpft. Er studierte Naturwissenschaften und Philosophie, gab die naturwissenschaftlichen Schriften Goethes neu heraus und arbeitete an der Gesamtedition von dessen Werken mit. 1912 gründete er die anthropo­sophische Gesellschaft. Während des ersten Weltkriegs kam er mit me­dizinischen Fragen in Kontakt. In der Zusammenarbeit mit der holländi­schen Ärztin Ita Wegman (1876 bis 1943) entstand die anthroposophische Heilkunde. Sie versteht Krankheiten als Äußerung der Seele und des Geistes.

Neun staatlich anerkannte Kliniken mit zusammen etwa 1 400 Betten und vier Kurkliniken arbeiten in Deutschland nach anthro­posophischen Gesichtspunkten, wie das Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke, Klinikum der Uni Witten/Herdecke.

Etwa 6 000 niedergelassene Ärzte arbeiten heute in Deutschland bevorzugt nach der anthropo­so­phischen Heilmethode. Etwa 15 000 gelten als interessiert. Sie setzen vor allem die für die anthropo­sophische Medizin typischen Mistelpräparate ein, mit denen sie Krebskranke behandeln.

Krankheit als Chance: Anthropo­sophische Ärzte sehen Kranksein als Chance für Körper, Seele und Geist, durch Überwinden der Krankheit zu lernen, zu neuen Kräften und Fähigkeiten zu gelangen: Es wird als notwendig angesehen, dass Kinder bestimmte Erkrankungen durchmachen, was teilweise zur ablehnenden Haltung gegenüber Impfungen führt.

Diagnose: Die Erkrankung wird üblicherweise mit den Methoden der konventionellen Medizin diagnos­ti­ziert. Teilweise werden auch „bildschaffende Methoden“ eingesetzt – unkonven­tio­nelle Verfahren, mit denen keine siche­re medizinische Diagnose möglich ist.

Behandlung: Die nach anthroposo­phi­schen Gesichtspunkten ausge­wählten Medikamente sollen das Gleichgewicht des Körpers wiederherstellen. Ihre Zuordnung zu Krankheiten beruht nicht auf wissenschaftlich gesicherten Erkenntnissen. Wie sie wirken sollen, ist naturwissenschaftlich nicht nachzuvollziehen. Zur anthroposophischen Heil­kun­de zählt eine Reihe künstlerischer Verfahren: Heileurythmie – eine Art Körpertherapie, bei der Laute in Be­wegungen des gesamten Körpers umgesetzt werden, Musiktherapie, Mal­the­rapie, thera­peutisches Plastizieren, therapeutische Sprachgestaltung, rhythmische Massage, rhythmische Bewegungsbäder und die anthro­posophische Gesprächstherapie. Diese künstleri­schen Heilweisen sollen die Pati­entenseele aktivieren. Intensive Gespräche zwischen Behandler und Patient dienen dem Gesundungsprozess des Geistes.

Studien abgelehnt: Viele anthropo­sophische Ärzte meinen, dass sich eine individualisierte, komplexe Behandlungsweise prinzipiell nicht in das Schema kontrollierter Studien einfügen lässt. Aber Vertreter der anthro­po­so­phischen Medizin führen sehr wohl kontrollierte Studien mit Medikamenten durch und verweisen auf die erzielten Erfolge, zum Beispiel mit Weißdorn (Crataegus), Arnika und Cardiodoron, einem Herzmittel.

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