Mineralöle in Schokolade Meldung

Dr. Birgit Rehlender, staatlich geprüfte Lebens­mittel­chemikerin und Projektleiterin bei der Stiftung Warentest

Advents­zeit ist Schoko­laden­zeit. Vor einem Jahr hatte die Stiftung Warentest das Problem von Mineral­ölen in der Schokolade von Adventskalendern in den Fokus gerückt. In diesem Jahr wurden 26 Nuss­schoko­laden umfassend untersucht – auch auf Mineralöle. Kann man Nuss­schokolade bedenkenlos genießen? Dr. Birgit Rehlender, staatlich geprüfte Lebens­mittel­chemikerin und Projektleiterin bei der Stiftung Warentest, antwortet auf 9 häufig gestellte Fragen zum Thema.

Haben Sie in Nuss­schokolade auch Mineralöle gefunden?

Ja, im Vergleich zur Schokolade in den Adventskalendern vor einem Jahr stellten wir in den Nuss­schoko­laden aber eine deutlich geringere Belastung fest. Man muss dabei unterscheiden zwischen den sogenannten MOSH-Mineral­ölen (Mineral Oil Saturated Hydrocarbons) und den MOAH-Mineral­ölen (Mineral Oil Aromatic Hydrocarbons).

Bei den MOSH lag die Belastung insgesamt nur bei einem Drittel dessen, was wir in der Kalenderschokolade nachgewiesen haben. Die MOSH werden nach ihrer Kohlen­stoff­kettenlänge unterschieden. In allen Schoko­laden fanden wir lang­kettige MOSH und bis auf eine Ausnahme auch mittel­kettige, kurz­kettige dagegen nur in einem Produkt. Die Experten können aus den differenzierten Befunden auf die Verunreinigungs­quellen schließen. Auch wenn MOSH als weniger kritisch einge­stuft werden, gehören sie nicht in Lebens­mittel.

Bei den MOAH war es jetzt sogar nur ein Sechstel der Belastung gegen­über dem Vorjahr. Das Schad­stoff­urteil fällt daher für keine Nuss­schokolade im Test schlechter als befriedigend aus. Wir wiesen MOAH in 24 Schoko­laden nach. Ein mögliches krebs­erzeugendes Potenzial für diese Substanzen schließen Wissenschaftler nicht aus. Insbesondere MOAH sollten in Lebens­mitteln nicht vorkommen.

Nuss­schokolade im TestJede dritte ist gut

Wie kommen Mineralöle in die Schokolade?

Die Gefahr lauert über­all. Schon die Rohstoffe – von den Kakao­bohnen über die Haselnüsse bis zum Milch­pulver – können mit Mineral­ölen belastet sein. Praktisch ist eine Kontamination mit Mineral­ölen auf jeder Produktions­stufe möglich. Bereits im Anbau­land birgt der Trans­port der Kakao­bohnen oder der Nüsse in Jute- oder Sisalsä­cken eine Gefahr. Abgase von Trans­portfahr­zeugen sind ebenfalls eine Eintrags­quelle. Maschinenöle in der Fabrik stellen ein doppeltes Risiko dar: Zum einen kann das Öl direkt ins Lebens­mittel tropfen, zum anderen kann in der dort einge­setzten Druck­luft Mineralöl enthalten sein. Als eine Haupt­eintrags­quelle werden allerdings mineral­ölhaltige Druck­farben gesehen. Sie sind entweder direkt auf die Lebens­mittel­verpackung gedruckt oder befinden sich im Verpackungs­material. Viele Lebens­mittel­verpackungen und fast alle Trans­portkartons wurden aus recyceltem Papier oder Karton hergestellt, so dass auch hierüber mineral­ölhaltige Druck­farben in Kontakt mit den Lebens­mitteln kommen konnten. Viele Hersteller setzen inzwischen auf Verpackungen aus Frisch­fasern, doch sie schließt weder die Kontamination der Rohstoffe noch die durch Sekundär­verpackungen aus. Zudem ist das keine ökologische Lösung.

Warum war die Adventkalender-Schokolade deutlich stärker belastet?

Im Prinzip ist die Schokolade in Advents­kalendern stärker gefährdet als Tafelschokolade. Viele Kalender werden bereits im Sommer hergestellt, so dass die Schokolade während der monate­langen Lagerung flüchtige Mineralöle aus der Verpackung und der Umge­bung aufnehmen kann. Hinzu kommt, dass die Scho­kostück­chen in den Kalendern auch noch eine größere Oberfläche haben. Außerdem sind sie von deutlich mehr Verpackungs­material umgeben, das auch viel bunter bedruckt ist.

Jeder hat seine Haus­aufgaben zu machen

Sind die Nach­weis­methoden für Mineralöle besser geworden?

Ja, die Nach­weis­methoden haben sich verbessert. Vor allem sind inzwischen mehr Labore in der Lage, Mineralöle zuver­lässig nach­zuweisen. Wir als Stiftung Warentest haben aber auch schon bei der Unter­suchung der Advents­kalenderschoko­laden vor einem Jahr kompetent und gesichert prüfen lassen. Das Verfahren war selbst­verständlich schon damals in unserem Labor validiert. Andere Labore ziehen inzwischen nach. Um die Methoden­entwick­lung voran­zubringen, hat ein privates Labor die Initiative ergriffen und einen Labor­vergleichs­test organisiert und ausgewertet. Damit jedoch eine amtliche Unter­suchungs­methode verabschiedet werden kann, bedarf es eines offiziellen Ringversuchs.

Gibt es neue Erkennt­nisse zur gesundheitlichen Gefahr von Mineral­ölen?

Nein, die gesundheitliche Bewertung von Mineral­ölen aus Lebens­mitteln ist nach wie vor noch nicht abge­schlossen. Ein möglicher­weise krebs­erzeugendes Potenzial der aromatischen Mineralöl-Fraktion MOAH wird nicht ausgeschlossen. Deshalb gilt weiterhin die Maxime des Bundes­instituts für Risiko­be­wertung (BfR), wonach MOAH in Schokolade und anderen Lebens­mitteln uner­wünscht sind und vermieden werden sollten. Noch ist es aber nicht so weit, dass Grenz­werte toxikologisch begründet und fest­gelegt werden können.

Was tut die Süßwaren­industrie?

Die Süßwaren­industrie hat nach dem Test von Advents­kalendern eine Minimierungs­initiative für Mineralöle angekündigt. Dabei soll intensiv nach den Ursachen für die Kontamination durch MOSH und MOAH geforscht werden, um sie möglichst zu vermeiden, zumindest aber zu verringern. Einige Schluss­folgerungen liegen schon vor. Zunächst stellte man Verpackungen aus Frisch­fasern statt aus Recycling­karton her. Doch das kann schon aus ökologischen Gründen nicht die Lösung sein. Mineral­ölfreie Druck­farben für den Verpackungs­druck wären sinn­voll. Auch funk­tionale Barrieren – vom Innenbeutel über Folien bis hin zu speziellen Beschichtungen – könnten die Lebens­mittel besser schützen. Doch die Herstellung solcher Barriere-Lösungen ist zum Teil energie­aufwendig und nicht immer ressourcenschonend. Solche Verpackungs­materialien sind auch nicht unbe­dingt recycel­fähig. Die Rohstoff­industrie fordert auch, dass bei der Herstellung der Jute- und Sisalsäcke auf mineral­ölhaltige Batching-Öle verzichtet wird, mit denen die Fasern behandelt werden. Mit einer eigenen Labor­ausstattung, über die der Bundesverband der Deutschen Süßwarenindustrie seit Sommer 2013 verfügt, sollen Forschung und Kontrolle voran­gebracht werden.

Was unternimmt die Verpackungs­industrie?

Inno­vative Verpackungen lautet ihre Devise. Das Recyceln von Altpapier stellt die Verpackungs­industrie nämlich vor eine schwierige Aufgabe. Einer­seits ist es erklärtes Ziel, die Ressource Altpapier aus ökologischen Gründen zu nutzen, anderer­seits ist die Altpapiernut­zung für Lebens­mittel­verpackungen eine Kontaminations­quelle für unsere Nahrung. Daher sucht die Verpackungs­industrie nach Lösungen, beides in Einklang zu bringen. Zurzeit laufen Versuche, zum Beispiel mineral­ölhaltige Farben kostengünstig aus dem Altpapier auszuwaschen. Die Entwick­lung produktgerechter, kompostier­barer Innenbeutel steht im Fokus der Forschung. Außerdem wird versucht, mithilfe von beschichteten Falt­schachteln das „Herüber­wandern“ der Mineralöle zu verhindern, also eine funk­tionelle Migrations­barriere zu errichten. Die Neuentwick­lungen reichen bis zu den Trans­port­verpackungen aus Well­pappe, die fast immer aus recyceltem Papier bestehen. Hier­durch sollen Quer­kontaminationen in der Lieferkette einge­dämmt werden.

Noch gibt es keine befriedigende Lösung

Welche Konsequenzen zieht die Politik?

Das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) arbeitet zurzeit an zwei nationalen Verordnungen, die den Über­gang von Mineral­ölen auf Lebens­mittel begrenzen sollen. Die sogenannte Mineral­ölver­ordnung soll sichere Höchst­mengen für Mineralöle aus Recycling­papier fest­legen. Ergänzend sollen durch die Druck­farben-Verordnung mineral­ölhaltige Druck­farben für das Bedrucken von Lebens­mittel­verpackungen verboten werden. Diese Verordnung hat aber keine Konsequenzen für Zeitungs­verlage und andere Printmedien, obwohl auch deren Papier im Altpapier­kreis­lauf landet. Beide Verordnungen können auch nur national wirken. Zwingend wäre aber ein globales Vorgehen, da Lieferketten, Herstellungs­prozesse und Vertriebs­wege für die Verpackung und die Lebens­mittel interna­tional sind. Noch werden beide Verordnungs­entwürfe intensiv diskutiert.

Was plant die Stiftung Warentest?

Die Stiftung Warentest behält das Problem „Mineralöle in Lebens­mitteln“ im Blick. Wann immer möglich und erforderlich, werden wir in unseren Lebens­mittel­tests auch auf Mineralöle prüfen. Dabei ist es für uns selbst­verständlich, dass wir dem aktuellen Stand der Analytik und der Interpretation der Ergeb­nisse Rechnung tragen. Test­gestützt wollen wir uns weiterhin an der wissenschaftlichen Diskussion beteiligen und die Verbraucher sachgerecht informieren.

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