Mineralöle in Kosmetika: Fünf Fragen zur Unter­suchung der Stiftung Warentest

Mineralöle in Kosmetika Test

Dr. Holger Brack­emann, Bereichs­leiter Unter­suchungen bei der Stiftung Warentest.

Im Gespräch mit test.de erklärt Dr. Holger Brack­emann, Bereichs­leiter Unter­suchungen bei der Stiftung Warentest, wieso die bisherigen Maßnahmen der Kosmetik­industrie zur Qualitäts­kontrolle nicht ausreichen, und warum der Einsatz von Mineral­ölen in Kosmetika lang­fristige Risiken birgt.

Herr Brack­emann, Sie sprechen von einer „potenziellen Gefahr“. Ist das nicht Panikmache?

Wir machen keine Panik, sondern informieren die Öffent­lich­keit über ein Unter­suchungs­ergebnis, das nicht nur uns, sondern auch viele andere Experten über­rascht hat. Wir haben bei der wissenschaftlichen Über­prüfung eines Zufalls­fundes in einer Vielzahl von Kosmetik-Produkten kritische Stoffe gefunden. Auch wenn zum Eindringen in die Haut und zu den gesundheitlichen Folgen für den Menschen noch viele Fragen offen sind, gibt es doch Hinweise, die Anlass zur Sorge geben. Anders ausgedrückt: Von einer akuten Gesund­heits­gefahr ist nicht auszugehen, mittel- oder länger­fristige gesundheitliche Risiken sind aber nicht auszuschließen. Dabei muss man auch berück­sichtigen, dass viele Verbraucher Körper­pflege-, Styling- und Lippen­pfle­gepro­dukte täglich anwenden. Aus Gründen des vorsorgenden Verbraucher­schutzes ist es in einem solchen Fall selbst­verständlich, dass wir Verbraucher wie auch Anbieter informieren.

Warum haben Sie die kritischen MOAH gefunden – und die Kosmetik­hersteller nicht?

Es ist davon auszugehen, dass bisher niemand MOAH in einer derart großen Anzahl von Kosmetika vermutet hat, und schon gar nicht in den hohen Konzentrationen, wie wir sie in unserem Test fanden. Dass wir fündig wurden, dürfte vor allem daran liegen, dass wir eine inzwischen für Lebens­mittel etablierte Methode weiter­entwickelt haben. Damit ist es möglich, MOAH in Kosmetika nach­zuweisen. Die Anbieter aber verlassen sich im Wesentlichen auf eine Rein­heits­prüfung, die das Europäische Arznei­buch zur Qualitäts­kontrolle vorsieht. Sie ist zum Nach­weis von MOAH nicht ausgelegt und auch nicht geeignet.

Was ist denn an den Mineral­ölbestand­teilen kritisch?

Anlass zur Sorge geben mehrere Hinweise. Zum einen geht die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) davon aus, dass MOAH erbgutver­ändernde und krebs­er­regende Komponenten enthalten. Deshalb sollten sie nicht in Lebens­mitteln vorkommen; das ist heute wissenschaftlicher Konsens. Das lässt sich auch auf Lippen­pfle­gepro­dukte über­tragen, die nachgewiesenermaßen abge­leckt und geschluckt werden. Noch ist unklar, ob MOAH auch durch intakte Haut dringen. Eine Schweizer Studie mit stillenden Frauen deutet aber darauf hin. Einige Produkte im Test sind explizit für raue oder rissige Haut gedacht. Bei derart geschädigter Haut­barriere liegt es besonders nahe, dass MOAH eindringen können. Die Haupt­fraktion der Mineralöle, MOSH genannt, enthält keine krebs­er­regenden Bestand­teile. Von ihnen weiß man aber, dass sie sich teil­weise im Körper anreichern. Die möglichen gesundheitlichen Folgen für den Menschen sind nicht geklärt.

Wie kann ich mich als Verbraucher vor MOAH schützen?

Die positive Botschaft ist, dass es viele Produkte gibt, die ohne Mineralöle hergestellt werden. Der Verbraucher sollte in die Liste der Inhaltsstoffe schauen. Wer auf Nummer sicher gehen will, findet konventionelle Kosmetika ohne Mineral­ölkomponenten. Und: In zertifizierter Naturkosmetik darf kein Mineralöl einge­setzt werden.

Welche Forderungen leiten Sie als Verbraucherschützer aus Ihrem Test ab?

Wir fordern die Hersteller und die Rohstoff­lieferanten auf, die Belastung mit MOAH soweit wie möglich zu minimieren oder am besten ganz zu vermeiden. Das sollte schnell erfolgen und nicht davon abhängig gemacht werden, bis die letzten fachlichen Fragen geklärt sind. Dass eine Reduzierung möglich ist, bestätigt etwa das Bundes­institut für Risiko­be­wertung (BfR). Außerdem muss bei den Analysever­fahren für die Rohstoffe in der Kosmetik­industrie nachgebessert werden. Der Gehalt an MOAH muss mit geeigneten Methoden regel­mäßig über­wacht werden. Und wir fordern, dass sich Behörden und Forschung mit gesundheitlichen Folgen von MOAH in Kosmetika auseinander­setzen.

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