Mineralöle in Kosmetika Test

Die Stiftung Warentest hat 25 exemplarisch ausgewählte Kosmetika untersucht, die auf Mineralöl basieren. Alle sind mit kritischen Substanzen belastet, von denen einige sogar als potenziell krebs­er­regend gelten. Es handelt sich dabei um aromatische Kohlen­wasser­stoffe (MOAH). Die Tester fanden bis zu 15 000-mal so viel MOAH wie in Lebens­mittel-Tests der Stiftung Warentest gemessen wurde. test.de sagt, welche Produkte belastet sind.

Aromatische Kohlen­wasser­stoffe verursachen möglicher­weise Krebs

Nur eine Ausnahme? Das fragten wir uns, als wir beim Test von Körperölen (test 3/2015) per Zufall entdeckten, dass ein Produkt hoch mit kritischen Substanzen belastet war: den aromatischen Kohlen­wasser­stoffen, Mineral Oil Aromatic Hydrocarbons, kurz MOAH genannt. Sie stehen im Verdacht, Krebs zu erregen.

Alle untersuchten Kosmetika sind belastet

Der hohe MOAH-Gehalt sprach dafür, dass es sich nicht um eine Verunreinigung aus dem Produktions­prozess handelt, sondern der Inhalts­stoff selbst die Ursache für den Fund war. An erster Stelle der Inhalts­stoff­liste stand auf diesem Körperöl: Mineral Oil, also Mineralöl. Um Klarheit zu bekommen, verfeinerten wir die Analytik und prüften weitere Kosmetika, die laut Deklaration Mineralöl enthalten – zunächst andere Körperöle, dann auch Cremes, Baby- und Lippen­pflege, Hair­styling­produkte und Vaselinen. Alle untersuchten Kosmetika, darunter Marken wie Bebe, Blistex, Dove, Labello, Nivea und Penaten, sind mit MOAH belastet, siehe Tabellen Mineralöle in Lippenpflegeprodukten und Körperpflege- und Hairstylingprodukten.

Mineralöle in Kosmetika Test

Blick ins Klein­gedruckte. Mineralöle gehören zur Rezeptur vieler Kosmetik­produkte. Sie verbergen sich hinter verschiedenen Begriffen (siehe Unser Rat).

Aufnahme von MOAH über die Nahrung „potenziell besorgnis­erregend“

Zwar steht eine abschließende gesundheitliche Bewertung noch aus, siehe Mineralöl als kosmetischer Inhaltsstoff. Doch laut der Europäischen Behörde für Lebens­mittel­sicherheit, Efsa, könnte die MOAH-Fraktion ein „karzinogenes Risiko“ darstellen. Die Efsa erachtet die Aufnahme von MOAH durch die Nahrung deshalb als „potenziell besorgnis­erregend“. Diese Einschät­zung kann auf Lippen­pfle­gepro­dukte auf Mineral­ölbasis über­tragen werden. Denn sie gelangen über den Mund direkt in den Körper. Wegen der Test­ergeb­nisse raten wir von Lippen­produkten, die mit Mineralöl hergestellt werden, ab. Ob ein Produkt Mineralöl enthält, steht in der Inhalts­stoff­liste. In Naturkosmetik darf es nicht vorkommen. Auch bei konventioneller Kosmetik gibt es genug Alternativen.

Das Video zum Test

Warum Mineralöle einge­setzt werden

Seit Jahr­zehnten verwenden Kosmetik­hersteller Rohstoffe aus Mineralöl als Basis der Rezepturen – Öle, Vaseline, Wachse. Die haben viele Vorteile: Sie sind sehr halt­bar und preisgünstig, können in gleich­bleibender Qualität produziert werden und verursachen keine Allergien. Von ihrem Ausgangs­stoff, dem Erdöl, unterscheiden sie sich deutlich. Es wird in mehreren Schritten gereinigt und aufbereitet. So entstehen farb- und geruchlose Rohstoffe, die frei von MOAH sein sollten.

Branche setzt auf Arznei­buch­qualität

Namhafte Anbieter zeigten sich über­rascht von unseren Test­ergeb­nissen. Beiers­dorf teilte uns mit: „Klassische mineral­ölbasierte Rohstoffe verwenden wir ausschließ­lich in Qualitäten, die dem europäischen Arznei­buch entsprechen.“ Sinn­gemäß die gleiche Auskunft gaben uns Henkel, Johnson & Johnson und Unilever. Das Europäische Arznei­buch schreibt die Qualität von Rohstoffen für Arznei­mittel vor. Es nennt auch Prüfungen, mit denen die Reinheit fest­gestellt werden kann, unter anderem UV-Spektroskopie. Das Problem: Die Methode ist für den Nach­weis von MOAH nicht geeignet, siehe So testen die Anbieter.

Neue Analytik macht MOAH sicht­bar

Mineralöle in Kosmetika Test

Im Labor. Diese Hightech-Apparatur misst die Mineralöle in den Proben.

Im Labor. Diese Hightech-Apparatur misst die Mineralöle in den Proben.

Unsere Analytiker haben eine Methode weiter­entwickelt, die zum Nach­weis von MOAH in Lebens­mitteln erprobt ist. Das Ergebnis: In sämtlichen ausgewählten Kosmetika wiesen wir MOAH nach. Bei MOAH handelt es sich um eine komplexe Mischung aus verschiedenen aromatischen Kohlen­wasser­stoffen. Noch ist es nicht möglich, ihre einzelnen Verbindungen genau zu identifizieren und toxikologisch zu bewerten. MOAH gelten generell als uner­wünscht. Wir konnten teil­weise aber sogar alkylierte, teilhydrierte Polyaromaten nach­weisen. Polyaromaten gehören zu den Komponenten der MOAH, die als potenziell krebs­er­regend gelten.

Bis zu 15 000-mal so viel MOAH wie in Lebens­mitteln

Das Körperöl von Dove hat den geringsten MOAH-Gehalt im Test: 0,005 Prozent. Das klingt wenig, ist aber das Acht­fache dessen, was wir jemals an MOAH in Lebens­mitteln gefunden haben – in Schokolade aus Advents­kalendern. Die höchsten Belastungen haben die Vaselinen mit bis zu 9 Prozent MOAH. Das entspricht dem 15 000-Fachen unserer Funde bei Lebens­mitteln. Kein Wunder, Vaseline besteht ausschließ­lich aus Mineralöl. Es enthält zum größten Teil gesättigte Kohlen­wasser­stoffe – Mineral Oil Saturated Hydrocarbons, kurz MOSH. Die gelten zwar nicht als krebs­er­regend, sind aber auch nicht unkritisch: Gelangen sie in den Körper, können sich einige davon im menschlichen Gewebe einlagern. Die möglichen gesundheitlichen Folgen sind nicht geklärt. Abhängig von der Rezeptur unterscheiden sich die MOSH-Gehalte im Test. Sie liegen zwischen 10 und 94 Prozent.

Spezialfall Lippen­pflege

MOAH sollten gar nicht in den Körper gelangen. Doch Lippen­produkte werden aufgetragen, abge­leckt und geschluckt. Der Wissenschaftliche Ausschuss für Verbrauchersicherheit der EU-Kommis­sion (SCCS) schätzt, dass Verbraucher im Schnitt rund sechs­mal täglich Lippen­produkte auftragen und voll­ständig aufnehmen. Das entspricht 57 Milligramm Produkt.

Wir raten von Lippen­pfle­gepro­dukten auf Mineral­ölbasis ab

Ein Beispiel: Der Lippenbal­sam Blistex MedPlus enthält 1,4 Prozent MOAH und besteht etwa zur Hälfte aus MOSH. Bei 57 Milligramm Aufnahme pro Tag sind das rund 0,8 Milligramm MOAH und mehr als 25 Milligramm MOSH. Das kann also noch zu MOAH und MOSH hinzukommen, die ein Erwachsener über Lebens­mittel aufnimmt. Nach Schät­zungen der Efsa sind das bis zu 3,6 Milligramm MOAH und 18 Milligramm MOSH. Daher raten wir von Lippen­pfle­gepro­dukten auf Mineral­ölbasis ab. Auch Vaseline sollte nicht am Mund verwendet werden. Selbst Cremes können über die Hände in den Mund gelangen.

Umfrage Mineralöle in Kosmetika

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20.39%Abgegebene Stimmen: 488
73.21%Abgegebene Stimmen: 1752
4.68%Abgegebene Stimmen: 112
1.71%Abgegebene Stimmen: 41

Gesamtbeteiligung: 2393

Info: Die Umfrage ist nicht repräsentativ.

Auch Aufnahme durch Haut möglich

Wie viele und welche Mineral­ölbestand­teile durch die Haut dringen, lässt sich derzeit nicht eindeutig sagen. Auf Nach­frage teilte uns Professor Dr. Dr. Andreas Luch, Leiter der Abteilung Chemikalien- und Produktsicherheit beim Bundes­institut für Risiko­be­wertung (BfR), mit: „Gesundheitliche Risiken durch die Aufnahme von Mineral­ölen in Kosmetika über die Haut sind für Verbraucher nach derzeitigem Kennt­nisstand nicht zu erwarten.“ Er räumt aber „größere Daten­lücken“ ein, die insbesondere bei einer oralen Aufnahme von Kosmetika die „Bewertung erschweren“. Im Zusammen­hang mit eigenen Unter­suchungen zu poly­zyklischen aromatischen Kohlen­wasser­stoffen in Verbraucher­produkten hatte das BfR Ende 2010 noch veröffent­licht: „Es wurde auch der Nach­weis erbracht, dass alkylierte poly­zyklische Aromaten MOAH bei direktem Kontakt in die Haut migrieren und daher ebenfalls zu einem gesundheitlichen Risiko beitragen können.“

„Mengen an MOSH in Leber, Milz und Lymph­knoten oft alarmierend hoch“

Darauf, dass Mineralöle durch die Haut gehen können, weisen auch Unter­suchungen des Kantonalen Labors Zürich hin, siehe Unter­artikel Mineralöl als kosmetischer Inhaltsstoff. Dr. Konrad Grob, Analytiker am Kantonalen Labor, befasst sich seit Jahren mit Mineral­ölen und arbeitete auch in der Efsa an der Risiko­be­wertung mit. Für ihn sind Mineralöle die wahr­scheinlich stärkste Verunreinigung des menschlichen Körpers. „Die Mengen an MOSH in Leber, Milz und Lymph­knoten sind oft alarmierend hoch“, sagt er. „Es wäre wichtig zu wissen, wie viel aus Lebens­mitteln, aus Kosmetika oder aus der Umwelt stammt. Weil wir nicht ausschließen können, dass auch die Haut eine Eintrags­quelle ist, bedarf es dringend weiterer Forschung.“

Die Anbieter sind gefordert

MOAH sind bereits vor Jahren in den Fokus gerückt – als Verunreinigungen in Lebens­mitteln. Der Kosmetikbranche hätte klar werden müssen, dass durch mineral­ölhaltige Rohstoffe eine MOAH-Belastung bestehen könnte. Die Anbieter sind gefordert. „Wir nehmen die von Ihnen kommunizierten Ergeb­nisse sehr ernst und prüfen derzeit die Ursache für die Verunreinigung mit aromatischen Kohlen­wasser­stoffen (MOAH)“, teilte uns Johnson & Johnson mit. Beiers­dorf geht davon aus, dass „Mineralöle und -wachse trotz höchster Reinigung geringe Mengen von MOAH enthalten können“. Laut Professor Luch vom BfR ließen sich potenziell problematische Aromaten­teile (MOAH) nach gegen­wärtigem Stand der Technik bereits auf Spuren­gehalte minimieren. Doch 5 bis 9 Prozent in Vaselinen, die zu hundert Prozent aus Mineralöl bestehen, sind weder geringe Mengen noch Spuren.

„Was wir nicht sicher beherr­schen, sollten wir auch nicht einsetzen“

MOSH sind in Kosmetika auf Mineral­ölbasis nicht zu vermeiden. „Wir wissen generell zu wenig über die möglichen Folgen von Mineral­ölen auf den Menschen, auch von MOSH“, sagt Konrad Grob. „Wir sind wohl viel zu lange zu sorglos damit umge­gangen. Was wir nicht sicher beherr­schen, sollten wir auch nicht einsetzen.“

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