Mindesthaltbarkeit Meldung

Ein Missverständnis füllt Mülltonnen. Denn auch nach dem Mindesthaltbarkeitsdatum sind viele Lebensmittel weder ungenießbar noch gefährlich.

Tagtäglich landen Millionenwerte im Müll: Lebensmittel, die noch genießbar wären. Daran sind auch Privathaushalte beteiligt, oft wegen falsch verstandener Mindesthaltbarkeit. Genaue Zahlen gibt es aber nicht. Nach einer Wiener Untersuchung wandert pro Haushalt jedes zehnte verpackte Lebensmittel in die Tonne, wäre aber noch zum Verzehr geeignet. Das macht pro Jahr knapp 400 Euro je Haushalt und für die Bundesrepublik etwa 10 Milliarden Euro, rechnet Wolfgang Tawarda von der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK). Die Dunkelziffer entsorgter Lebensmittel ist viel höher. So bekommen die Tafeln von Handel und Buffets ganze Lkw voll, in Berlin allein 200 bis 550 Tonnen pro Monat – nichts davon ist jenseits des Mindesthaltbarkeitsdatums (MHD).

Was heißt Mindesthaltbarkeit?

„Mindestens haltbar bis ...“ bedeutet: Das Produkt soll bis zu diesem Datum (MHD) in Ordnung sein. Danach verdirbt es ja nicht schlagartig, sollte also noch länger genießbar sein, wenn auch mit Qualitätsabstrichen. In anderen Ländern liest man Hinweise wie„best before...“ Das sagt klarer: Jogurt oder Konfitüre sind länger verzehrbar, aber eben nicht mehr „best“. Kirschen im Glas werden blasser, Käsescheiben trockener, Vitamine und Geschmack leiden. Die Gesundheit gefährdet das nicht, solange kein Schimmel auftritt und Dosen sich nicht wölben. Vorsicht aber bei frischem Fleisch und Fisch! Fristen für den Umgang jenseits des MHD gibt es nicht. Letztlich hilft nur: Schauen, schnuppern, schmecken ­– und wegwerfen, wenn es verdorben erscheint.

Was ist das Verbrauchsdatum?

„Zu verbrauchen bis ...“ muss auf sehr leicht Verderblichem wie Rohmilch und Hackfleisch stehen. Nehmen Sie das Datum ernst, verzichten Sie danach auf den Verzehr, die Ware könnte verdorben sein. Anders als beim MHD darf sie nach Ablauf nicht mehr verkauft werden. Ob Verbrauchs- oder Mindesthaltbarkeitsfrist – das wird nicht einheitlich praktiziert. Wir fanden zum Beispiel bei Grillfleisch beide Varianten.

Wer legt die Fristen fest?

Wie lange was mindestens haltbar oder spätestens zu verzehren ist, legen die Hersteller fest – so wie sie es für vertretbar halten. Ein Problem: Kunden wünschen meist frische Produkte, der Handel oft sehr haltbare, um sie lange verkaufen zu können.

Warum sind sie mal kurz, mal lang?

Wichtig für die Fristen sind vor allem Herstellung und Rezeptur, zum Beispiel mehr oder weniger erhitzt, mit Konservierungsstoffen oder ohne. Trotzdem sind die unterschiedlichen Fristen oft nicht nachvollziehbar. Wir fragen sie regelmäßig bei den Anbietern ab. Einige Ergebnisse vergangener Tests: Ketchup mal 9 und mal 36 Monate, Orangensäfte 12 bis 18 Monate, ungekühlte Smoothies sechs Monate bis zwei Jahre, Matjesfilets mal 16 und mal 56 Tage – also mehr als dreimal so viele.

Was steht auf dem Etikett?

Da steht meist nur das Ende der Frist. Der Beginn wird in der Regel nicht angegeben. Für den Verbraucher ist also nicht ersichtlich, ob ein Kochschinken, den er am letzten Tag der Frist verspeist, 18 oder schon 33 Tage eingeschweißt in der Folie ist. Was ebenfalls meist fehlt, sind Hinweise, wie lange das geöffnete Produkte noch haltbar ist, oft auch wie es aufbewahrt werden sollte.

Wie lange halten Fisch und Fleisch?

Ob MHD oder Verbrauchsdatum – unsere Tests zeigen: Bei empfindlicher Ware aus dem Kühlregal wie Fleisch, Wurst, Fisch soll man die Frist nicht ausreizen, auch wenn alles so kühl lagert, wie es die Hersteller empfehlen. Wir prüfen am letzten Tag der Frist, das Produkt sollte dann noch in Ordnung sein. Tatsächlich kann die Keimbelastung aber schon recht hoch sein, wie etwa Kochschinken zeigte. Bei 21 von 25 Produkten fanden wir erhöhte Keimzahlen, meist typische Verderbniskeime wie Milchsäurebakterien. Bei sieben Schinken hatten sie schon zu saurem Geruch oder Geschmack geführt.

Was tun mit geöffneten Speisen?

Sie wissen nicht, ob das angebrochene Glas Apfelmus im Kühlschrank noch genießbar ist? Verlassen Sie sich nicht auf das MHD. Selbst wenn es „Mindestens haltbar bis August 2012“ verspricht, kann der Inhalt verdorben sein. Auch hier hilft nur: Schauen, schnuppern, schmecken. Denn das MHD gilt für das ungeöffnete Produkt. Sind Gläser, Flaschen, Tetrapacks oder Dosen erst geöffnet, beginnt der ganz normale Verderb. Der geht mal schneller und mal langsamer. Ketchup zum Beispiel kann ­– da er erhitzt wurde und konservierenden Essig enthält – im Kühlschrank noch nach einem halben Jahr in Ordnung sein. Apfelmus oder Wurst halten nur Tage durch. Hinweise zu Lagerbedingungen und -zeit bei Geöffnetem sparen sich die Anbieter aber meist.

Was ist mit frischer Ware?

Obst und Gemüse sind oft verpackt, aber ohne Haltbarkeitsdatum. Hier soll der Kunde per Augenschein entscheiden, ob die Ware noch genießbar ist. Bei Klarsichtschalen mit empfindlichen Früchten oder auch Tomaten lohnt Wenden. Oft schlummert Verschimmeltes unerkannt auf dem Boden.

  • Obst und Gemüse: Kühlschranktemperaturen sind nichts für Exoten wie Bananen, Zitrusfrüchte oder auch Tomaten. Für anderes wie Himbeeren, Spinat, Brokkoli sind sie besser, weil Licht und Wärme Vitaminen schaden und Verderbniskeime gerade bei 18 bis 40 Grad Celsius aufblühen.
  • Fisch und Fleisch: Beides ist sehr anfällig, selbst gut gekühlt. Besonders Hackfleisch: Nur unter besonderer Schutzatmosphäre verpackt hält es länger als einen Tag.
  • Eier: Sie sind laut Aufdruck vom Legedatum an mindestens vier Wochen haltbar, können aber eventuell krankmachende Salmonellen mitbringen. Kühlschranktemperaturen bremsen die Vermehrung dieser Bakterien. Gefährlich werden sie in rohen Eiern. Für Rezepte wie Mousse au chocolat oder Tiramisu nur ganz frische Eier nehmen, Speisen nur kurz ungekühlt lassen.

Was der Haltbarkeit nützt

Und so kommen Sie mit dem Vorrat klar:

  • Empfindliches wie Fisch oder Fleisch per Kühltasche nachhause transportieren und in der kältesten Kühlschrankzone lagern. Das ist meist unten auf der Glasplatte.
  • Spezielle Thermometer zeigen, wo es im Kühlschrank wie kalt ist. Hackfleisch unter Schutzatmosphäre verpackt schafft die Frist von einigen Tagen nur, wenn es nicht wärmer als 2 Grad Celsius ist. Oft herrschen in Kühlschränken aber bis 8 Grad Celsius.
  • Kühle hemmt Keime, trocknet aber auch aus. Im Kühlschrank daher immer alles abdecken. Gut für Gemüse: spezielle Fächer.
  • Wärme und Licht fördern Vitaminabbau und Verderb. Für vieles ­wie Äpfel oder Kartoffeln wären kühle Vorratskammern ideal. Meist müssen Küchenschränke reichen. Kartoffeln keimen dort aber schnell aus.
  • Dunkle Flaschen lassen weniger Licht durch. Das beugt vorzeitigem Verderb vor, Öl wird nicht so schnell ranzig.
  • Einfrieren verzögert Verderb. Geben Sie Kaffee, Nüsse, Kräuter, Brot oder Butter ruhig ins Eis. Experimente lohnen. Schlimmstenfalls leidet der Genuss – mehr nicht.

Dieser Artikel ist hilfreich. 3682 Nutzer finden das hilfreich.