Mikro­plastik Special

Welt­weit werden etwa 280 Millionen Tonnen Kunststoff pro Jahr produziert. Ein Teil davon landet als Müll in der Natur und zerfällt zu Mikro­plastik. Selbst Klär­anlagen filtern das Mikro­plastik nicht voll­ständig weg. Es gerät in Gewässer und belastet darin lebende Tiere. Kann Mikro­plastik auch in die Nahrungs­kette des Menschen gelangen? test.de beschreibt den Forschungs­stand.

Selbst in Kosmetika ist Plastik

Flee­cepullover, Wurst­verpackung, Plastiktüte, Peeling mit Poly­ethylenkügelchen – ohne Kunststoff kommt kaum ein Mensch durch den Alltag. Der massenhafte Konsum könnte zum Bumerang werden: Winzige Kunst­stoff­teilchen, Mikro­plastik genannt, belasten die Welt. Sie sind zwischen 0,001 und 5 Milli­meter groß und entstehen über­wiegend aus Kunststoffen, die nicht sorgfältig entsorgt wurden und in der Natur verwittern. Mikro­plastik kommt auch im Abwasser vor. Darin finden sich zum Beispiel Kunst­fasern, die Textilien beim Waschen verlieren, oder Plastikkügelchen aus Kosmetika, Scheuermilch, Sand­strahl­mitteln. Was bedeutet das für uns? Das fragen sich Wissenschaftler welt­weit. Die Forschung steht erst am Anfang.

Mikro­plastik Special

Industrie entwickelt Alternativen

Bei Mikro­plastikpartikeln, die Kosmetika zu Reinigungs­zwecken bewusst zugesetzt werden, ist die Forschung weiter als auf anderen Gebieten. Für sie liegt sogar eine Risiko­einschät­zung vor. „Nach jetzigem Kennt­nisstand ist ein gesundheitliches Risiko für Verbraucher unwahr­scheinlich“, schreibt das Bundes­institut für Risiko­be­wertung (BfR). Die in Peelings und Duschgelen einge­setzten Teilchen seien größer als 0,001 Milli­meter; gesunde Haut nehme sie nach derzeitiger Einschät­zung nicht auf.

Umwelt­verbände fordern Verbot

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Wie ein Magnet: Möglicher­weise zieht ein Mikro­plastikpartikel Schad­stoffe und Viren an.

Umwelt­verbände fordern jedoch ein Verbot der Partikel, da sie das Abwasser belasten. Die Bundes­regierung hat Ende 2014 die Kosmetik­industrie zum freiwil­ligen Verzicht auf Mikro­plastik angeregt. Birgit Huber vom Industrie­verband Körper­pflege und Wasch­mittel erklärt: „Mittel­fristig werden die Inhalts­stoffe nicht mehr Bestand­teil abwasch­barer Kosmetik­produkte sein.“ Hersteller würden aber Zeit brauchen, Alternativen wie Nuss­schalen in Peelings zu etablieren. Handels­übliche Zahnpasta kommt inzwischen ohne Mikro­plastik aus. Als Ersatz für Reinigungs­partikel dient etwa abbaubare Zellulose. Bei Peelings, Gels, Lotionen und Co. können allerdings nur in Chemie bewanderte Verbraucher über die Kenn­zeichnung erkennen, ob Kunststoffe enthalten sind. Sie heißen beispiels­weise Poly­ethylen, Poly­propylen, Polyamid, Acrylates Copolymer. In Haarstyling-Produkten und Make-Ups können sie in gelöster Form verarbeitet sein. Unklar ist, ob das weniger bedenk­lich ist.

Klär­anlagen halten nicht alles zurück

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Der Audio-Podcast zum Thema Mikro­plastik.

„Zum gegen­wärtigen Zeit­punkt gibt es keine allgemein anerkannten und geprüften Methoden zur Identifizierung und quantitativen Analyse von Mikro­plastik“, so das BfR in seiner Stellung­nahme. Zurzeit nutzen Forscher Infrarot­strahlen: die Fourier-Trans­formations-Infrarot-Spektroskopie, FTIR. Damit wiesen Wissenschaftler des Alfred-Wegener-Instituts (AWI) für Polar- und Meeresforschung im vergangenen Jahr Mikro­plastik im geklärtem Abwasser von nieder­sächsischen Klär­werken nach: bis zu 14 Teilchen pro Liter. Die könnten in Flüsse fließen. Fürs Trink­wasser sieht Gunnar Gerdts, promovierter Biologe beim AWI, keine Gefahr: „Die sieben Teilchen, die wir pro tausend Liter Trink­wasser fanden, stammten nicht aus Grund­wasser.“ Dies hatten die Wissenschaftler zum Vergleich mitgeprüft. Kunst­stoff­leitungen seien eher ursächlich für die Einträge im Trink­wasser.

In Muscheln, Fisch, Bier und Honig

Im Gewebe kleiner Meereslebewesen wiesen Forscher Mikro­plastik längst nach. Meerestiere reagieren womöglich unterschiedlich: Muscheln, die im Labor unnatürlich hohen Partikel­konzentrationen ausgesetzt wurden, zeigten Entzündungs­reaktionen. Plankton nahm unter solchen Umständen weniger Nahrung auf. Meeres­asseln schieden Kunst­stoff­teile aus Algenfutter wieder aus. Bei Fischen fanden die Experten Mikro­plastik bislang vor allem in Magen und Darm. Die Folgen für den Fisch: Er könnte sich satt fühlen und zu wenig fressen.

Mikro­plastik in Mineral­wasser?

2014 berichteten viele Medien über Mikro­plastik in Mineral­wasser, Bier und Honig. Doch die Labor­methode, die den Beiträgen zugrunde lag, ist in der Fach­welt heftig umstritten und wissenschaftlich nicht bestätigt. „Die nachgewiesenen Fasern im Bier könnten auch aus der Labor­luft stammen“, sagt Professor Horst-Christian Lang­owski von der Tech­nischen Universität München. Das nieder­sächsische Institut für Bienen­kunde hat Mittel beantragt, um bald Honig mit der FTIR-Methode zu prüfen. „Wir wollen unter­suchen, ob Umwelt­belastungen etwa über Blütennektar zu Einträgen in den Honig führen“, so Instituts­leiter Werner von der Ohe.

Unklar, wie Menschen reagieren

Vom Fisch isst der Mensch den Magen-Darm-Trakt meist nicht mit – kleine Vertreter wie Sprotten, aber auch Muscheln ausgenommen. Was das für den menschlichen Organismus heißt, ist nicht klar. „Theoretisch können auch menschliche Zellen Mikro­plastik aufnehmen und im Gewebe einlagern“, sagt Professor Christian Laforsch von der Universität Bayreuth.

Hormonelle Wirkung nicht ausgeschlossen

Der Forscher hält es für möglich, dass einige Plastikpartikel giftig oder hormonell wirken. Wie ein Magnet könnten sie weitere Schad­stoffe anziehen. „Möglicher­weise bildet sich auch ein Biofilm auf den Partikeln, auf dem sich Krank­heits­erreger wie Bakterien oder Viren ansiedeln.“ Für diese Thesen fehlen noch Daten, ebenso für eine mögliche Belastung aus der Luft. „Zurzeit lässt sich nicht einschätzen, ob der Mensch Mikro­plastik aus diffusen Quellen aufnimmt“, so Laforsch. Verbraucher sollten der Umwelt und sich selbst zuliebe weniger Kunststoff nutzen. Wichtig: Plastikmüll in die richtige Tonne werfen. So kann er verbrannt oder recycelt werden.

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