Ob Handy oder Taschencomputer ­ Mikroelektronik ist aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. Davon profitieren die Aktien aus dem Umfeld der Halbleiterproduzenten. Allerdings ist nicht jeder Wert erste Wahl.

Mit bloßem Auge sind die hauchdünnen Plättchen kaum zu erkennen. Gerade mal ein zehntel Quadratmillimeter messen die Vierecke, die die Diamantsäge in Sekundenschnelle aus einer knapp untertassengroßen Platte sägt. Was auf der Fingerkuppe aussieht wie ein kleiner schwarzer Punkt, ist in Wirklichkeit ein hochgezüchteter Chip. Aber keiner von der Sorte, wie er als Speicherbaustein oder Mikroprozessor in Millionen von Computern seinen Dienst verrichtet. Es ist ein Verbindungshalbleiter.

Neue Lichttechnik

Mikroelektronikaktien Meldung

Den herkömmlichen Computerchips aus Silizium sind diese neu entwickelten Bauteile, die durch die Kombination hauchdünner Schichten bestimmter chemischer Elemente auf einer Trägerplatte entstehen, haushoch überlegen. Sie übertragen Daten viel schneller. Der Clou ist aber ihre optoelektronische Eigenschaft: Elektrische Energie wandeln sie in Licht um und umgekehrt.

Die Anwendungsmöglichkeiten, die daraus resultieren, sind riesengroß. In der Telekommunikation zum Beispiel läuten die Winzlinge eine neue Geschwindigkeitsära ein. Für leistungsfähige Solarzellen in der Weltraum- und Satellitentechnik werden sie ebenso eingesetzt wie für die Laser in den neuen DVD-Spielern oder hoch effiziente Leuchtdioden. Diese so genannten LEDs sind kaum größer als ein Streichholzkopf, aber heller als jede Glühbirne. Das Licht der Leuchtzwerge lässt sich noch locker auf 100 Meter erkennen. LEDs bringen die Displays von Autonavigationssystemen ebenso zum Leuchten wie riesige Multimediawände in Fußballstadien oder den Blinker der neuen Mercedes-Benz-S-Klasse. "Leuchtdioden sind sehr hell, dabei energiesparend, langlebig und klein", fasst Claus Ehrenbeck, Investor-Relations-Manager bei der Aixtron AG, die Vorteile zusammen.

Ehrenbecks Unternehmen produziert keine Verbindungshalbleiter ­ es liefert die Produktionsanlagen. Die Maschinen gehen weg wie warme Semmeln. Die Kundenkartei liest sich wie das "Who's who" der internationalen Technologiebranche. Mittlerweile hat das Unternehmen einen Weltmarktanteil von rund 45 Prozent.

Anleger, die auf Aktien in Zukunftsbranchen setzten, kommen deshalb an dem Hochtechnologiewert kaum vorbei. Denn die Aachener gehören zu der kleinen Gruppe von Unternehmen, die seit ihrer Gründung vor rund zehn Jahren Geld in der so genannten Nanotechnologie verdienen.

Nach Ansicht von Experten wird die Nanotechnologie einer der großen Technologietrends und Innovationskräfte des 21. Jahrtausend sein. Durch die Reduzierung einzelner Materialien auf milliardstel Meter zeigen sich vollkommen neuen Eigenschaften und Effekte. Beispielsweise werden keramische Materialien glasklar und elektrisch leitend oder Metalle funktionieren wie Farbstoffe.

Mikroelektronik überall

Doch die neue Technik wird die auf integrierten Schaltungen und Chips basierende Mikroelektronik wohl kaum verdrängen. Sie ist aus unserer Alltagswelt kaum mehr wegzudenken. PCs oder Mobiltelefone stehen dabei nur an der Spitze des technologischen Fortschritts. Über die Elektrogehirne in Videorekordern, Herzschrittmachern oder Geldautomaten macht sich kaum noch jemand Gedanken.

Intelligente Technik ersetzt auch immer öfter Mechanik oder übernimmt ihre Steuerung. In einem durchschnittlichen Mittelklasse-Pkw werkeln beispielsweise mittlerweile mehr als 30 Kleincomputer. Sie kontrollieren den Motor, überwachen die Airbags oder die Sensoren des Antiblockiersystems und regulieren die Klimaanlage.

In Zukunft wird die Infrastruktur eines Hauses wie Fenster und Türen, Kühlschrank, Mikrowelle, Beleuchtung und Heizung miteinander vernetzt und per Internet steuerbar sein. "Den Nutzen solcher Entwicklungen, die praktisch noch gar nicht existieren, kann man vom heutigen Zeitpunkt aus im Detail gar nicht beurteilen", sagt Roland Pitz, Analyst bei der Hypovereinsbank. "Man muss das vom Visionären sehen."

Wachstumsmotor Handy

Der Boom bei Multimedia, Internet und in der Telekommunikation beschert den Herstellern von Halbleitern zusätzlichen Rückenwind. Das Marktforschungsinstitut Dataquest sieht die Branche vor einer stürmischen Wachstumsphase. Nach der Prognose der US-Experten wird der Weltmarkt bis zum Jahre 2003 auf ein Volumen von 244 Milliarden US-Dollar wachsen. Gegenüber 1998 entspricht das einer knappen Verdoppelung. Noch optimistischer schätzen die Beobachter des Bankhauses ABN Amro die zukünftige Entwicklung ein.

Vor allem die rasant steigende Nachfrage nach Handys entwickelt sich zum Wachstumsmotor für die winzigen Bausteine. Waren 1999 weltweit rund 425 Millionen Mobiltelefone im Einsatz, rechnen Marktbeobachter 2002 mit über 750 Millionen Exemplaren ­ und jedes davon ist vollgestopft mit Elektronik.

Trotz dieser guten Rahmenbedingungen sind die meisten Analysten nicht grenzenlos optimistisch für Chip-Aktien. Der Grund: Der Halbleiterbereich ist extrem zyklisch. Auf Boomphasen mit hohen Gewinnen folgen regelmäßig Rezessionen, in denen viele Unternehmen rote Zahlen schreiben. Das klingt paradox, denn absolut gesehen steigt die Gesamtnachfrage ständig. Doch Wachstum und Preise werden stark von Marktregeln bestimmt, wie sie sonst nur von landwirtschaftlichen Produkten unter dem Begriff "Schweinebauchzyklus" bekannt sind.

Zyklischer Markt

"Die Zyklen resultieren aus dem unterschiedlichen Investitionsverhalten der Marktteilnehmer", erklärt Hypovereinsbank-Analyst Pitz. Ziehen die Preise auf Grund steigender Nachfrage an, investieren die Hersteller möglichst schnell in neue Fabriken. Dafür müssen sie Milliardenbeträge auf den Tisch legen. Wenn die neuen Betriebe dann produzieren, übersteigt die aufgestockte Kapazität mit schöner Regelmäßigkeit die Nachfrage. Folge: Die Preise der Produkte fallen ­ meist stärker, als die Hersteller ihre Kosten durch Produktivitätsfortschritte senken können, denn in der Kalkulation drücken nach so kurzer Zeit die hohen Investitionskosten.

Dann werden Fabriken geschlossen und Mitarbeiter entlassen, bis der Markt bereinigt ist ­ und der Zyklus beginnt von vorne. "Für die nächste Zeit wird die Nachfrage aber größer sein als das Angebot", gibt sich Thomas Ross, Fondsmanager bei der Dresdner-Bank-Tochter DIT optimistisch. "Der Bau einer neuen Fabrik dauert immerhin ein bis eineinhalb Jahre."

Von den steigenden Preisen profitieren in erster Linie die großen internationalen Hersteller wie zum Beispiel Thompson, Infineon oder Philips. "Aber auch bei den großen Playern gibt es Unterschiede", weiß Analyst Pitz. "Die Halbleitersparte von Philips zum Beispiel hat auch in den schlimmsten Zeiten Gewinn gemacht." Wer dort einsteigen will, kann nur zur Aktie des Gesamtkonzerns greifen und ist damit nur teilweise am Erfolg des Chipbereichs beteiligt.

Anders bei Siemens. Die Halbleitersparte des Münchner Elektrokonzerns kommt unter dem Namen Infineon an die Börse. Damit bekommen Anleger eine Halbleiteraktie in Reinform, mit der sie unmittelbar auf den Aufschwung in der Branche setzen können.

Doch Größe allein ist bei der Auswahl nicht das einzige Kriterium. Auch auf die Art der produzierten Chips kommt es an. "Bei einem Halbleiterhersteller sollte man auch das Produktportfolio unter die Lupe nehmen", rät Andre Köttner, Fondsmanager bei der Union Investment. "Gut ist es, wenn es viele Chiptypen mit Wachstumsperspektive enthält."

Entdeckte Perlen

Während normale Speicherbausteine (so genannte RAMs) mittlerweile an jeder Ecke zu haben sind, bleiben RISC-Chips, die zum Beispiel in Kleincomputern eingesetzt werden, gefragt.

Einer der führenden Hersteller für diese Chiptypen ist die britische ARM-Holdings (WKN 913 698). "Doch der Wert ist schon entdeckt", gibt Köttner zu bedenken. Mit einem Kursplus von 1.200 Prozent gehörte die Chipschmiede 1999 zu den Top-Performern an der Londoner Börse.

Aufgrund der hohen Nachfrage in der mobilen Kommunikation stehen nach Ansicht von Fachleuten auch die in Handys eingebauten digitalen Signalprozessoren (DSP) vor einem rasanten Wachstum. Auch für den Bereich Microcontroller und die im Automobilbau verwendeten integrierten Schaltungen (so genannte Asics) wird die Nachfrage steigen.

Von den Herstellern mit großer Produktpalette gefällt dem Gros der Analysten die Aktie von STMicroelectronics (WKN 893 438). Nach Meinung von Charles Elliott vom Investmenthaus Goldman Sachs wird STM in der Boomphase ganz vorne mitmischen. Das Unternehmen hat eine erstklassige Kundenstruktur, verfügt über gutes Know-how und ist mit seinen Chips schwerpunktmäßig in allen Wachstumssegmenten vertreten.

Fast schon als Standardwert unter den internationalen Hochtechnologiewerten gilt Intel (WKN 855 681). Für über dreiviertel der Analysten, die den Wert regelmäßig verfolgen, ist die Aktie ein Kauf. Der Bereich der Mikroprozessoren ­ Hauptgebiet von Intel ­ ist seit Jahren ohne zyklischen Einbruch. Im Gegenteil: Neue Software und das Internet verlangen immer mehr Rechenpower.

Allerdings schrumpft der technologische Vorsprung vor der Konkurrenz. Erzfeind AMD macht Intel mit schnelleren Prozessoren die Marktführerschaft streitig.

Auch am Neuen Markt werden Anleger auf der Suche nach Aktien aus der Halbleiterindustrie fündig. Dialog Semiconductor zum Beispiel (WKN 927 200) hat sich auf Chips für Handys und Komfortelektronik im Auto spezialisiert. Die Ingenieure der in Kirchheim/Teck ansässigen Firma übernehmen dabei nur das Design und die Produktverantwortung für die Bauteile. Die Produktion geben sie als Lohnauftrag raus.

Anleger, die in eine andere Stufe des Wertschöpfungsprozesses investieren wollen, können das mit Süss Microtec (WKN 722 670) tun. Das bayerische Unternehmen ist eines der führenden Hersteller von Fertigungsanlagen und Prüfgeräten für die Mikroelektronik. Für die Experten von Dresdner Kleinwort Benson ist die Aktie vor dem Hintergrund der guten Marktstellung und des erwarteten Branchenaufschwungs ein glatter Kauf.

Klein, aber fein

Als aussichtsreicher Kandidat in einem Nebensegment gilt Jumptec (609 060). Das Unternehmen entwickelt und vermarktet miniaturisierte Computerboards mit eingebauter künstlicher Intelligenz. Diese Binary Brains werden überall dort benötigt, wo Menschen mit Maschinen oder Maschinen untereinander kommunizieren ­ beispielsweise in Geldautomaten. "Der Kick liegt in der Miniaturisierung", begeistert sich Roland Pitz von der Hypovereinsbank. "Jumptec schafft es, Produkte anzubieten, die klein und intelligent sind und eine hohe Funktionalität besitzen. Außerdem hat das Management den Emissionserlös sehr gut ausgegeben."

Stellt sich die Frage, ob es besser ist, auf einen großen Namen unter den Halbleiterherstellern oder einen kleinen Spezialisten zu setzen. "Designer-Unternehmen würde ich gegenüber einer reinen Chip-Company bevorzugen", antwortet Andre Köttner prompt. "Aber die meisten sind sehr teuer."

So wie zum Beispiel die Aixtron-Aktie (506 620). Deren Kurs-Gewinn-Verhältnis ist mit weit über 120 jenseits von gut und böse. "Selbst eine kleine Negativnachricht kann dann schnell zu einem starken Kurseinbruch führen", warnt der Fondsmanager. Doch für DG-Bank-Analyst Harald Schnitzer ist die hohe Bewertung kein Problem. "Verbindungshalbleiter stehen erst am Anfang ihrer Entwicklung. Da ist an eine Zyklik im Markt noch gar nicht zu denken", führt er als Gegenargument an. "Außerdem sind die Eintrittsbarrieren in den Markt so hoch, dass ein Konkurrent Jahre braucht, um eine ähnliche Stellung zu erreichen."

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