Interview: Dem Gehirn Pausen gönnen

Migräne Special

Professor Hartmut Göbel leitet die Schmerzklinik Kiel. Der Neurologe und Psychologe rät Migränepatienten, auch selbst aktiv zu werden und viele kleine Elemente im Alltag zu optimieren.

Warum lässt sich die Migräne so schwer zähmen?

Das Gehirn von Migränepatienten reagiert besonders schnell und aktiv. Das ist eine chronische Bereitschaft des Nervensystems, die angeboren ist – wie die Haut- oder Augenfarbe. Und wenn das Leben manchmal aus dem Ruder läuft, alles sehr schnell und plötzlich wird, ist das Nervensystem überlastet und kann die Reize aus der Außenwelt nicht mehr richtig verarbeiten. Viele Faktoren greifen ineinander, die bei der Behandlung beachtet werden müssen.

Muss Migräne immer mit Medikamenten behandelt werden?

Die Migräne muss in erster Linie mit Wissen, mit Verhalten, mit den richtigen Regeln behandelt werden. Die Patienten müssen wissen, in welchen Situationen sie Migräne haben, wie sich die Symptome äußern, wie sie sich von anderen Kopfschmerzen unterscheiden. Sie sollten versuchen, einen regelmäßigen Tagesrhythmus umzusetzen – im Beruf, in der Familie, in der Freizeit. Sie sollten regelmäßig essen und sich kohlenhydratreich ernähren, ausreichend schlafen und feste Entspannungszeiten einplanen. Mal nichts tun ist wichtiger, als immer ganz viel Aktivität an den Tag zu legen. Sie sollten ihrem Gehirn Pausen ermöglichen.

Welchen Effekt hat dieser gleich-mäßige Lebensrhythmus?

Die Verhaltensänderungen machen sicher schon 50 bis 70 Prozent der effektiven Therapie aus. Auf diese Weise können Patienten das Schnelle und Übermäßige stabilisieren und auch den Energieumsatz in den Nervenzellen. Es entsteht eine konstante, regelmäßige und synchrone Arbeitsweise im Nervensystem. Das kann tatsächlich in erster Linie Migräneattacken verhindern. Wenn sie dann trotzdem auftreten, müssen die Patienten schnell versuchen, die Attacke mit Medikamenten gegen Schmerzen und Übelkeit zu stoppen – quasi als Notbremse. Wer an mehr als sieben Tagen im Monat Migräne hat, sollte auch eine medikamentöse Vorbeugung in Erwägung ziehen.

Welcher Arzt ist der richtige Ansprechpartner?

In erster Linie der Hausarzt, der vor Ort ist. Oft lässt sich eine Migräne recht einfach behandeln. Wenn der Hausarzt einen Fachmann braucht, ist der Neurologe der richtige Ansprechpartner. Er hat verschiedene Möglichkeiten, mit speziellen Medikamenten in den Migränemechanismus einzugreifen und bei intensiven Behandlungen Spezialzentren hinzuzuziehen.

Für wen ist eine Behandlung in einer Klinik sinnvoll?

Wenn die Attacken immer häufiger, länger und stärker werden und die ambulante Behandlung nicht mehr ausreicht. Wenn Patienten nicht mehr zur Arbeit, Kinder nicht mehr zur Schule gehen können und das ganze Leben beeinträchtigt ist. Viele Patienten müssen auch erst einmal eine Medikamentenentwöhnung machen, wenn sie zu lange zu viele Schmerzmittel eingenommen haben, die dann am Ende Dauerkopfschmerzen verursachen.

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