Methadon bei Krebs Große Hoff­nungen, wenig Belege

Methadon bei Krebs - Große Hoff­nungen, wenig Belege
Wunder­mittel gegen Krebs? Viele Krebs­patienten sprechen ihre Ärzte neuerdings auf Methadon an. © Your_Photo_Today

Laut Medienbe­richten soll Methadon gegen Krebs helfen, indem es die Wirkung von Chemo­therapien verstärkt. Ausreichend belegt ist das bislang allerdings nicht. Zu diesem Fazit kommen die Arznei­mittel­experten der Stiftung Warentest nach Sichtung der Studien­lage. test.de berichtet über die Hintergründe und sagt, was Krebs­patienten beachten sollten.

Methadon: Strohhalm für viele Krebs­patienten

Bekannt ist Methadon vor allem als Ersatz­droge für Heroinsüchtige, ferner als starkes Schmerzmedikament – und seit Neuerem auch als Wunder­mittel. Demnach verstärkt es womöglich die Wirkung von Chemo­therapien gegen Krebs. Die Idee stützt sich vor allem auf Labor­ergeb­nisse der Chemikerin Claudia Friesen vom Institut für Rechts­medizin am Uniklinikum Ulm, die sie dieses Jahr beispiels­weise in der ARD-Sendung Plusminus vorstellte. Berichte in anderen Medien, im Internet sowie in sozialen Netz­werken griffen das Thema auf. Unzäh­lige Krebs­patienten hoffen nun, dass Methadon ihnen nützt, und bitten Ärzte um entsprechende Rezepte.

Tumor­zellen reagieren offen­bar empfindlicher auf Chemo­therapie

Bei Methadon handelt es sich um ein synthetisches Opioid, also einen Verwandten von Morphin und ähnlichen Substanzen. Opioide kommen häufig in der Tumor­therapie zum Einsatz, wenn Patienten an krebs­bedingten Schmerzen leiden. Im Falle von Methadon zeigte Chemikerin Friesen darüber hinaus bereits 2008 in Labor­versuchen, dass es Leukämie­zellen empfindlicher gegen­über Chemo­therapien zu machen scheint. Später veröffent­lichte sie ähnliche Ergeb­nisse an Hirntumor­zellen sowie an Mäusen. Den Effekt führt die Forscherin darauf zurück, dass Krebs­zellen an ihrer Oberfläche verstärkt Opioid-Rezeptoren bilden. Daran könnte Methadon ando­cken und Prozesse im Zellinnern akti­vieren, die die Effektivität von Chemo­therapien verstärken. Selbst an sich widerstands­fähige Tumor­zellen sterben dann laut Friesen möglicher­weise ab.

Unzu­reichende Daten­lage

Die Erkennt­nisse und Erklärungen mögen viel­versprechend klingen. Den Nutzen für Menschen belegen Zell- und Tier­versuche allerdings lange nicht. Arznei­stoff­moleküle können im menschlichen Organismus ganz anders wirken als in Labortests und in der Folge gar nichts ausrichten oder sogar schaden. Auch die vorhandenen klinischen, also an Menschen erhobenen Daten reichen als Beweis nicht aus. Es handelt sich vor allem um Fall­berichte und einzelne kleine Studien – etwa an der Berliner Charité mit 27 Patienten –, die metho­dische Schwächen bergen.

Bislang fehlt eine Doppelblind­studie

Nötig für den Beweis der Wirk­samkeit, für die Patientensicherheit und für die Zulassung von Methadon zur Krebs­therapie sind große und aussagekräftige Studien. Dabei bekommen Teilnehmer mit vergleich­baren Krebs­erkrankungen und Chemo­therapien nach dem Zufalls­prinzip zusätzlich Methadon – in der Kontroll­gruppe hingegen ein Scheinmedikament. Um die Ergeb­nisse nicht zu beein­flussen, dürfen weder die Patienten noch die behandelnden Ärzte wissen, wer von den Teilnehmern Methadon erhält und wer nicht. Solche hoch­wertigen Unter­suchungen („Doppelblind­studien“) liegen bislang nicht vor. Auch fehlen klinische Daten, wie das Methadon zum Einsatz in der Tumor­therapie am besten dosiert werden sollte.

Deutsche Krebs­hilfe erwägt klinische Studie zu finanzieren

Klinische Studien kosten viel Geld. Im aktuellen Fall bemängeln Kritiker, dass unabhängige Arznei­mittel­forschung in Deutsch­land unzu­reichend gefördert werde und dass die Pharma­industrie an der teuren Erpro­bung des billigen Methadons bei Krebs kein Interesse habe. Freilich dürfte das Mittel die sons­tigen Gewinne von Firmen kaum beschneiden, weil es nach jetzigem Wissens­stand nur zur Ergän­zung und Verstärkung regulärer Krebs­therapien infrage kommt, aber nicht als Ersatz. Immerhin scheint die aktuelle Debatte Dinge ins Rollen zu bringen. Beispiels­weise erklärte die Deutsche Krebs­hilfe, sie prüfe die Finanzierung einer klinischen Studie. Daten dürften aber erst in einigen Jahren vorliegen.

Ärzte warnen: Risiken der Behand­lung bedenken

Verschiedene Ärztegesell­schaften wie die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin und die Deutsche Schmerzgesellschaft warnen, Methadon voreilig bei Krebs­patienten einzusetzen. Das pharmakritische arznei-telegramm teilt diese Einschät­zung, genau wie die unabhängigen Arznei­mittel­experten der Stiftung Warentest nach ihrer aktuellen Sichtung der Studien­lage. Dem unklaren Nutzen stehen Risiken gegen­über. Wie andere Opioide hat Methadon Neben­wirkungen, etwa Verstopfung, Benommenheit und Atemlähmung – letztere kann sogar zum Tod führen. Der Körper baut das Mittel nur sehr lang­sam ab, wobei es von Patient zu Patient große individuelle Unterschiede geben kann. Das heißt, der Arzt kann vor allem zu Anfang der Therapie schwer absehen, welche Dosis angemessen ist, und es kommt leicht zu Über­dosierungen.

Bisherige Therapie nicht einfach abbrechen – Arzt informieren

Wer trotz aller Zweifel einen Behand­lungs­versuch mit Methadon macht, darf seine bisherige Therapie nicht einfach abbrechen. Statt­dessen sollte er das weitere Vorgehen offen mit allen behandelnden Ärzten besprechen. Falls Onkologen das Methadon nicht selber verordnen, müssen sie trotzdem über die Einnahme Bescheid wissen. Sonst bemerken sie bedrohliche Neben­wirkungen oder Wechsel­wirkungen mit verwendeten Krebs­medikamenten möglicher­weise nicht recht­zeitig oder leiten dann nicht die nötigen medizi­nischen Schritte ein. Auch ist es sehr wichtig, dass der verordnende Arzt Erfahrung mit der Dosierung von Methadon hat.

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8 Kommentare Diskutieren Sie mit

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Zauberwald am 28.06.2018 um 18:34 Uhr
Methadon eine Hoffnung für viele

Mein Mann nimmt es auch, Prostatakrebs Gleason 8 mit etlichen Methastasen im Becken, Brustwirbel und im Manubrium sterni. Jetzt nach knapp über einem Jahr eine komplette Remission.
Mich hat es überzeugt und dafür brauch ich keine Studien. Natürlich passt es vielen Pharmafirmen nicht und es wird regelrecht sabotiert auch von gewissen Ärzten die gut von denen bezahlt werden. Namen möchte ich nicht nennen. Menschen die in so einer Situation sind, klammern sich an die die letzte Hoffnung, so auch wir. Das sollte jeder für sich selbst entscheiden.

Petra_B am 25.04.2018 um 09:34 Uhr
..ob Methadon das Tumorwachstum bremst...

wage ich zu bezweifeln, da unlängst im engen Freundeskreis jemand seinen Kampf gegen Krebs verloren hat.

Anton.Bruckner am 28.02.2018 um 10:16 Uhr
israelische Studie bitte vollständig

@JürgenBusch:
Die Studie berichtet auch über eine substantielle Vermehrung von Krebserkrankungen der Lunge, der Leber und des Larynx unter Methadon. Ein Gesamtvorteil für Methadon ist in einer etwas manipulativen Statistik knapp zu retten, wenn man nur die Männer betrachtet. Betrachtet man alle Krebse und Alle Menschen (Männer und Frauen), dann kommt schlicht nichts mehr raus, was berichtenswert wäre.

ck2004 am 14.11.2017 um 14:52 Uhr
Metadon ist ein zugelassenes Schmerzmittel

Die deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin weist ausdrücklich darauf hin, dass Schmerz- und Tumortherapie klar zu trennen sind. Methadon ist bereits seit mehr als 70 Jahren als hochwirksames Schmerzmittel zugelassen - und von der WHO auf die Liste der wichtigsten Medikamente gesetzt worden. Methadon wird in der Schmerztherapie bei Krebskranken aber nur in seltenen Ausnahmefällen verschrieben - obwohl das Medikament deutliche Vorteile gegenüber den standardmäßig eingesetzten Morphinen hat. Die Risiken von Methadon sind beherrschbar (siehe Substitutionsprogramme) und vergleichbar, denn alle Opiate und Opioide haben vergleichbare Nebenwirkungen. Leider setzen sich nur wenige Ärzte mit Methadon auseinander. Auf Methadon sprechen viele Patienten in der Schmerztherapie sehr gut an. Es besteht deshalb kein Grund, warum dem Patienten Methadon verwehrt werden sollte, wenn er diese Medikament wünscht – eventuelle positive Zusatzeffekte werden vom Patienten sicherlich gerne in Kauf genommen.

Profilbild Stiftung_Warentest am 14.11.2017 um 11:31 Uhr
Krebstherapie - Studienlage zu Methadon

@JuergenBusch: Die aufgeführten Studien sind unseren Arzneimittelexperten bekannt und konnten in unserer Meldung nicht alle im Einzelnen dargestellt werden.
Manche der aufgezählten Untersuchungen bergen wie berichtet methodische Schwächen. Andere betrachten gar nicht die Fragestellung, ob Methadon das Tumorwachstum bremst, sondern vielmehr dessen Wirksamkeit und Verträglichkeit für die Schmerztherapie bei Krebspatienten. Zudem werden Teilnehmer von klinischen Studien bei der Umstellung ihrer Medikamente besonders engmaschig von Ärzten überwacht, was für die Patientensicherheit wichtig ist.
Insofern stehen die aufgezählten Studien nicht im Widerspruch zu unserer Meldung. (Sa/PF)