Medikamentenkauf im Internet Meldung

Arzneien online zu bestellen, lohnt sich nicht und ist gefährlich. Der Kauf von Medikamenten im Internet gerät zum Nepp, der Service zur Lotterie. Wichtige Informationen fehlen, Risiken sind gewiss. Auf dem Spiel steht die Gesundheit.

Ein Computer, ein Onlineanschluss und vielleicht eine Medikamentenliste: Über eine Suchmaschine wird der Begriff "Antibabypille" oder "Antirauchermittel" eingegeben. Oft genügt bereits ein Markenname: Klick ­ und schon steht er sperrangelweit offen, der weltweite Pharmamarkt für Tabletten, Dragees, Tinkturen und Salben. In der Versenkung verschwinden dagegen Abertausende Regelungen und Bestimmungen, die Politiker, Mediziner und Pharmaexperten in den letzten Jahrzehnten ersonnen haben, um den Verbraucher und Patienten vor Schaden zu bewahren.

Denn im Internet landet er nach wenigen Sekunden zielgenau auf vielfrequentierten Seiten von internationalen Arzneimittelversendern. Sie ermöglichen einen Einkauf ohne Grenzen. In den USA, in Australien, Neuseeland und der Schweiz kann jeder ­ ohne seinen Arzt oder Apotheker zu fragen ­ mit und ohne Rezept, ganz einfach "weiche" wie "harte" Medikamente ordern. Der Besteller bewegt sich in einer Grauzone der Illegalität, doch der geschäftliche Umgangston ist lässig-locker. Ein Rat an Kunden "der Pille" zur Jahreswende: "No Sex on New Years Eve, the Planet is Crowded" ("Kein Sex am Silvesterabend, der Planet ist übervölkert").

Überhaupt nicht witzig sind allerdings die Begleitumstände unseres weltweiten Medikamenteneinkaufs in den USA, Neuseeland, der Schweiz und Australien. Zum Beispiel schwankt der Pillenpreis gewaltig: So kostete bei der Stichprobe der Stiftung Warentest eine Packung Microgynon 50 mit 28 "Pillen" für vier Monate im Januar noch 29,95 US-Dollar, im März schon 49,95 Dollar. Ein Ärgernis war auch die Packung. Sie erreichte uns als kartonierter flacher Umschlag mit dem verschleiernden Hinweis "Family Planning": kein offizieller Beipackzettel, keinerlei Informationen. Beigelegt war lediglich ein Werbeblatt für den Beitritt zu einem Umweltschutzverein zur Rettung der Wälder. Kosten plus Versand insgesamt, abgebucht vom Kreditkartenkonto: 106,12 Mark. Hierzulande hätte Microgynon 21 für vier Monate (28er Pillenpackungen sind nicht am deutschen Markt) etwa 37 Mark gekostet.

Bei dem für jüngere Frauen problematischen Mittel Retin-A gegen Akne, das in Deutschland etwa 12,80 Mark kostet, fielen Gesamtkosten von 214 Mark (!) an ­ fast das 17fache des deutschen Apothekenpreises.

Was viele Cyberkunden nicht wissen: Die von internationalen Medikamentenversendern meist berechneten Beratungs- und Versandgebühren sind enorm und machen die Pharmaware aus aller Herren Ländern oft konkurrenzlos teuer. Die kostspieligste Onlineberatung, eine Art Sprechstunden- und Rezeptgebühr der Versender, betrug in den USA bei Xenical 65 Dollar, die Versandkosten lagen häufig bei weiteren 50 Dollar. Onlinerezepte, die bei der Abfrage leicht zu manipulieren sind, sind ohnehin eine Farce.

Wir haben ausschließlich Mittel im Internet außerhalb der Europäischen Union bestellt, die verschreibungspflichtig oder in Deutschland nicht auf dem Markt sind. In der Regel "Lifestyle-Drogen" wie Viagra und Yohimbinhaltige Mittel zur Sexstimulation, Propecia gegen Haarausfall, Reductil und Xenical zum Abnehmen.

Viele Sendungen kamen nicht an

Medikamentenkauf im Internet Meldung

Als Alternative zu "Cyberkramläden" kommen in der EU seriöse Versandapotheken infrage ­- der Gesetzgeber müsste das nur noch legalisieren.

Alle Firmen bestätigten nach der Bestellung per E-Mail Preis und Lieferdauer. Sieben Bestellungen sind aber nicht eingetroffen und wurden auch nicht abgerechnet.

Vom Zoll festgehalten wurden zwei Lieferungen des rezeptpflichtigen Schlankheitsmittels Xenical aus Neuseeland. Einmal wies ein Beamter darauf hin, dass Arzneimittel nicht eingeführt werden dürfen, normalerweise müsse die Sendung beschlagnahmt werden. Dennoch wurde sie ausgehändigt. Im zweiten Fall beim gleichen Zollamt wurde die Sendung durch einen anderen Mitarbeiter beschlagnahmt und dem zuständigen Gesundheitsamt zugestellt.

Zehn Produkte, davon acht rezeptpflichtige und zwei bei uns nicht angebotene, wurden ohne Probleme an die Bestelladresse ausgeliefert. In einer Sendung fehlte die Ware.

Insgesamt kamen damit elf Sendungen an, das ist die Hälfte aller bestellten, bezahlt wurden zwölf, auch das vom Zoll beschlagnahmte. Bei drei Präparaten teilten die Versender nach der Bestellung mit, dass nicht in Länder der Europäischen Union geliefert würde.

Für den Zoll umgepackt

Zum unsicheren Bild des weltweiten Medikamenteneinkaufs passt die meist mangelhafte Qualität der "Online-Sprechstunden" (mit Fragebögen). Bei einigen Anbietern entscheiden sie letztlich darüber, ob virtuell ein Rezept erteilt wird. Um die Bestellung nicht zu gefährden, wird sicher auch geschwindelt. Aber auch wenn Fragen so beantwortet wurden, dass die Auslieferung des Arzneimittels nicht infrage kommen dürfte, ist das Mittel dennoch verschickt worden ­ so Viagra bei Herzkrankheit, was die Einnahme zum lebengefährlichen Risiko werden lässt.

Sieben Produkte erreichten die Besteller in Originalverpackung mit englischsprachigem Aufdruck, bei vieren waren die Tabletten-Blister in Plastiktütchen umgepackt worden. Dadurch konnten sie in einem flachen, kartonierten Umschlag verschickt werden, der beim Zoll wohl eher "durchrutscht". Dies ist ein beliebter Trick, die Kontrollen zu unterlaufen.

Bei einem Vortest vor anderthalb Jahren waren bereits Medikamentensendungen an test-Mitarbeiter aus den USA beim Zoll hängen geblieben. In einem Fall wurden die zum Absender zurückgesandten Medikamente (unter anderem Melatonin sowie ein Mittel gegen Gastritis und ein Schlafmittel) vom US-Versender neu ­ flach und rappelfest ­ verpackt und dem Besteller, harmlos deklariert, erneut zugeschickt. Sie passierten dann beim zweiten Versuch den Zoll unbemerkt.

Beipackzettel selbst getippt

Gefährliche Lücken zeigte bei den Bestellungen in vielen Fällen die Patienteninformation. Nur bei einem Versender war ein deutschsprachiger Originalbeipackzettel beigelegt. Bei sieben Produkten wurden unvollständige Hinweise zur Anwendung und zu den Risiken der Arzneimittel mitgeliefert, oft auf selbst getippten Blättern: In zwei Fällen Hinweise mit unverständlichen und gefährlichen Verkürzungen von Wechselwirkungen bei Einnahme von Viagra (Lebensgefahr bei gleichzeitiger Einnahme von nitrathaltigen Herzmitteln), bei anderen fehlten die zwingend notwendig differenzierten Angaben zu bestimmten nitrathaltigen Mitteln völlig. Dies sind zum Beispiel konkrete Hinweise auf Nitroglyzerin-, Isosorbiddinitrat-, Isosorbidmono-nitrat- und Molsidomin-haltige Arzneimittel. Da einige dieser Medikamente in den USA nicht angeboten werden, der amerikanische Beipackzettel aber Basis der Patienteninformation ist, kauft der Kunde in Übersee gleich ein gefährliches Informationsdefizit mit ein. Wenig hilfreich ist der allgemeine Hinweis: "Die Einnahme aller Präparate erfolgt auf eigenes Risiko. Informieren Sie sich deshalb bei Ihrem Arzt über die möglichen Risiken und Nebenwirkungen der angebotenen Originalprodukte aus den USA."

Mode- und Lifestyle-Drogen

Trotz vielfältiger Warnungen boomt der elektronische weltweite Einkauf von Arznei. Er ist aus verschiedenen Gründen verlockend. Der wesentlichste: Die Rezeptpflicht kann umgangen werden. In Eigenregie ist auszuprobieren, was der Arzt dem Patienten oder dem Gesunden nicht gewähren mag. Oder: Der Patient will sich dem Arzt nicht anvertrauen (Viagra).

Es geht bei den Bestellungen in der Regel um besseren Sex, Leistungssteigerung, "Jungbrunnenpräparate", Abspeckpillen, um Mode- oder Lifestyle-Drogen, "Smart-Drugs", auch solche zur Suchtentwöhnung. Das Internet eröffnet die Möglichkeit, an Medikamente heranzukommen, die hierzulande nicht oder noch nicht zugelassen sind, sich aber zum Beispiel in den USA am Markt befinden. Die Kunden erhoffen sich außerdem Preisvorteile. Meist wird die Erwartung von Sparpreisen jedoch bitter enttäuscht. Kosten für den Versand sind zum Teil extrem hoch, vor allem, wenn die Sendung schnell zugestellt werden soll.

Im weltweiten Versandangebot stehen ebenfalls Medikamente zur Verfügung, die hochwirksam, aber in Deutschland verboten sind, zum Beispiel zum Aufputschen, Schmerzdämpfen oder zum Muskelaufbau. Per Internet ist es einfach, die strengen Bestimmungen des Arzneimittelgesetzes, das der Sicherheit der Patienten dienen soll, zu umgehen. Seit Verbraucher zunehmend im weltweiten Netz Pillen ordern, reißen die Warnungen der Apothekerschaft, der Behörden und Institutionen vor Arzneimittelmissbrauch und den grenzenlosen Risiken nicht mehr ab.

Unrein und gefährlich

"Das Netz wird derzeit zum wichtigsten Markt für Fälscher", warnt der Chef der Vereinigung zur Bekämpfung von Produktpiraterie, Volker Spitz. Fälschungen wurden bekannt bei Antibabypillen, Röntgenkontrastmitteln und Antibiotika. Gefährliche illegale Mittel werden ebenso angeboten wie verschreibungspflichtige Stoffe und unreine Substanzen. Einige Lieferanten beschreiben offen das Problem, bei bestimmten Wirkstoffen an qualitativ hochwertige Ware heranzukommen. Patienten erhalten in der Regel keine Hinweise auf Nebenwirkungen, Wechselwirkungen oder zu Gegenanzeigen.

Bei Bestellungen in den USA kam es vor, dass dem Besteller plötzlich die Kreditkarte gesperrt wurde: Die Lieferadresse stimmte nicht mit der Wohnungsadresse des Kreditkarteninhabers überein. Bei manchem Pillenhändler muss der Kunde ein monatliches Infoabonnement eingehen (8,95 Dollar), andere verlangen 25 Dollar für eine Bestellliste.

Geschäftsbedingungen unklar

Nur selten finden sich hier klare Beschreibungen wie: "Für eine Beschlagnahmung ... sind wir nicht haftbar zu machen. Eine Rückerstattung des gezahlten Betrages ist nicht möglich. Es fällt eine Kreditkartengebühr in Höhe von 3% an. Gerichtsstand München, Deutschland." Nur eine einzige Firma, die uns im Internet begegnet ist, gab überhaupt einen Gerichtsstand an.

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