Medikamente gegen Erkältung Test

Wenig geeignet. Grip­postad C enthält mehrere Wirk­stoffe, die sich nicht sinn­voll ergänzen.

Bekannte rezept­freie Medikamente wie Grip­postad C, Wick MediNait oder Aspirin Complex können den Körper unnötig belasten. Mittel, die wirken und schonen, sind oft sogar preisgüns­tiger.

Wie leuchtende Farbtupfer sind die Bestseller im Apotheken­regal arrangiert: Erkältungs­sirup von Wick, Aspirin Complex, Grip­postad C und viele weitere bunte Verpackungen, die Gesundheit, Fitness oder Schönheit versprechen. Davor steht ein großer Grau­haariger im weißen Kittel und sieht mich erwartungs­voll an. „Ich fühle mich schlapp“, fange ich an. Da werde ich schon unterbrochen. „Ah, die Grippe“, meint der Apotheker zu wissen, „da empfehle ich Grip­postad C.“ Bevor ich auch nur ein Symptom genannt habe, zieht er das Päck­chen mit dem gelben C über den Scanner: „9,96 Euro.“ So schnell geht das.

Was er eigentlich wissen sollte: Grip­postad C wird nicht gegen Grippe – also Influenza –, sondern gegen Erkältungs­krankheiten und grippale Infekte einge­setzt. Und selbst dafür ist es nur wenig geeignet. Gleiches gilt für etliche weitere frei­verkäufliche Bestseller, zum Beispiel Wick MediNait, Aspirin Complex oder Doregrippin.

Die Stiftung Warentest über­prüft regel­mäßig Medikamente, die laut Markt­analysen besonders häufig über die Laden­theke gehen, darunter rund 2 000 rezept­freie. Etwa 600 schneiden schlecht ab. Auch acht der meist­verkauften Kombinations­produkte gegen Erkältungs­krankheiten stufen unsere Arznei­mittel­experten als wenig geeignet ein. Für alle gibt es Alternativen, die helfen und verträglich sind.

Kombimittel belasten den Körper

Grip­postad C ist mit gut 30 Prozent Markt­anteil im Jahr 2012 das meist­verkaufte Kombinations­mittel unter den nicht verschreibungs­pflichtigen Erkältungs­präparaten zum Einnehmen. Solche Medikamente versprechen, zeitgleich verschiedene Symptome zu bekämpfen, und enthalten daher mehrere Wirk­stoffe. Die aber ergänzen sich oft nicht sinn­voll oder belasten den Körper unnötig.

Grip­postad C zum Beispiel soll gegen Fieber, Schmerzen und bei verstopfter Nase helfen. Es enthält Chlorphenamin, Parazetamol, Koffein und Vitamin C. Der Wirk­stoff Chlorphenamin soll die Schleimhäute abschwellen und die Atemwege befreien.

Das Problem: Die Patienten wenden den Wirk­stoff nicht lokal an. Sie schlu­cken ihn als Kapsel, so verteilt er sich im ganzen Körper und macht müde. Koffein soll diesen Effekt ausgleichen. Ob das gelingt, ist nicht belegt. Besser ist es, ein konservierungs­mittel­freies Nasen­spray zu nutzen, zum Beispiel Hysan Schnupfen­spray für 2,96 Euro (weitere Alternativen). Es wirkt lokal und belastet nicht den gesamten Körper.

Teuer und zum Teil über­flüssig

Zudem kann der Patient das Spray absetzen, sobald die Nase frei ist. Kombinations­produkte hingegen werden meist so lange genommen, bis sämtliche Symptome nach­lassen – auch wenn manche Wirk­stoffe dann bereits über­flüssig sind. Dass beispiels­weise die zusätzliche Dosis Vitamin C, mit der auf der Packung geworben wird, die Dauer der Erkältungen verkürzt, ist nicht belegt. Teuer ist ein Kombimittel wie Grip­postad C außerdem. Das darin ebenfalls enthaltene Parazetamol gegen Fieber und Schmerzen ist separat schon ab 94 Cent zu haben.

Symptome interes­sierten am Rande

Knapp 4 Euro für Schmerz­mittel und Nasen­spray, statt fast 10 Euro für ein Kombipro­dukt, das müde macht: für mich die bessere Wahl. Nicht hingegen für die von mir konsultierten Pharmazeuten. Ich besuche für die Recherche fünf Apotheken. Über­all legt man mir das Mittel mit dem großen C ans Herz. Immerhin: In zwei Geschäften fragen die Mitarbeiter nach meinen Beschwerden. Obwohl ich über Husten klage, bleibt die Empfehlung gleich – dabei enthält Grip­postad C gar keinen Wirk­stoff gegen dieses Symptom. Meine Erleb­nisse sind keineswegs repräsentativ, doch sie hinterlassen einen faden Beigeschmack. Warum rät mir niemand zu weniger belastenden Einzel­produkten?

Umsatz oft wichtiger als Beratung

„Dafür gibt es mehrere Gründe“, erklärt Prof. Gerd Glaeske, Arznei­mittel­experte an der Universität Bremen, der auch die Stiftung Warentest berät. „Bei Medikamenten, die über die Werbung besonders bekannt sind, bekommen Apotheken oft güns­tige Einkaufs­konditionen. Sie bestellen schon im Sommer Erkältungs­produkte, erhalten Rechnungs­rabatte zwischen 15 und 20 Prozent und sparen dadurch viel Geld.“ Entsprechend groß sei die Gewinn­spanne beim Verkauf teurer Kombipro­dukte wie AspirinCom­plex, Wick MediNait und Wick DayMedsowie auch Doregrippin, Esberitox oder eben Grip­postad C.

Bekanntes vor Nützlichem

Wenn ein Kunde ein Medikament aus der Werbung kenne und gezielt danach frage, werde ihm nur selten davon abge­raten, so Glaeske: „Der Patient hätte dann zwar hilf­reiche Hinweise bekommen, aber der Apotheker keinen Umsatz gemacht.“

Bevor es über­haupt zu einem Verkaufs­gespräch kommt, sollte ein Apotheker immer erfragen, unter welchen Beschwerden der Kunde leidet. Nur so ist sicher­gestellt, dass der Patient die optimale Versorgung erhält. Bei einer Grippe, auch Influenza genannt, wäre der einzig richtige Rat: Umge­hend einen Arzt aufsuchen. Nur das rezept­pflichtige Tamiflu ist bislang als Grippe­mittel zugelassen – auch wenn selbst bei diesem Medikament nicht belegt ist, dass es schwere Komplikationen verhindert oder die Anste­ckungs­rate senkt.

Auf die allgemeingültigen Haus­mittel­hinweise – ausreichend trinken, kühle Wadenwi­ckel machen, viel ruhen – warte ich bei meinen fünf Besuchen vergeblich. Im Gegen­teil. Als ich erwähne, weiter arbeiten zu wollen, stellen mir drei der fünf Apotheker ein weiteres bekanntes Mittel auf den Tresen: Wick MediNait Erkältungs­sirup für die Nacht. Das Versprechen: Nachts könne ich ohne Beschwerden schlafen, am Morgen sei ich fit, mein Immun­system bekämpfe die Krankheit im Hintergrund. Hält das Mittel, was der Verkäufer verspricht?

Alkohol verstärkt Wirkung

Medikamente gegen Erkältung Test

Hoher Alkohol­gehalt. Wick MediNait belastet den Körper unnötig.

Wick MediNait enthält die Wirk­stoffe Ephedrin und Doxylamin. Beide sollen die Schleimhäute abschwellen. Ephedrin kann jedoch starke Neben­wirkungen wie Herz­rasen und Blut­hoch­druck auslösen. Doxylamin ist ein Anti­histaminikum, das gegen Allergien und als Schlaf­mittel einge­setzt wird und zur Nacht entsprechend müde macht. Mit einem Anteil von 18 Prozent enthält der Erkältungs­sirup für die Nacht zudem jede Menge Alkohol. Der verstärkt die teils negative Wirkung der anderen Inhalts­stoffe noch. Im Endeffekt unterdrückt der Wick-Sirup die Symptome lediglich. Dass der Körper im Hintergrund die Gesundung über­nimmt, ist nicht garan­tiert.

Vorbereitung statt Nach­sicht

Ich lehne dankend ab. Es mag Apotheker geben, die gute Hinweise geben und sinn­volle Präparate verkaufen. Bei meinen Erleb­nissen aber schien der Profit im Vordergrund zu stehen. Mein Fazit: Bei der nächsten Erkältung werde ich mich vor dem Gang zur Apotheke informieren und gezielt verträgliche Einzel­produkte verlangen – auch wenn die nicht so schön bunt sind.

Im nächsten Heft, 01/2014, finden Sie geeignete und problematische Medikamente bei Magen-Darm-Beschwerden.

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