Seit der Gesundheitsreform müssen Patienten mehr für Arzneimittel zahlen. Sparen können sie mit Nachahmerpräparaten und beim Kauf in der Versandapotheke.

Die Nase läuft, die Augen tränen. Fliegen die Pollen, haben Heuschnupfenpatienten eine schwere Zeit. Vor der ­Gesundheitsreform haben Ärzte zur ­Linderung zum Beispiel die Präparate ­Livocab, Lisino oder Zyrtec verschrieben – und die Krankenkasse hat sie bezahlt.

Seit dem 1. Januar 2004 ist das anders. Der Patient zahlt selbst für Präparate, die nicht verschreibungspflichtig sind: zum Beispiel 26,61 Euro für eine Kombi­packung Livocab mit Augentropfen und Nasenspray oder 4,98 Euro für eine Schachtel mit sieben Tabletten Zyrtec P.

Bis auf wenige Ausnahmen übernimmt die gesetzliche Krankenversicherung nicht mehr die Kosten für Arzneimittel, die ­rezeptfrei erhältlich sind. Betroffen sind davon neben Allergikern etwa auch Menschen, die bestimmte Prostatamittel, pflanzliche Präparate gegen Blasenentzündung oder milde Herzmittel benötigen.

Und auch für verschreibungspflichtige Arzneimittel gelten seit 2004 neue Regeln. Patienten müssen mehr zuzahlen.

Was zulasten der Versicherten geht, ­sparen die Kassen. Sie konnten im vergangenen Jahr ihre Ausgaben für Arzneimittel um 2,4 Milliarden Euro auf 20,4 Milliarden Euro senken.

Wenige Sparmöglichkeiten

Den Versicherten bleibt nichts anderes ­übrig, als das Beste daraus zu machen. Ein Blick ins Internet lohnt sich: Gerade ­rezeptfreie Medikamente können bei ­Onlineanbietern deutlich günstiger sein als in der Apotheke um die Ecke, wie eine Untersuchung der Zeitschrift test ergab.

Deutlich wird das auch bei den Heuschnupfen-Präparaten. Zyrtec P ist im Internet schon ab 3,20 Euro zu haben, die Livocab-Kombipackung ab 20,04 Euro.

Sparen kann außerdem, wer nicht auf Originalpräparate fixiert ist. Nachahmerprodukte mit den gleichen Inhaltsstoffen, die so genannten Generika, sind meist deutlich günstiger als das Original.

Eine Schachtel Cetrizin 10 1A Pharma Filmtabletten, ein Nachahmerpräparat zu dem Heuschnupfenmedikament Zyrtec P. kostet zum Beispiel in der Apotheke nur 2,52 ­Euro statt 4,98 Euro.

Entscheidend ist die Arzneigruppe

Die Art des Arzneimittels entscheidet ­darüber, ob der Patient selbst zahlen muss oder ob die Kasse den größten Teil trägt.

  • Frei verkäufliche Arzneimittel gibt es in Drogerien oder Reformhäusern. Die Kosten werden nicht von der gesetzlichen Krankenversicherung übernommen.
  • Rezeptfreie Arzneimittel kann der Kunde in der Apotheke bekommen, ohne vorher einen Arzt aufzusuchen. Sie tragen auch den Namen OTC-Präparate („over the counter“: Englisch für „über den ­Ladentisch“). Für Kinder bis 12 Jahre zahlen die Kassen diese Mittel. Gleiches gilt bei Jugendlichen bis zum 18. Lebensjahr, die an Entwicklungsstörungen leiden. Erwachsene müssen fast immer selbst zahlen.
  • Rezeptpflichtige Arzneimittel darf der Apotheker nur gegen ein ärztliches Rezept abgeben. Die Kasse zahlt meist, doch der Patient muss einen Teil zuzahlen.

Ausnahme bei rezeptfreien Mitteln

Manchmal übernimmt die Kasse jedoch ein rezeptfreies Präparat für Erwachsene. Sie zahlt, wenn es zur Behandlung einer schwer wiegenden Erkrankung eingesetzt wird und dafür einen medizinisch anerkannten therapeutischen Nutzen hat.

Beispielsweise trägt die Kasse die Kosten für Präparate wie Aspirin mit dem Wirkstoff Azetylsalizylsäure, wenn damit ein Herzinfarkt nachbehandelt wird. Der ­Patient muss dann nur 10 Prozent des ­Arzneimittelpreises selbst tragen.

Der Gemeinsame Bundesausschuss, dem Vertreter der Ärzte, Krankenkassen und Patienten angehören, hat in einer Positivliste für verschiedene Krankheitsbilder festgelegt, welche rezeptfreien Arzneimittel Ärzte Erwachsenen zulasten der ­Krankenkassen verordnen dürfen. Auf diese Liste können auch homöopathische und anthroposophische Arzneien gelangen – aber eben nur, wenn sie bei bestimmten Krankheitsbildern als Therapiestandard gelten.

Patient zahlt bei Rezepten zu

Wenn die Kasse ein Medikament übernimmt, muss der Versicherte jetzt immer 10 Prozent des Preises zuzahlen. Die ­Zuzahlung beträgt mindestens 5 Euro, maximal 10 Euro. Kinder und Jugendliche ­unter 18 Jahren sind davon befreit.

Die Höhe der Zuzahlung hängt also vom Medikamentenpreis ab. Deshalb besitzt die seit der Gesundheitsreform ­geltende „Aut-idem-Regelung“ (lateinisch: „oder das Gleiche“) besondere Bedeutung: Der Arzt kann auf dem Rezept statt eines Medikaments den Wirkstoff verordnen. Der Apotheker muss dann ein Präparat aus dem unteren Preisdrittel der Medikamentengruppe verkaufen. Verordnet der Arzt ein bestimmtes Präparat, kann er angeben, ob der Apotheker dieses durch ein günstigeres Mittel ersetzen darf oder nicht.

Für verschreibungspflichtige Arzneien, die meist bei leichteren Erkrankungen wie Erkältung oder grippalen Infekten verordnet werden, zahlt die Kasse nicht. Gleiches gilt für Abführmittel, Arzneimittel gegen Reisekrankheit sowie Mund- und Rachentherapeutika, ausgenommen bei Pilzinfektionen. Auch die rezeptpflichtige Antibabypille sowie potenzfördernde Mittel wie Viagra übernimmt die Kasse nicht.

Festbeträge beeinflussen den Markt

Um die Ausgaben der Kassen noch besser zu kontrollieren, gibt der Gemeinsame Bundesausschuss Festbeträge für verschreibungspflichtige Medikamente vor.

Der Ausschuss fasst Arzneimittel in Gruppen zusammen, die hinsichtlich ihrer Wirkstoffe oder Wirkungen identisch oder vergleichbar sind. Anschließend legt er fest, bis zu welchem Betrag die Krankenkassen die Kosten erstatten. Solche Preisobergrenzen liegen bisher für 60 Prozent der Arzneimittel vor. Festbeträge sind unter anderem für Arzneimittel gegen Migräne und Magenbeschwerden vorgegeben.

Bei einem Präparat, dessen Preis über dem Festbetrag liegt, muss der Versicherte nicht nur die Zuzahlung von 10 Prozent leisten, sondern auch die Differenz zwischen Festbetrag und tatsächlichem Preis. Der Arzt muss ihn vorher über diese Eigenbeteiligung informieren. Außerdem soll er ein Ersatzpräparat mit niedrigerem Preis benennen. Viele Pharmaunternehmen haben auf die Festbeträge reagiert und die Preise ihrer meisten Produkte angepasst.

Richtgrößen für die Ärzte

Wenn Ärzte rezeptpflichtige Medikamente verordnen, müssen sie sich an Zielvorgaben orientieren, die die kassenärztliche Vereinigung und die Krankenkassen festlegen. In Berlin darf zum Beispiel ein ­hausärztlicher Internist pro Quartal und Patient Arzneimittel im Wert von 56,49 Euro verordnen, für Rentner darf er bis zu 111,04 Euro gehen.

Wichtig für den Patienten: Bei diesen Beträgen handelt es sich um Durchschnittswerte und nicht um individuelle Obergrenzen. Kein Arzt darf aufgrund ­eines „beschränkten Budgets“ dem Patienten medizinisch notwendige Arzneimittel verweigern – auch nicht, wenn es sich um sehr teure Medikamente handelt.

Die Zielvorgaben sind nicht starr, sondern die Ärzte haben einen Spielraum nach oben. Sie können auch Praxisbesonderheiten wie eine hohe Anzahl an Diabetikern geltend machen, um die Richtgrößen überschreiten zu dürfen.

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