Medikament gegen Brustkrebs-Rückfälle Meldung

Rund ein Drittel der neu erkrankten Brustkrebspatientinnen haben gute Chancen auf Kostenübernahme für eine zusätzliche Antikörpertherapie. Nach einer Serie von Sozialgerichtsentscheidungen haben zunächst Barmer Ersatzkasse und DAK erklärt: Sie übernehmen zur Vorsorge vor Rückfällen bei bestimmten Brustkrebserkrankungen die Kosten für die rund 40 000 Euro teure Behandlung mit dem Medikament Herceptin. Bei anderen Kassen versicherte Patientinnen mit einer solchen Erkrankung können sich auf die Gerichtsentscheidungen berufen und haben dann ebenfalls gute Aussichten auf Zahlung des Medikaments. Zugelassen ist Herceptin bislang nur für die Behandlung von metastasierenden Brustkrebserkrankungen. Jetzt soll es auch zur ergänzenden Behandlung bei Brustkrebspatientinnen eingesetzt werden, die zunächst operiert wurden oder eine Chemotherapie erhalten haben.

Kosten von bis zu 500 Millionen Euro

Die Herstellerfirmen Roche (Schweiz), Genentech (USA) und Chugai (Japan) verweisen auf die bisherigen Ergebnisse von weltweit vier von den Firmen selbst finanzierten Studien mit fast 12 000 Patientinnen. Danach überlebte ungefähr die Hälfte der bereits im frühen Krankheitsstadium zusätzlich mit Herceptin behandelten Patientinnen länger als bei herkömmlicher Therapie. Ob das Medikament auch für eine solche vorsorgliche Behandlung zugelassen wird, prüfen derzeit die zuständigen Gremien. Es geht um viel Geld: Die Herceptin-Therapie kostet rund 40 000 Euro pro Patientin. Bei rund 10 000 bis 15 000 der insgesamt gut 45 000 Brustkrebserkrankungen pro Jahr ist die Behandlung möglich. Wen sich die Therapie durchsetzt, führt sie für die Krankenkassen insgesamt zu Ausgaben von knapp einer halben Milliarde Euro pro Jahr.

Medikament soll Krebszellen blockieren

Konzipiert ist Herceptin für die Behandlung von Brustkrebserkrankungen, bei denen die Oberfläche der Krebszellen erhöhte Mengen des Proteins HER2 aufweisen. Die Bildung der Eiweißmoleküle wird von einem Gen ausgelöst, dem die Wissenschaftler krebserzeugendes Potenzial nachsagen. Der Herceptin-Wirkstoff Trastuzumab ist ein so genannter Antikörper gegen das Protein. Die Wirkstoffmoleküle blockieren die HER2-Proteine der Krebszellenoberfläche. Die kranke Zelle kann sich nicht weiter entwickeln und stirbt ab. Laut Statistik erkranken pro Jahr mehr als 45 000 Frauen in Deutschland an Brustkrebs; 20 bis 30 Prozent davon an einer Erkrankungen mit der so genannten HER2-Überexpression, bei der die Herceptin-Therapie möglich ist.

Keine Klarheit über Risiken

Unter Medizinern gehen die Meinungen über die ergänzende Antikörpertherapie schon im frühen Krankheitsstadium auseinander. Dr. Hans-Joachim Koubenec, Gynakologe und Projektleiter bei der Stiftung Warentest, plädiert dafür, erst genauere Untersuchungsergebnisse über Risiken und Nebenwirkungen abzuwarten. Herceptin wirkt nicht nur auf Krebszellen, sondern kann auch die Funktion gesunder Zellen beeinträchtigen. So ist das Protein HER2 ausgerechnet auch in Herzmuskelzellen zu finden. Hersteller Roche verweist auf die bisherigen Studien. Danach sei im Rahmen der größten europäischen Studie zu Herceptin die Häufigkeit von Fällen mit dekompensierter Herzinsuffizienz sehr gering gewesen. Unter den Herceptin-Patientinnen habe sie bei 0,5 Prozent gelegen. In der Vergleichsgruppe allerdings trat die Komplikation gar nicht auf.

Ärzte noch uneins

Andere Mediziner, darunter vor allem die im Auftrag der Herstellerfirmen mit der Erforschung des Medikaments befassten Ärzte, sehen schon jetzt mehr Chancen als Risiken. Auch die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie, die Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Onkologie der Deutschen Krebsgesellschaft und das amerikanische National Cancer Institute empfehlen schon aufgrund der bislang vorliegenden Untersuchungsergebnisse, alle Brustkrebspatientinnen mit HER2-Überexpression zusätzlich mit Herceptin zu behandeln.

Gerichte ordneten Kostenübernahme an

Die Krankenkassen hatten sich zunächst geweigert, die Kosten für die ergänzende Behandlung mit Herceptin zu übernehmen. Der gemeinsame Bundesausschuss der Krankenkassen und Ärzte hat diesen frühen Einsatz des Medikaments noch nicht zugelassen. Auch der medizinische Dienst der Krankenkassen hatte wegen möglicher Risiken Bedenken angemeldet. Einige betroffene Frauen zogen daraufhin mit Unterstützung ihrer Ärzte vor Gericht und setzten sich durch. Obwohl Herceptin für diese vorsorgliche Behandlung noch nicht zugelassen ist, gaben die Sozialgerichte Frankfurt, Heilbronn und Bayreuth sowie das Hessische Landessozialgericht der jeweiligen Krankenkasse per einstweiliger Anordnung auf, die Kosten zu übernehmen. Insbesondere bei lebensbedrohlichen Erkrankung müssten Krankenkassen auch eine nicht zugelassene Therapie finanzieren, wenn es aus ärztlicher Sicht keine ebenso erfolgversprechende Alternative gebe, argumentierte etwa das Sozialgericht Frankfurt. Bereits im Dezember hatte das Bundesverfassungsgericht ähnlich entschieden. Selbst Behandlungsmethoden, deren Wirksamkeit wissenschaftlich nicht belegt sind, müssen die Krankenkassen finanzieren, wenn es keine Alternative gibt und die Therapie aus ärztlicher Sicht Aussicht auf Besserung verspricht.

Sozialgericht Frankfurt, Beschluss vom 22. Dezember 2005
Aktenzeichen: S 21 KR 837/05 ER
Hessisches Landessozialgericht, Beschluss vom 27. Oktober 2005
Aktenzeichen: L 8 KR 190/05
Sozialgericht Bayreuth, Beschluss vom 26. September 2005
Aktenzeichen: S 9 KR 284/05
Sozialgericht Heilbronn, Beschluss vom 14. September 2005
Aktenzeichen: S 9 KR 2432/05

Tipps für Betroffene: Was bei der Entscheidung über eine Herceptin-Therapie zu beachten ist

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