„Eine Matratze kann kein Rückenleiden heilen“

Matratzen-Test 2018 Test

Gut aufgelegt. Projektleiter Hans-Peter Brix geht in den Ruhe­stand. Mehr als 20 Jahre lang hat er für die Stiftung Warentest Matratzen getestet. Als Rentner will er sich dem Thema nur noch nachts widmen.

Qualität hat ihren Preis? Eine Matratze, die die Wirbelsäule schützt? Viele Modelle halten nicht, was sie versprechen. Unser Projektleiter Hans-Peter Brix hat mehr als 500 Matratzen untersucht – und bündelt im Interview seine wichtigsten Empfehlungen.

20 Jahre Erfahrung im Testen von Matratzen

Die Matratzen in unserer aktuellen Bestenliste kosten zwischen 100 und 800 Euro. Sind solche Preis­unterschiede gerecht­fertigt?

Viel wert­volles Material konnten wir bislang zumindest in keiner Matratze fest­stellen – auch nicht in einer für 800 Euro. In der Herstellung kosten einfache Schäume zwischen 20 und 50 Euro. Etwas teurere bewegen sich zwischen 80 und 100 Euro. Dazu kommt der Bezug, die Fertigungs- und Distributions­kosten. Und dann möchte natürlich der Handel kräftig verdienen.

Wenn nicht auf den Preis, worauf sollte ich beim Kauf dann achten?

Orientieren Sie sich an unseren guten Matratzen und liegen Sie auf diesen Probe, am besten ausgeruht. Wer nach einem harten Tag erschöpft ist, findet fast jede Matratze bequem. Es ist sinn­voll, jemanden dabei­zuhaben, der guckt, ob die Wirbelsäule gerade ist, wenn ich auf der Seite liege. In Rückenlage sollte das Becken nicht zu stark einsinken. Diesen Hängematten­effekt kann man spüren. Am besten vereinbart man beim Kauf ein Rück­gaberecht. Denn erst nach ein paar Nächten merkt man wirk­lich, wie bequem die Matratze ist. Onlinehändler müssen ihre Ware 14 Tage lang zurück­nehmen, viele erlauben sogar bis zu 100 Tage.

Matratzen müffeln oft beim Auspacken. Deutet das auf Schad­stoffe hin?

Nicht unbe­dingt. Aber es ist natürlich unangenehm, wenn man im Bett liegt und es riecht nach vergammeltem Heuhaufen oder nach Gummi­fabrik. Ursache sind oft Rück­stände vom Herstellungs­prozess.

Kann ich eine stinkende Matratze reklamieren?

Zuerst sollten Sie sie mindestens 24 Stunden, besser sogar 3 bis 4 Tage aufstellen, sodass sie rundum viel Luft bekommt und die flüchtigen Stoffe abgeben kann. Wenn der Geruch nach vier Wochen immer noch da ist, dann empfehle ich, die Matratze beim Händler zu reklamieren.

Welche Rolle spielt die Härte einer Matratze?

Die Härte hat keinen direkten Einfluss darauf, ob eine Matratze gut abstützt. Aber sie spielt beim subjektiven Komfort eine große Rolle. Im höheren Alter bevor­zugen viele Menschen eher weiche Matratzen. Das hängt damit zusammen, dass der Körper nicht mehr so agil ist und Probleme mit dem Rücken oder den Knien auftauchen. Beim Kauf sollte man auf sein Körpergefühl hören.

Die angegebene Härte stimmt oft nicht mit der von uns gemessenen Härte über­ein. Warum?

Mich wundert auch, dass Anbieter beim Härtegrad so oft daneben­liegen. Es gibt zwar eine Norm für die Bestimmung der Liegehärte. Viele Hersteller machen sich jedoch offensicht­lich nicht die Mühe, jede einzelne Matratze zu prüfen.

Bei welchen Werbe­versprechen sollten Verbraucher skeptisch sein?

Vor allem was Gesund­heits­versprechen angeht, lehnen sich einige Anbieter sehr weit aus dem Fenster, etwa dass Matratzen Rücken­beschwerden oder sogar Band­scheiben­vorfälle lindern – das können sie natürlich nicht. Auch die Aussage, Matratzen wären allergiker­geeignet, sehe ich kritisch. Denn dass eine Matratze von Milben besiedelt wird, kann kein Hersteller verhindern. Sinn­voll für Allergiker sind spezielle Bezüge, sogenannte Enca­sings. Sie verhindern, dass Milbenkot aus der Matratze dringt.

Was halten Sie von Matratzen­auflagen, die oft damit beworben werden, für mehr Schlaf­komfort zu sorgen?

Relativ wenig. Solche Auflagen sind oft sehr weich und können die Liegeeigenschaften eher verschlechtern, etwa wenn sie die Zonierung der Matratze darunter aufheben. Gerade Leute mit Rücken­problemen sollten zudem nicht so tief einsinken, weil sie sonst recht viel Kraft aufbringen müssen, um sich aus der Kuhle heraus­zudrehen.

Nach acht bis zehn Jahren ist es aus hygie­nischen Gründen Zeit für eine neue Matratze. Wie sollte ich sie pflegen, damit sie möglichst lange hält?

Ich empfehle, die Matratze nicht nur regel­mäßig zu wenden, sondern auch ab und zu aufzustellen. So kann sie richtig durch­lüften und auch der Lattenrost kann Feuchtig­keit abgeben. Deshalb sind geschlossene Bett­kästen ein Problem, weil sich da unten Feuchte anreichern und die Matratze schimmeln kann. Wir haben auf test.de übrigens noch viele weitere Tipps zur Matratzenpflege.

Sollte ich mit der Matratze auch einen neuen Lattenrost kaufen?

Lattenroste halten deutlich länger als Matratzen. Auch wenn Verkäufer beim Matratzenkauf gleich einen Rost mitverkaufen wollen. Es muss auch kein High-tech-Modell sein. In der Regel ist es besser, eine einfache starre Unterlage zu haben, weil Latten, die stark nachgeben und sich biegen, den Stütz­effekt der Matratze zunichtemachen.

Seit 2012 prüfen wir Matratzen für vier HEIA-Typen. Wie kam es dazu?

Wir wollten typische Körperformen, die es in der Bevölkerung gibt, abbilden. Gemein­sam mit Anthro­pologen zogen wir deshalb vier Körperbautypen heran. Sie zeigen etwa, dass es Menschen mit breiten Schultern oder Becken schwerer haben, eine gute Matratze zu finden, als zierliche Personen. Die Buch­staben H, E, I und A symbolisieren die vier Typen. Alle Details lesen Sie im Artikel zu den verschiedenen Körpertypen.

23 Jahre Matratzentests – ist das nicht irgend­wann lang­weilig geworden?

Über­haupt nicht. Das Thema gibt enorm viel her. Früher hielten Matratzen oft nicht gut, Federn brachen oder bohrten sich durch den Schaum. Das ist besser geworden, aber von der perfekten Matratze sind wir noch meilenweit entfernt.

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