Neun Verkaufs­argumente im Faktencheck

Matratzen Test

Als Pärchen getarnt ließen sich Redak­teure inkognito in mehreren Fach­geschäften beraten. Den Test­kunden wurden dabei viele falsche, aber verkaufs­fördernde Argumente aufgetischt. Hier lesen Sie, was von neun beliebten Verkaufs­argumenten zu halten ist.

„Jeder Zenti­meter zählt“

Der Mehr-ist-mehr-Bluff: Oft werden dickere Matratzen als über­legen angepriesen. Ein Verkäufer sagte uns: „Jeder Zenti­meter macht einen himmel­weiten Unterschied.“ Gute Matratzen gebe es erst ab 20 Zenti­meter Höhe.

Unsere Unter­suchungen zeigen: Hohe Matratzen sind häufig besonders teuer. Die zusätzlichen Zenti­meter erzielen sie oft mit Auflagen oder Schaumschichten, denen Hersteller besondere Qualitäten zusprechen. Notwendig für gute Liegeeigenschaften sind sie jedoch nicht. Matratzen brauchen eine Mindest­höhe, damit die Schulter tief genug einsinken kann. Auf den getesteten, zum Teil sehr weichen Matratzen sanken die Schultern – selbst schwerer Test­personen – allerdings nie mehr als 13 Zenti­meter ein. 16 bis 18 Zenti­meter Gesamt­höhe reichen für gute Liegeeigenschaften aus. In unseren Tests fanden wir sogar dünnere Modelle, denen das gelang.

„Das ist eine harte Matratze“

Die Härteg­radbehauptung: Fest, H3 oder hart steht auf vielen Matratzen. Mitunter kosten harte Matratzen etwas mehr als die weicheren Varianten eines Modells.

Unsere Unter­suchungen zeigen: Die Matratzen sind oft weicher oder sogar deutlich weicher als deklariert. Im aktuellen Test betrifft das alle Modelle – bis auf zwei, auf denen gar keine Härte­angaben standen. Der Fach­verband Matratzen-Industrie weist darauf hin, dass die Norm lediglich eine Skala mit Härtekenn­zahlen von 1 bis 10 vorgibt. Sie regele nicht, ab welcher Zahl eine Matratze weich oder sehr weich ist. Bei unseren Tests bestimmen wir die Härte nach einheitlichen Maßstäben. Große und schwere Personen liegen meist auf harten Unterlagen besser. Auf weicheren schwitzen sie womöglich in der Liegekuhle. Außerdem fällt das Hin- und Herwälzen schwerer. Weiche Matratzen eignen sich eher für leichte Personen. Solange Hersteller ihre Matratzen nicht mit vergleich­baren, verläss­lichen Angaben kenn­zeichnen, bleibt Kunden nichts anderes übrig, als unsere Tests zu lesen und Probe zu liegen.

„Qualität hat eben ihren Preis“

Matratzen Test

Am meisten Geld für den Händler.

Die Erlesen­heits­verheißung: „Aus hoch­wertigen Komponenten gefertigt“ und „beste Materialien zusammengefügt.“ So preisen Hersteller ihre teuren Matratzen an. Die für den neuen Test gekauften Kalt­schaummodelle kosten 600 bis 1 390 Euro.

Kartell­amts­ermitt­lungen zeigen: Das Bundes­kartell­amt untersucht seit 2011 das Zusammen­spiel von Matratzenmachern und Händ­lern. Der Verdacht: Hersteller üben Druck auf Einzel­händler aus, damit die fest­gelegte, hohe Preise von den Kunden verlangen. Die Wett­bewerbs­hüter konnten Fälle nach­weisen, in denen Händler zum Beispiel mit Liefer­verzögerungen auf Linie gebracht wurden, wenn sie Matratzen billiger verkauften. Gegen zwei Unternehmen verhängten sie Bußgelder: Branchenprimus Recticel Schlaf­komfort GmbH, dem die Marken Schlaraffia und Swiss­flex gehören, musste 8,2 Millionen Euro im Jahr 2014 zahlen. Im Februar forderte die Behörde 3,38 Millionen Euro von der Metzeler Schaum GmbH. Gegen zwei Anbieter laufen die Verfahren noch. Ein Matratzenkartell gebe es nicht mehr, schrieb uns ein Hersteller. Die Verfahren bezögen sich auf die Zeit bis 2009. Wir haben die Preise von Matratzen aus dem aktuellen Test in Fach­geschäften und bei Onlinehänd­lern verglichen. Manche Modelle kosteten bei allen Anbietern der Stich­probe fast oder genau dasselbe. Ein Zufall? Nach Angaben des Fach­verbands Matratzen-Industrie kostet die Herstellung einer 1 000-Euro-Matratze 200 bis 250 Euro – der Handel bekomme rund 350 bis 400 Euro (siehe Grafik oben), also den größten Anteil. Wenn die Handels­marge 35 bis 40 Prozent beträgt – warum finden wir dann mitunter keine Händler, die eine teure Matratze deutlich güns­tiger anbieten?

Klar ist: Ein Indiz für Qualität ist ein hoher Preis nicht. Das belegen unsere Test­ergeb­nisse seit 2009.

„Ein Schoner verhindert die Abnut­zung“

Matratzen Test

Besser ungeschont. Ohne Unterlage lüften Matratzen besser aus.

Der Auf- und Unterlagenun­sinn: Mehrere Verkäufer empfahlen im Beratung­scheck Matratzenschoner und -auflagen. Ein Schoner liegt zwischen dem Lattenrost und der Matratze und sorgt angeblich dafür, dass sich die Matratze lang­samer durch Reibung auf dem Lattenrost abnutzt. Auflagen sollen verhindern, dass Feuchtig­keit in den Matratzenkern gelangt.

Unsere Experten wider­sprechen: Schoner sind über­flüssig. Extralagen können sogar schaden. Zwischen Schoner und Auflage kann die Matratze aufgenom­mene Feuchtig­keit schlecht abgeben, schlimms­tenfalls schimmelt sie. Zudem verändern Auflagen die Liegeeigenschaften – zum Beispiel können Schulter- und Beckenzone ihre Wirkung verlieren. Sinn­voll sind nur Auflagen für Inkontinente. Für alle anderen genügt es, den Bezug regel­mäßig zu waschen.

„Gelschaum ist besser als Kalt­schaum“

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Unkennt­lich gemacht. Der Anbieter darf nicht mehr versprechen: „Besser schlafen. Garan­tiert“.

Die Spezialschaum-Erfindung: „Besser schlafen. Garan­tiert.“ Und: „Jeder schläft besser auf Matratzen mit Geltex Inside.“ Diese Sprüche hängen an Matratzen, die wir für den aktuellen Test gekauft haben.

Unsere Unter­suchungen zeigen: Gelschaum ist eine Kalt­schaum-Variante. Bessere Liegeeigenschaften als herkömm­licher Kalt­schaum offen­bart er im Test nicht. Der Leiter des Schlafmedizi­nischen Zentrums der Berliner Charité, Ingo Fietze, sagt: „Es gibt keine Tests, die jemals nachgewiesen haben, dass Personen mit diesen Matratzen besser schlafen als mit anderen.“ Hersteller Recticel hat inzwischen gegen­über einem Konkurrenten eine Unterlassungs­erklärung abge­geben. Darin verpflichtet er sich, nicht mehr mit den zitierten Geltex-Versprechen zu werben. Viel Schaum geschlagen hat auch Breckle mit seiner „TopGel“-Matratze. Im April­heft von test schrieben wir, das Gel habe sich als Kalt­schaum entpuppt. Das wollte uns die Firma vom Land­gericht München verbieten lassen. Mit der Argumentation, die Matratze enthalte Gelschaum, konnte sie das Gericht nicht über­zeugen. Auf dessen Anraten nahm Breckle den Antrag zurück.

„Mobilisiert und schützt die Wirbelsäule“

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Band­scheiben entlasten. Das gelingt auf fast jeder Matratze.

Das Heils­versprechen: Einige Anbieter versprechen, ihre Matratzen und Lattenroste würden zu einem gesunden Rücken verhelfen. Mit der richtigen Unterfe­derung könne man Hohl­kreuz und Rund­rücken ausgleichen, heißt es in einem Werbe­video von Dormabell. Bei der Kauf­beratung-Stich­probe empfiehlt uns der Verkäufer eine Matratze, auf der man morgens einen Zenti­meter größer aufwachen würde, weil sich die Band­scheiben auf ihr optimal ausdehnen könnten. Die Firma Dunlopillo schreibt: „Die Dynamik von AquaLite beein­flusst positiv die Mobilisierung der Wirbelsäule. Die Band­scheiben nehmen (...) mehr Flüssig­keit auf und schützen somit die Wirbelsäule.“

Experten wider­sprechen: „Abends sind wir etwas kleiner als frühmorgens. Das hat nichts mit der Matratze zu tun“, sagt Bernd Kladny. Er ist Generalsekretär der Deutschen Gesell­schaft für Ortho­pädie und Unfall­chirurgie sowie Ortho­pädie-Chef­arzt an der Fach­klinik Herzogen­aurach. „Das Phänomen ist ganz natürlich.“ Die Band­scheiben quellen im Liegen auf und nehmen Flüssig­keit und Nähr­stoffe auf. „Die Gesund­heits­versprechen der Hersteller müssen kritisch hinterfragt werden, weil wissenschaftlich abge­sicherte Studien fehlen“, so Ortho­päde Kladny. „Eins ist sicher: Eine gute Matratze kann den Rücken abstützen, aber nicht heilen.“

„Der Lattenrost hat großen Einfluss“

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Wenig reicht. Eine gute Matratze braucht keinen speziellen Lattenrost.

Der Lattenrost­bluff: Hersteller und Verkäufer bewerben teure Lattenroste damit, dass sie wesentlich zum besseren Liegen beitragen würden. „40 Prozent unserer Schlafqualität hängen vom Bett­rahmen ab“, heißt es etwa auf der Website von Dormabell. Dick trägt Swiss­flex in einer Broschüre auf: „Für den voll­kommenen Schlaf ist nichts elementarer als die Unterfe­derung Ihres Bettes.“ Schlaf­welt.de schreibt: „Gebogene Lattenroste sind flexibler und atmungs­aktiver als andere.“

Unsere Unter­suchungen zeigen: Eine Matratze mit guten Liegeeigenschaften braucht keinen speziellen Lattenrost. Alle, auch teure Unterfe­derungen verschlechtern das Liegen teil­weise sogar zum Test Lattenroste. Vor allem Rücken­schläfer können bei den Unterfe­derungen zu stark mit dem Rumpf einsinken. Im Test schneidet ein selbst­gebauter starrer Rost (zur Anleitung Lattenrostbau) in zentralen Prüfungen besser ab als die vielbeworbene federnde Konkurrenz. Die wichtigste Aufgabe des Lattenrosts ist es, für eine ausreichende Belüftung der Matratze zu sorgen. Das gelingt auch güns­tigen.

„Kaufen Sie besser ein abge­stimmtes System“

Die Doppel­pack­these: Nur zusammen mit einem passenden Lattenrost hole man das beste aus einer teuren Matratze heraus, behauptet der Verkäufer eines großen Berliner Betten­geschäfts. Hersteller Thomas wirbt: „Zusammen mit einer Matratze von Latto­flex, die speziell für diese hoch­flexible Unterfe­derung entwickelt wurde, wird das Latto­flex-Bett­system zu einer Oase der Ruhe und Entspannung.“

Unsere Unter­suchungen zeigen: Wir haben drei Matratzen jeweils doppelt geprüft – sowohl auf einer starren Spanplatte als auch auf einer vom Hersteller oder Händler empfohlenen Unterlage. Ergebnis: Eine Matratze bietet auf der Spanplatte sogar etwas bessere Liegeeigenschaften als auf dem angeblich optimalen Lattenrost. Die zweite Matratze ist auf der starren Spanplatte genauso gut wie im beworbenen System, die dritte nur minimal schlechter.

„Nach zehn Jahren ist der Rost durch­gelegen“

Der Verschleiß­trick: Nach etwa zehn Jahren seien Lattenroste durch­gelegen oder weniger bieg­sam, hörten wir häufig im Betten­geschäft. In unseren Stich­proben versuchte jeder Verkäufer, uns zur Matratze auch eine neue Unterfe­derung aufzuschwatzen. Einige Hersteller schränken gar die Garantie auf ihre Matratzen ein, wenn kein neuer Rost verwendet wird. In einer Latto­flex-Gebrauchs­anweisung heißt es etwa, eine alte Unterfe­derung könne die neue Matratze beschädigen, wodurch Garan­tie­ansprüche verfielen.

Unsere Unter­suchungen zeigen: Tatsäch­lich ist es selten notwendig, zur Matratze auch einen neuen Lattenrost zu kaufen. Alle Modelle im Test erweisen sich als äußerst halt­bar. Sie über­stehen es, 60 000 Mal mit einer 140-Kilo-Walze über­rollt zu werden. Auch beim Crashtest, bei dem ein Gewicht auf die Latten kracht, bricht nichts. Sogar dem 12-Euro-Roll­rost von Ikea können die Halt­barkeits­prüfungen nichts anhaben. Die verwendeten Matratzen blieben in der Unter­suchung ebenfalls unbe­schadet. Ähnliche Ergeb­nisse brachten frühere Unter­suchungen. Fazit: Lattenroste über­leben Matratzen bei weitem, oft werden sie viel zu früh ausgemustert. Erst wenn die Leisten durch­gebogen oder beschädigt sind, wird es Zeit für einen neuen Rost.

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TestMatratzen12.09.2017
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