Interkulturelles Training: Reportage: Sie kennen sich noch nicht richtig

Marketing und Vertrieb Special

Doris Bach verkauft gern, und das spüren ihre Kunden. Die Ökobäuerin bietet ihre überwiegend auf dem eigenen Hof produzierten Waren auf dem Kunnerwitzer Bauernmarkt und in ihrem eigenen Bauernladen in Görlitz an. Das Konzept, die Kunden mit regionalen Produkten anzulocken, ist aufgegangen.

Der Verein EkoConnect vernetzt Akteure des deutschen und polnischen Ökolandbaus. Trotz Vorbehalten wächst die Einsicht, dass beide Seiten von einem gemeinsamen Markt für Ökowaren profitieren könnten.

Wer Doris Bach einmal in die Augen geschaut hat, fragt nicht mehr, ob ihr der Vergleich mit Ursula von der Leyen schmeichelt. Ihre natürliche, unprätentiöse Art lässt sich einfach nicht vergleichen mit der gutbürgerlichen Aura der Familienministerin.

Eine Parallele gibt es dennoch. Beide – von der Leyen und Doris Bach – sind mutige Frauen. Das zeigt allein die Zahl ihrer Kinder. Sieben haben sie jeweils bekommen. Und wenn es nach Doris Bach und ihrem Mann Michael geht, könnten es noch einige mehr werden. Das sagt sie jedenfalls, als sie im Schatten der alten Eiche ihres Bauernhofs in Uhsmannsdorf sitzt und erzählt.

Uhsmannsdorf bei Görlitz

Auf diesem Hof fing vor zehn Jahren ihr neues Leben an. Hier kamen sechs ihrer sieben Kinder zur Welt. Hier begann sie mit ihrer Familie mit der ökologischen Landwirtschaft. Von hier aus schaute sie auch über den sprichwörtlichen Tellerrand, acht Kilometer östlich, über die Grenze nach Polen.

Auch auf dem Land will gut Ding Weile haben, so war es auch mit der ökologischen Landwirtschaft der Bachs. Heute staunt Doris Bach, wie weit sie mit ihrer Familie seit den Anfängen gekommen ist. Aus einem Versuch, selbstgebackenes Brot zu vermarkten, ist letztendlich ein eigener Bioladen in Görlitz entstanden, der sich auch wirtschaftlich trägt. Und aus den Kontakten mit polnischen Ökobauern bei der Gründung des Kunnerwitzer Bauernmarkts, einem Markt für Ökowaren, reifte der Plan, geschäftlich in Polen etwas auf die Beine zu stellen.

Lubawka bei Kamienna Góra

Öko-Unternehmer Kazimierz Jochynek hat ebenfalls einen langen Weg hinter sich. Ausgelacht hat man ihn, als er in kommunistischen Zeiten Land kaufte – Land am Fuße des Riesengebirges, dem damals niemand Wert beimaß. „Und jetzt sind sie neidisch, dass ich etwas daraus gemacht habe“, erzählt Jochynek der deutschen Besuchergruppe, die seinen Hof in Polen besichtigt.

51 Hektar sind sein Eigen: Ackerland, Obstgärten, Gemüsebeete und Wald. Der Betrieb ist seit 1992 ökologisch zertifiziert, auch weil das Fördergelder bringt. Jochyneks Haupteinnahmequelle ist der Tourismus. Er hat den malerisch gelegenen Hof in eine „Eko-Tourist-Farm“ verwandelt, mit Ferienhäuschen, Campingflächen und einem Rastplatz für erschöpfte Pferde und Reiter.

Die Stallboxen für die Pferde lägen sehr eng beieinander, wie er denn das genehmigt bekommen habe, wollen die Besucher wissen. „Genehmigung? Das ist doch mein Hof!“, sagt Jochynek. „Bis die EU kommt“, antwortet einer, und alle lachen. Michael Bach ist einer der deutschen Gäste. Er ist vom Hof, der Lage und der urwüchsigen Natur beeindruckt: „Wenn ich jetzt nochmal von vorne anfangen würde, ginge ich nach Polen“, sagt er. Polnisch spreche er aber nicht.

Dresden

Der deutsche Besuch bei Kazimierz Jochynek ist kein Zufall: Er ist auf Einladung EkoConnects nach Polen gekommen, einem gemeinnützigen Verein aus Dresden, der sich um die Weiterentwicklung des ökologischen Landbaus in Mittel- und Osteuropa kümmert (www.ekoconnect.org).

Agnieszka Olkusznik koordiniert das zweijährige Projekt „Ökologisch zusammenwachsen“, das deutsche und polnische Akteure aus dem Ökolandbau vernetzen soll. Dafür stellt die Europäische Union dem Verein in Dresden 170 000 Euro bereit. Agnieszka Olkusznik hat keine einfache Aufgabe übernommen. Es gibt Vorbehalte. Die deutschen Landwirte fürchten die Konkurrenz aus dem Osten, weil die dank geringerer Lohnkosten billiger produzieren kann.

Aber die Unterschiede bergen nicht nur Risiken, sondern auch Chancen. Was die Nachfrage nach Biowaren und die Veredelung von Rohprodukten – etwa die Herstellung von Joghurt, Quark und Käse aus der eigenen Milch – angeht, ist der polnische Ökolandbau auf dem Stand, auf dem der ostdeutsche vor 10 oder 15 Jahren war.

Deshalb könnten beide Seiten voneinander profitieren. Die Polen haben die Möglichkeit, mithilfe der Deutschen in die Verarbeitung der eigenen Produkte zu investieren und regionales Marketing zu betreiben. So könnten sie die Nachfrage nach Ökowaren bei den polnischen Verbrauchern ankurbeln und müssten ihre Produkte nicht anderswo billig verkaufen. Und je mehr die Deutschen den Polen helfen, desto besser können auch sie jenseits der Grenze ihre Waren verkaufen.

Die deutsche und polnische Ökolandwirtschaft hat aber auch ein gemeinsames Problem. Beide sind von Subventionen abhängig. Da aber niemand weiß, wie lange die Fördergelder fließen, müssen sich die Bauern nach neuen Einnahmequellen umschauen. „Damit das alles in den Köpfen ankommt, mussten wir aber erst einmal die Akteure an einen Tisch bringen“, sagt Frau Olkusznik.

Das hat EkoConnect geschafft, zum Beispiel mit einem Kurs zu deutschen und polnischen Umgangsformen, Praxisseminaren, der Vorstellung von Marketingstrategien für regionale Produkte und gegenseitigen Besuchen wie der bei Kazimierz Jochynek in Polen oder der auf dem Biohof Steinert im deutschen Hohnstein-Cunnersdorf.

Hohnstein-Cunnersdorf bei Dresden

„Ich verstehe, dass die Deutschen Angst haben, weil wir billiger produzieren“, sagt Biobäuerin Małgorzata Bliskowska. „Aber wir haben auch Angst. Vor allem vor den großen Konzernen, die zu uns kommen und alles aufkaufen.“ Bliskowska ist mit einigen polnischen Kollegen zum Biohof Steinert gekommen. Dort führt Bernhard Steinert die Besucher in die Ökokäse-Herstellung ein.

Steinert steht da in weißem Kittel und dunklen Gummistiefeln. Er bricht das Eis, indem er einen kleinen, zerknüllten Zettel aus der Tasche zieht und seine Gäste in gebrochenem Polnisch willkommen heißt. Der Rest ist Arbeit: vormittags Käseherstellung an Kessel und Bottichen, nachmittags Herstellung und Vermarktung in der Theorie. Die Teilnehmer sind erschöpft, aber zufrieden. Die Sprachbarriere erschwert das Kennenlernen. Kein deutscher Teilnehmer spricht polnisch, rund die Hälfte der Polen wenigstens
einige Brocken deutsch.

In der Pause werden Brot- und Käsehäppchen, Suppe, Kaffee und Wasser gereicht. Beim Kaffee sagt Małgorzata Bliskowska noch: „Wir – Deutsche und Polen – haben das gleiche Problem. Für die Rohstoffe bekommen wir nicht viel, deshalb müssen wir unsere Waren selbst verarbeiten und verkaufen. Es ist vernünftig, wenn wir voneinander lernen.“

Uhsmannsdorf bei Görlitz

Die eigenen Produkte selbst herstellen und verkaufen – Doris und Michael Bach sind mit der Eröffnung ihres Bauernladens diesem Ideal schon nahe gekommen. Nicht nur Geld und Zeit haben sie investiert, auch all ihre Erfahrungen aus dem Ökolandbau. Sie haben gelernt, dass Rohprodukte nicht so viel Geld bringen wie verarbeitete Erzeugnisse und dass ein Bauernladen auf dem eigenen Hof zwar schön ist, aber auf die Dauer nicht genug Kunden anzieht. Sie wissen nun auch, dass die Leute bereit sind, für gute regionale Produkte Geld auszugeben.

Aus diesen Einsichten heraus beteiligten sich die Bachs an der Gründung des Kunnerwitzer Bauernmarkts im alten Kuhstall des Görlitzer Stadtguts. Bis vor wenigen Wochen hat auch Małgorzata Bliskowska ihre Waren auf dem Bauernmarkt verkauft. Seit einer Verkehrskontrolle der deutschen Polizei ist damit aber vorerst Schluss. Die Rechtshüter zogen ihren klapprigen Kastenwagen aus dem Verkehr, und das Geld für einen neuen hat Bliskowska derzeit nicht.

Jaczkowie bei Kamienna Góra

Kein klappriger Wagen, ein vollklimatisierter Bus ist für die deutschen Besucher gechartert worden, die sich den Biohof in Jaczkowie anschauen wollen. Stanislaw Rzepa, der Chef der niederschlesischen Sektion des polnischen Ökoverbandes Ekoland, und Dolmetscherin Karolina Larek-Drewniak sind an der Grenze zugestiegen und informieren ihre Gäste über die polnische Ökolandwirtschaft.

In Jaczkowie, erzählen sie, hat man mit ausländischen Investoren schlechte Erfahrungen gemacht. Anfang der 90er Jahre kaufte ein US-Amerikaner den 530-Hektar-Betrieb und ließ eine Herde Bisons einfliegen, um eine Zucht zu gründen. Doch sein Interesse erlahmte schnell. Der Hof verwahrloste, die Weidenzäune wurden löchrig, und die Bisons verschwanden im Wald oder verendeten.

Nach der Umstellung auf Ökolandwirtschaft hofft der neue Besitzer Georg Nowak auf sinnvolle Hilfen. Bei der Besichtigung des Hofes fragt er bei EkoConnect-Chef Bernhard Jansen an, ob der sich einen deutsch-polnischen Praktikantenaustausch vorstellen könne. Jansen signalisiert Interesse, die Besucher schauen sich derweil die Straußen- und Wildschweinzucht an, für die Nowaks Hof überregional bekannt ist.

Es ist heiß, aber Bigos, das polnische Nationalgericht, wird dennoch gereicht. Auf dem Grill liegen viele Würstchen. Doch die deutschen Gäste um Michael Bach sind müde von der Fahrt, und das Essen rutscht nicht so recht bei der Hitze. Die Sprachbarriere sorgt dafür, dass mehr gelächelt als gesprochen wird. Die Zeit ist knapp, und Jaczkowie ist die letzte Station auf der Exkursion. Der Bus fährt, Gastgeber Georg Nowak bleibt auf Bigos, Wurst und Bier sitzen. Noch kennt man sich nicht richtig.

Karolina Larek-Drewniak tut es leid, dass sie nicht überall sprachlich zur Hilfe eilen konnte. Auf der Rückfahrt appelliert sie an ihre Gäste: „Besuchen Sie Polen, Sie sind uns herzlich willkommen!“

Uhsmannsdorf bei Görlitz

Bei EkoConnect arbeiten sie daran und sind auf einem guten Weg. Das Projekt „Ökologisch zusammenwachsen“ läuft noch bis Mitte 2007. Auch bei Doris und Michael Bach aus Uhsmannsdorf ist die Lust auf Polen gewachsen. Ursprünglich hatten die beiden nur vor, ihre 50 Milchschafe bei einem guten Bekannten jenseits der Grenze weiden zu lassen. Nun überlegen sich die Bachs, die beiden Bauernhöfe zu einer deutsch-polnischen Produktionsgemeinschaft zusammenzuschließen.

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