MSC Test

Bretagne. MSC-zertifizierte Fischer fangen mit Ringwaden Sardinen.

Nach­haltig gefangenen Fisch verspricht das Logo des Marine Steward­ship Council (MSC). Allein in Deutsch­land findet sich das MSC-Logo auf 3 300 wild gefangenen Produkte von Alaska-Seelachs bis Zander, von Austern bis Venusmuscheln, von Eismeergarnelen bis Hummer. Die Stiftung Warentest wollte wissen, wofür das Logo tatsäch­lich steht. Unser Check zeigt: Es ist gut, dass es das Siegel gibt. Doch es könnte weit­aus mehr leisten.

30 Prozent der Bestände sind über­fischt

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Kabeljau im Netz. Ein Hoch­seeboot hat vor Norwegens Nord­küste Kabeljau gefangen. Die Art gilt in vielen Fang­gebieten als gefährdet.

Die Erdoberfläche ist zu rund 70 Prozent von Ozeanen bedeckt. Man könnte meinen, Fische finden darin genügend Schutz. Ihrem größten Jäger, dem Menschen, haben sie aber wenig entgegen­zusetzen. Je beliebter ihre Art, desto stärker werden sie verfolgt. Moderne Boote sind so ausgerüstet, dass sie selbst den letzten Kabeljau oder Thun­fisch in ihrem Umkreis noch aufspüren können. Was exzessiver Fang bewirken kann, merkte die Welt Anfang der 1990er Jahre: Vor Kanadas Küste gingen die Kabeljau-Bestände stark zurück. Tausende Fischer wurden arbeitslos, das von der Regierung erlassene Fang­verbot für Kabeljau ist bis heute gültig. Nach Zahlen der Welt­ernährungs­organisation FAO waren damals 25 Prozent der Bestände aller Speise­fische über­fischt, heute sind es etwa 30 Prozent.

3 300 Produkte in Deutsch­land

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Verantwortungs­voll gefangenen Fisch verspricht das blau-weiße Siegel des Marine Steward­ship Council. Die gemeinnützige Organisation wurde 1997 auf Initiative des Lebens­mittel­konzerns Unilever und der Umwelt­organisation WWF gegründet und ist seither unabhängig. Ihr Name lässt sich mit Rat für Meeresver­antwortung über­setzen. In Deutsch­land, einem ihrer wichtigsten Märkte, ziert das MSC-Logo rund 3 300 wild gefangene Produkte: von Alaska-Seelachs bis Zander, von Austern bis Venusmuscheln, von Eismeergarnelen bis Hummer. Lohnt der Griff zu diesen Produkten? Wir befragten den MSC zu seinen Zielen und Anforderungen und prüften, ob er die gesamte Lieferkette für seine Produkte kennt – anhand von Wildlachs­filets mit MSC-Logo aus dem jüngsten Lachs-Test, test 3/2018.

Unser Rat

Greifen Sie bei Wild­fang zu Fisch und Meeresfrüchten mit MSC-Siegel. Es handelt sich um Produkte von Fang­betrieben, die sich verpflichtet haben, Bestände zu schonen – bei Produkten ohne Siegel ist das nicht sicher. Vorgaben zu Tier­wohl beim Fang oder zu Mindest­löhnen in den Betrieben macht der MSC aber nicht. Mehr zum Thema in unserem Ratgeber Fischkauf.

Orientierung an Gesetzen

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Vor Alaska. Im Nord­ostpazifik gibt es nur einige wenige Fang­betriebe für Wildlachs, die MSC-zertifiziert sind.

Es ist gut, dass es den MSC gibt. Doch rundum über­zeugen konnte uns sein Ansatz nicht. Zwar müssen Fischerei­betriebe viele Nach­weise erbringen, um das Siegel zu bekommen. Oftmals reicht es aber, wenn sie bestehende Gesetze zum Schutz der Fisch­bestände einhalten: Das MSC-Siegel im Check. Enttäuschend verlief unser Rück­verfolg­barkeits-Check: Hier verspricht der MSC mehr, als er in der Stich­probe tatsäch­lich hielt. Eine echte Alternative haben Verbraucher nicht. Andere Siegel mit hoher Markt­bedeutung beschränken sich auf Zucht­fisch. Hering oder Seelachs kommen aber ausschließ­lich aus Wild­fang in den Handel.

Die EU kontrolliert wenige Schiffe

Über­greifende globale Regeln, wer wo wie viel fangen darf, existieren nicht, für interna­tionale Gewässer gibt es bestenfalls Seerechts­abkommen zwischen Staaten. In vielen Meeresregionen wird teils unreguliert gefischt – etwa im Mittel­meer, wo derzeit 93 Prozent aller Bestände als über­fischt gelten. 2017 hat sich ein Teil der Anrainer­staaten auf neue gemein­same Regeln geeinigt. Für andere europäische Meere bestimmt die EU, was erlaubt ist. Ihr erklärtes Ziel: Die Fisch­bestände bis 2020 auf ein Niveau heben, auf dem sie dauer­haft stark befischt werden können. Doch nur wenige Schiffe werden an Bord oder im Hafen kontrolliert: In der Nordsee waren es 2016 zwei Prozent.

Fang­betriebe sollen besser werden

Die Kontrollen für das MSC-Siegel sind strenger: Fang­betriebe müssen sich jähr­lich von Gutachtern prüfen lassen. Diese sind zum Beispiel erfahrene Meeresbiologen; für ihre erste Zertifizierung brauchen sie bis zu 18 Monate. „Wo Fischereien sich noch verbessern können, werden ihnen Zertifizierungs­auflagen gemacht, damit sie in den Folge­jahren immer noch ein Stück besser werden“, sagt Stefanie Kirse, Deutsch­land-Chefin des MSC. Wie die Fang­betriebe das schaffen, über­lässt der MSC ihnen. Für ihn zählt das Ergebnis: keine Über­fischung. Wer gegen die Regeln verstößt, kann suspendiert werden. 2016 traf das 17 der 290 lizensierten „Fischereien“ – so nennt der MSC einzelne Fischer oder Fang­betriebe, die gemein­sam in einem Gebiet denselben Bestand befischen.

Eine Frage des Ertrags

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Nordsee. Da sich die Bestände erholt haben, dürfen deutsche Fischer dort dieses Jahr 11 000 Tonnen Seelachs fangen, 6 Prozent mehr als im letzten.

Wie gesund oder gefährdet ein Bestand ist, bestimmt der MSC nicht selbst. Er hält sich an Referenz­werte, etwa vom Interna­tionalen Rat für Meeresforschung (ICES), in den neben der Bundes­republik Deutsch­land 19 weitere Staaten Vertreter entsenden. Als gesund bezeichnen die Wissenschaftler einen Fisch­bestand, der den „höchst­möglichen nach­haltigen Dauer­ertrag“ abwirft. Ein geschrumpfter Bestand bringt weniger Ertrag. Die Grenze, unter­halb der er kollabieren kann, heißt Bestands­limit.

Lässt der MSC Über­fischung zu?

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Schollen. In der Nordsee muss der beliebte Platt­fisch derzeit knapper befischt werden.

Wie viel Fisch maximal im Netz landen sollte, ist umstritten. „Die Regeln des MSC lassen Über­fischung ausdrück­lich zu“, sagt Rainer Froese, Meeresbiologe am Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel. „Viel zu kleine Bestände, außer­halb sicherer biologischer Grenzen, können trotzdem zertifiziert werden. Das ist das Gegen­teil von vorbild­licher Fischerei.“ Aus Sicht von Greenpeace wurden bereits mehrere Bestände, für die das Siegel vergeben wurde, über sichere biologische Grenzen hinaus befischt. Im Jahr 2015 seien es mindestens fünf gewesen, darunter Seelachs aus der Nordsee und Wolfs­barsch. „Bis an das Bestands­limit zu fischen, macht ökologisch und ökonomisch keinen Sinn“, sagt Alexander Kempf, Meeresbiologe am Thünen-Institut für Seefischerei.“ Aber: „Das Aussterben eines Bestandes durch Meeresfischerei ist noch nie vorgekommen.“

Wo geschätzt wird, bleibt ein Risiko

Fakt ist: Über­fischung lässt sich nur sicher ausschließen, wenn verläss­liche Daten vorliegen. So wie beim Wildlachs. Erwachsene Tiere lassen sich auf dem Weg zu den Laich­plätzen zählen. Liegen weniger verläss­liche Daten vor wie beim Hering, schätzen Wissenschaftler die Zahlen. Es gibt zwar ein Frühwarn­system, das signalisiert, wenn Bestände entgegen der Einschät­zung schrumpfen. Bei großen Schwankungen greift es aber womöglich zu spät. Hier könnte der MSC ein stärkeres Vorsorgeprinzip einführen – die Markt­macht dafür hat er. Ebenso könnte er aktiver die Fischerei­politik beein­flussen. Künftig wird es nicht reichen, dass sich der MSC und andere Organisationen auf Fisch­bestände konzentrieren. „Es gibt Bedrohungen wie den Klimawandel, der zur Versauerung der Ozeane führt, und die Vermüllung der Meere“, sagt Alexander Kempf. „Hier stehen wir noch ganz am Anfang.“

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