Lichtfeldkamera Lytro Schnelltest

Eine Digitalkamera des jungen US-Unternehmens Lytro demonstriert eine neuartige Technik: die Lichtfeldfotographie. Anders als bei herkömmlichen Kameras müssen Nutzer und Kamera hier nicht schon beim Fotografieren entscheiden, welche Bildteile scharf gestellt werden und welche nicht. Im Schnelltest weiß die neue Technik zu verblüffen, zeigt aber auch erhebliche Schwächen.

Fotograf muss nicht mehr fokussieren

Ein misslungenes Foto, weil der Autofokus nicht auf Tante Eva, sondern die Geranien im Hintergrund scharfgestellt hat? Kein Problem für die neuartige Lichtfeldkamera. Sie befreit den Fotografen vom Fokussieren. Mit ihr muss er nicht schon beim Knipsen festlegen, welcher Teil des Bildes scharf werden soll. Er kann es im Nachhinein bestimmen – nach Lust und Laune immer wieder aufs Neue.

Neuartige Fototechnik

Verantwortlich für den verblüffenden Effekt ist eine revolutionäre Technik: die Lichtfeldfotografie. Statt einer zweidimensionalen Projektion fängt sie ein mehrdimensionales Lichtfeld ein. Anders als herkömmliche digitale Fotoapparate registriert eine Lichtfeldkamera nicht nur, mit welcher Farbe und Helligkeit Lichtstrahlen auf die Sensorfläche treffen, sondern auch, aus welcher Richtung. Daraus lassen sich unterschiedliche Projektionen berechnen. Das eigentliche zweidimensionale Bild entsteht erst nach dem Fotografieren.

Das junge amerikanische Unternehmen Lytro ist Anbieter der Light Field Camera. Noch gibt es sie nur in den USA zu kaufen. Unsere amerikanischen Partner von Consumer Reports haben sie geprüft und uns ein Exemplar beschafft. Unser Schnelltest zeigt: Die Technik ist faszinierend. Aber so weit, dass sie die klassische Digitalkamera ersetzen könnte, ist sie noch nicht.

Lichtfeldkamera Lytro Schnelltest

Eine Aufnahme, drei Bilder: Bei den Fotografien der Lytro-Kamera lässt sich im Nachhinein wählen, welche Bildebene scharf abgebildet werden soll.

Erstmals für Privatkunden

Experimentiert wird mit der Lichtfeldfotografie seit den 1990er Jahren. Heute baut zum Beispiel die deutsche Firma Raytrix Lichtfeldkameras für Industrie und Forschung. Anwendungsgebiete sind die Qualitätskontrolle in der Industrieproduktion oder 3D-Bilder und -Messungen.

Lytro macht die Technik erstmals Normalnutzern zugänglich. Anders als Industriekameras ist die Lytro-Kamera äußerst kompakt und kostet je nach Ausstattung „nur“ 400 bis 500 Dollar. Schon auf den ersten Blick unterscheidet sie sich von herkömmlichen Kameras. Mit ihrer länglichen Form erinnert sie eher an ein kleines Kaleidoskop. Einziges erkennbares Bedienelement ist der Auslöser. Der Siebenfach-Zoom wird über ein Sensorfeld auf der Gehäuseoberfläche bedient, der Rest über den mit knapp drei mal drei Zentimetern sehr kleinen Touchscreen. Der ist noch dazu recht dunkel und spiegelt stark. So lässt sich das nachträgliche Scharfstellen allenfalls erahnen: Tippt der Nutzer auf ein Objekt im Vordergrund, wird es scharf, der Hintergrund unscharf. Tippt er auf den Hintergrund, verschiebt sich die Schärfeebene nach hinten. Etwas deutlicher wird das am Computer, wo man die Schärfeebene per Mausklick scheinbar beliebig verschieben kann. Gerade bei Makroaufnahmen ist das beeindruckend.

Tipp: Probieren Sie die sogenannten Living Pictures selbst aus. Das geht unter www.lytro.com/living-pictures.

Große Dateien, kleine Bilder

So faszinierend der Effekt zumindest am Anfang ist, die Lytro-Kamera zeigt auch Schwächen. Eine ist systembedingt: Die Bildsensoren von Lichtfeldkameras brauchen viel mehr Bildpunkte als die klassischer Fotoapparate. Das ist notwendig, um auch die Richtung von Lichtstrahlen aufnehmen zu können. Die resultierenden Dateien sind bei der Lytro mit gut 20 Megabyte erheblich größer als normale Fotodateien. Aufgrund dieser Datenmengen kommen Videos gar nicht erst infrage. Die Jpeg-Dateien von Kompaktkameras brauchen längst nicht so viel Speicher. Dennoch messen die hochgerechneten Bilder, die Nutzer aus den Lytro-Dateien gewinnen können, gerade einmal 1 080 mal 1 080 Pixel. Die effektive Bildauflösung beträgt sogar nur 540 mal 540 Pixel. Das ist viel zu wenig für Papierabzüge. Gedruckt wirken die Bilder unschön pixelig.

Lücken bei der Ausstattung

Lichtfeldkamera Lytro Schnelltest

Klein und handlich: Die Form der neuartigen Kamera ist ungewohnt, das quadratische Display ziemlich klein.

Andere Schwächen sind hausgemacht. Um die Lichtfeldbilder am heimischen Rechner zu zeigen und daraus normale Fotodateien im Jpeg-Format zu exportieren, ist ein spezielles Programm erforderlich. Lytro liefert es gratis – doch bislang nur für Apple-Rechner. Windows-Nutzer bleiben außen vor. Sie können die Dateien nicht einmal auf ihren Rechner laden.

Der magnetische Objektivdeckel ist zwar witzig, geht aber leicht verloren. Unvollständig wirkt das Zoomobjektiv: Es reicht von normalen bis zu Telebrennweiten, der Weitwinkelbereich fehlt. Ärgerlich: Die Kameras bieten keinen Steckplatz für Speicherkarten – der interne Speicher muss reichen. Zudem fehlen Anschlüsse, um die Aufnahmen direkt am Fernseher wiederzugeben. Schließlich überzeugt auch die Bildqualität nicht wirklich. Die Bilder rauschen, der Kontrastumfang ist gering, die Auflösung lässt sehr zu wünschen übrig.

test-Kommentar: Die Lichtfeldkamera von Lytro ist ein interessantes Demonstrationsobjekt für eine spannende neue Technik. Eine ernstzunehmende Digitalkamera ist sie noch lange nicht.

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