Interview: „Bummeln oder rennen“

Niemand muss immer über die Zeilen rasen, aber bei Bedarf ist doppeltes Lesetempo eigentlich für jeden drin. Ralph Radach, Professor für Psycho­logie, forscht zum „Schnellen Lesen“.

Herr Radach, angeblich scrollen die Menschen nur durch Texte und bevor­zugen kurze Lesehappen. Steht es wirk­lich schlimm ums Lesen?

Ich sehe keinen Grund zur Besorgnis. Lesen ist und bleibt die wichtigste Möglich­keit, sich Wissen anzu­eignen. Internet und soziale Medien haben sogar dazu geführt, dass viele Menschen heute routinierter lesen. Die Leute lesen also eher mehr und besser.

Viele wollen nicht nur mehr lesen, sondern auch schneller...

Man kann lernen, beim Lesen Tempo zu machen. Und damit ist nicht nur ein reines Über­fliegen gemeint. Mit bestimmten Techniken kann man schnell lesen und den Text trotzdem gründlich verstehen.

Und dann rase ich immer im Eiltempo über die Zeilen?

Nein, die Vielfalt Ihrer Lese­möglich­keiten erhöht sich, Sie passen Ihre Lese­geschwindig­keit dem Anliegen an, das Sie an den Text haben. Sie können ja auch bummeln, spazieren gehen, eiliger laufen oder rennen – je nach Situation. Es spricht also nichts dagegen, weiterhin manchmal lang­sam zu lesen, zum Beispiel um einen Roman in Ruhe zu genießen.

Welche Technik ist gut geeignet?

Die eine Schnell­lese-Technik gibt es nicht. Einiges, was auf dem Markt der Schnell­lese-Trainings angepriesen wird, ist aus wissenschaftlicher Sicht sogar ausgemachter Unsinn, der Versuch, die Blick­spanne zu erweitern zum Beispiel.

Lese­welt­meister bringen es auf mehrere tausend Wörter pro Minute. Wie sehr kann ich selbst mein Lesetempo steigern?

Wichtig ist, dass beim Lesen noch genug Zeit bleibt, die Information zu verarbeiten. Nur so kann sich das Wissen länger im Gedächt­nis verankern. Ich halte es für realistisch, das individuelle Lesetempo zu verdoppeln.

Die Vorteile des Schnell­lesens liegen auf der Hand. Warum wird es nicht schon in der Schule gelehrt?

In der Forschung hat das Thema interna­tional inzwischen Fort­schritte gemacht. In der Praxis, sprich im Schul­unter­richt, sind die Erkennt­nisse aber bislang noch nicht ange­kommen – zumindest in Deutsch­land nicht. Das wird wohl auch noch dauern. Immerhin bieten aber bereits einige Universitäten Schnell­lese-Trainings für Studenten an. Schnell­lesen ist mit Sicherheit ein Zukunfts­thema.

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