Flotter lesen – ohne Einbuße beim Text­verständnis. Das kann mit speziellen Übungen klappen. Im Test siegt das güns­tigste Produkt, eine App für knapp 3 Euro.

Die Gelegenheit lässt sie sich nicht entgehen. Marina Pauly meldet sich prompt, als die Stiftung Warentest im eigenen Haus nach Teilnehmern für Schnell­lese-Trainings sucht. Sie arbeitet als Text­chefin für test.

Auch die Psycho­login Caro Wolter* macht gerne mit. Sie ist im Probandenpool der Weiterbildungs­tester registriert. Ihr Wunsch: Fach­artikel und Tages­presse rascher lesen zu können. „In Gedanken schweife ich oft ab und muss Text­stellen mehr­mals lesen.“ Doch noch ist sie skeptisch, ob das Schnell­lesen wirk­lich funk­tionieren kann, ohne dass sie als Leserin dabei Wichtiges über­sieht.

88 Schnell­lese-Schüler machen mit

Beide Frauen sind ideale Probandinnen für den Test von Angeboten, die versprechen, das Lesetempo zu steigern. Die Stiftung Warentest hat sie und 86 weitere interes­sierte Lesefreunde rekrutiert, um zu untersuchen, wie wirk­sam die Lern­angebote sind. Im Test: eine App, ein Onlinekurs, je eine CD-Rom und DVD, zwei Präsenz­kurse. Ergebnis: Alle sechs Schnell­lese-Trainings erhöhen das Lesetempo, teils jedoch mit leichten Einbußen beim Text­verständnis.

Sieger ist das mit weitem Abstand güns­tigste Angebot: Schneller lesen, mehr be­halten von Heku IT, eine Smartphone-App für weniger als 3 Euro. Der Zweit­beste heißt Improved Reading Training, ein zwei­tägiger Präsenzkurs für 590 Euro.

Tipp: Am Bild­schirm selbst zu lernen, ist nicht jeder­manns Sache. Dennoch empfiehlt es sich bei diesen Preis­unterschieden, vor einer Kurs­buchung, zunächst einmal die App zu probieren.

Gewohn­heiten abtrainieren

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Schnell­lese-Schu­lungen eignen sich für geübte Leser. Sie trainieren typische Gewohn­heiten ab, die den Lesefluss bremsen. Etwa die, den Text innerlich leise mitzusprechen oder Text­stellen mehr­fach zu lesen.

Es gibt eine Menge einzelner Techniken, die helfen sollen, die Leseeffizienz zu steigern. Alle geprüften Angebote setzen mehrere Methoden ein, die sie unterschiedlich kombinieren. „Manche der Techniken sind wissenschaftlich gesehen Humbug, anderes nützt“, sagt Ralph Radach, Professor für Psycho­logie an der Bergischen Universität Wuppertal und Experte für Lese­techniken.

Ein Schnell­lese-Training verändert nicht auto­matisch die Art zu lesen. Wer die Methoden lernt, kann sie bewusst einsetzen – oder eben nicht. Die Fähig­keit, einen Roman genuss­voll und mit Muße zu schmökern, geht nicht verloren. Gewonnen wird die Fähig­keit, beispiels­weise Nach­richten oder Sacht­exte flott aufzunehmen.

Bei 176 Wörtern pro Minute gestartet

Wörter pro Minute (WpM) ist die Maßeinheit für die Lese­geschwindig­keit. Sie wurde bei jeder Test­person vor und nach der Teil­nahme an „ihrem“ Programm gemessen. Zusätzlich mussten die Probanden Fragen zum Gelesenen beant­worten. Bei vier Trainings litt das Text­verständnis. Beim Tempo sahen die Ergeb­nisse erfreulicher aus.

Der Mittel­wert über alle Probanden betrug beim Start 176 Wörter pro Minute. Mit Ausnahme von Improved Reading versprechen alle Anbieter, den Anfangs­wert mindestens zu verdoppeln. Die Messungen zeigen: Das ist zu dick aufgetragen.

Bis zu 50 Prozent beschleunigt

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Sieger-App. Die Bilder zeigen zwei Übungen des Trainings von Heku IT. Es kombiniert viele kurze Lern­einheiten, die Spaß machen.

Die Trainings steigern das Lesetempo im Schnitt um höchs­tens 50 Prozent. Auch Marina Pauly liest ein Manuskript nun um mehr als 40 Prozent schneller als vorher – bei einem unver­ändert hohen Text­verständnis. Und das, obwohl sie zufäl­liger­weise mit dem insgesamt wenig über­zeugenden Lern­programm des Anbieters Peoplebuilding übte: der DVD PoweReading.

Das Programm beschleunigt zwar die Lese­geschwindig­keit, vermittelt die Inhalte aber mangelhaft. „Es ist ein freudloses Produkt. Der Dozent Zach Davis hält in einem mehr­stündigen Video endlose Mono­loge in trister Umge­bung“, sagt Pauly. Die rund zwölf­stündige Lern­zeit mit Vorträgen und Übungen wurde ihr mitunter lang. Sie musste zum Beispiel Witze über Ostfriesen oder über Männer und Frauen auf Zeit lesen – „Texte voller Klischees“, so Pauly. Ihre Einschät­zungen und die der anderen Probanden – neun bis zwölf pro Produkt – fließen in die Wertung ein, ebenso die von Experten.

Caro Wolter erging es besser. Sie trainierte mit dem Sieger­programm von Heku IT – mit großer Freude. Drei Wochen lang hat sie mit dem Handy in der Hand geübt, mal in der U-Bahn, mal zuhause am Schreibtisch. „Die Trainings­einheiten lassen sich gut zwischen­durch einschieben“, sagt sie. Eine Lektion dauert bei Heku IT etwa zehn Minuten und besteht aus acht Übungen. Danach verordnet die App ihrem Nutzer ­eine 25-minütige Pause.

Tipp: Nehmen Sie sich ein Beispiel an der App. Beim Üben des schnellen Lesens sind Pausen wichtig.

Die Unter­brechungen fand Wolter schade, so viel Spaß hatte sie. Besonders gern begab sie sich auf „Wort­suche“. In kurzen Texten ging es darum, auf Tempo ein bestimmtes Wort zu finden.

Weiteres Schmankerl beim Testsieger ist seine Statistik­funk­tion. Nutzer können ihre Lernkurve zu einzelnen Übungen abrufen. „Das hat mich moti­viert, besonders wenn die Kurve steil nach oben ging“, sagt Wolter. Und das tat sie: Die Psycho­login liest jetzt um 37 Prozent schneller als zu Beginn des Trainings.

„Ich habe Vertrauen, dass ich bei hohem Tempo das Wesentliche erfasse“, lautet Caro Wolters Bilanz. Sie übt weiter fleißig. Das Schnell­lesen, so ihr Ziel, soll in Fleisch und Blut übergehen. Auch bei Marina Pauly ist es noch keine Routine. Ihr Training hat wenig Anreize zum Weitermachen gegeben. Sie will auf die App umsteigen.

* Name von der Redak­tion geändert.

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