Leseraufruf zur Finanzkrise Special

Hunderte Leser haben uns die Geldanlagen genannt, die ihnen zurzeit Kopfzerbrechen bereiten. Wir haben sie durchgesehen.

Die Resonanz auf unseren Aufruf war enorm. In der vergangenen Ausgabe hatten wir unseren Lesern geraten, ihr ­Depot durchzusehen. Wenn sie dabei auf Geldanlagen stießen, die sie nicht verstehen, sollten sie uns um Aufklärung bitten.

Geschrieben haben uns Hunderte. Sie ­haben uns vor allem gefragt, wie sicher ihre Anlage ist. Sie haben nach Zertifikaten ­genauso gefragt wie nach Fonds, Aktien, Anleihen, Festgeld und Tagesgeld und sogar nach Girokonten.

Wie ihre Anlagen funktionieren, war für unsere Leser das kleinere Problem. Viele glauben verstanden zu haben, was der Bankberater ihnen beim Verkauf erklärt hat, sind sich jetzt aber nicht mehr sicher.

Einer fragt besorgt, ob sein Zertifikat eine Lehman-Anlage sei. „Ich habe von der Bank wegen der Finanzkrise keinerlei Infos erhalten“, beschwert er sich. Seine Hauptsorge können wir ihm nehmen: Sein Zertifikat ist nicht von der amerikanischen Pleitebank Lehman Brothers, sondern von der Dresdner Bank. Trotzdem hat das Papier einiges an Wert verloren.

Es haben uns aber auch einige Leser geschrieben, die ihre Anlagen nicht durchschauen. Verwunderlich ist das nicht. Viele Papiere sind so komplex, das man ein einschlägiges Studium brauchte, um sie zu verstehen.

Fonds

Zahlreiche Leser haben Fonds und wollen wissen, ob ihre Anlage noch sicher ist: Sicher ist eine Fondsanlage insofern, als es sich um Sondervermögen handelt. Ginge eine Fondsgesellschaft pleite, so fiele das Fondsvermögen nicht in die Hände des Insolvenzverwalters. Die Papiere in den Fonds bleiben Eigentum der Fondsanleger. Das heißt aber nicht, dass der Fonds nicht an Wert verlieren kann. Wie hoch so ein Wertverlust sein kann, hängt von den Wertpapieren ab, in die der Fonds investiert.

Aktienfonds

Besonders stark von der Krise betroffen sind Aktienfonds. Einige unserer Leser vermuten, dass ihre Fonds so sehr ins Minus gerissen wurden, weil deren Manager Zertifikate gekauft oder Geld bei Lehman Brothers angelegt haben.
„Bitte teilen Sie mir mit, ob sich in meinem Fonds Zertifikate befinden“, schreibt ein Leser aus Offenburg. Doch damit haben seine Kursverluste nichts zu tun. Die Fonds sind abgestürzt, weil die Börsen eingebrochen sind (siehe Text: Aktienfonds).

Geldmarkt- und Rentenfonds

Geldmarktfonds sind größtenteils im Plus. Kursverluste verzeichnen jedoch Geldmarkt- oder geldmarktnahe Fonds sowie Rentenfonds, die in sogenannte ABS-Papiere investieren. Das sind Anleihen, die mit Forderungen gesichert sind, zum Beispiel mit Forderungen aus Immobilienkrediten. Zahlen die Kreditnehmer ihre Schulden nicht zurück, sind auch die Sicherheiten nichts mehr wert.
Fonds mit Schwerpunkt ABS sind nicht als kurzfristige Anlage geeignet. Wer sein Geld nur parken will, sollte auf Tagesgeld oder Festgeld ausweichen und den Fonds verkaufen.
Rentenfonds Euro stehen dagegen gut da. Sie profitieren davon, dass sichere Anleihen stark nachgefragt werden.

Zertifikate

Am meisten Ungewissheit besteht bei den Zertifikaten. Zwar geben viele Leser an, bislang zumindest so ungefähr über ihre Papiere Bescheid gewusst zu haben. Doch jetzt sind sie verunsichert. Es treibt sie weniger die Angst vor einer weiteren Bankenpleite um, als vielmehr die Furcht, eine Tücke des Papiers übersehen zu haben.

Auffällig viele Leser haben Zertifikate verschiedener Banken gekauft. Das ist vorbildlich. Im Zuge der Lehman-Pleite haben wir oft gehört, dass Anleger ihre ganzen Ersparnisse in Lehman-Papiere gesteckt hatten. Wer auf mehrere Banken setzt, den trifft eine Pleite weniger.
Das Pleiterisiko zu verringern, ist gut, reicht aber nicht. Auch die Anlagestrategie der Papiere sollte sich unterscheiden.

Basketzertifikate

Einige unserer Leser spekulieren mit Basketzertifikaten auf Rohstoffaktien. Ein Basketzertifikat enthält einen Korb verschiedener Aktien. Das ist zunächst eine sinnvolle Anlageidee, denn in einem Korb ist das Risiko auf mehrere Papiere verteilt.

Problematisch wird es, wenn ein großer Teil des Depots aus Rohstoffinvestments besteht. Das ist leider bei einigen Lesern der Fall. Sie haben sich von den Preisanstiegen verführen lassen und außer Zertifikaten auch Rohstofffonds im Depot. Jetzt, nachdem die Luft aus den Spekulationsblasen am Ölmarkt und den Metallmärkten gewichen ist, sitzen sie auf hohen Verlusten. Wir raten, niemals nur in eine Branche zu investieren, selbst wenn die Gewinnaussichten noch so gut sein mögen.
Übrigens: Auch für Basketzertifikate besteht ein Ausfallrisiko, wenn der Herausgeber des Papiers pleitegeht. Die Aktien in dem Korb sind – anders als Aktien in einem Fonds – kein Sondervermögen.

Bonus- und Discountzertifikate

Zu Discountzertifikaten kamen nur vereinzelt Anfragen. Diese Produkte sind meist leicht verständlich. Mit einem Discountzertifikat kauft der Anleger einen Index oder eine Aktie mit einem Abschlag. Er ist vor Verlusten des Basiswerts in Höhe dieses Abschlags abgesichert.

Vor allem sogenannte Deep-DiscountZertifikate mit hohem Abschlag haben dem Absturz der Börsen bislang standgehalten. Papiere, die stärker gefallen sind, können sich bis zum Laufzeitende wieder erholen.

Die Käufer von Bonuszertifikaten haben größere Probleme. Auch diese Papiere beziehen sich auf eine Aktie oder einen Index – häufig ist es der Euro Stoxx 50 – und sind mit einem Sicherheitspuffer ausgestattet. Wird die Sicherheitsschwelle während der Laufzeit aber nur ein Mal berührt oder unterschritten, ist der Puffer weg. Das ist bei mehr als drei Viertel der Papiere passiert.

Das Bonuszertifikat verwandelt sich in diesem Fall in ein Indexzertifikat. Die Anleger können aber zumindest noch auf eine Erholung der Börsen hoffen.

Expresszertifikate

Viele unserer Leser haben jedoch keine reinen Bonuszertifikate im Depot, sondern Bonus-Express-Kombipapiere. Solche Expresszertifikate gehören aber zu den weniger sinnvollen Anlagen (siehe Checkliste).

Ihre Laufzeit hängt vom Ausgang einer Wette ab. Die Wette wiederum ist aber nicht der Grund, aus dem die Kunden die Papiere kaufen. Vielmehr lockt sie der meist hohe Zinskupon. Kombiniert mit Bonuszertifikaten sind die Rückzahlungs- und Ertragsvarianten für Laien kaum zu durchschauen. Wir raten deshalb eher ab.

Anleihen

Wer eine Anleihe kauft, leiht dem Herausgeber der Anleihe Geld, bekommt dafür Zinsen und am Ende der Laufzeit sein Geld wieder – sofern der Herausgeber zahlen kann. Zertifikate sind auch Anleihen, jedoch sind sie mit zahlreichen zusätzlichen Bedingungen verbunden.

Die Banken verkaufen an Wetten gekoppelte Anleihen, die genauso gut unter dem Begriff „Zertifikate“ laufen könnten. Mitunter ist das Vertrauen der Kunden aber schneller hergestellt, wenn das Papier ­„Anleihe“ heißt. Aus diesem Grund ist zu befürchten, dass in nächster Zeit viele Zertifikate als Anleihen daherkommen.

Strukturierte Anleihen

Strukturierte Anleihen sind anders als Discount- oder Bonuszertifikate nicht so einfach einzuordnen. Sie funktionieren alle ein wenig unterschiedlich.

Erkennen können Anleger sie oft an den bunten Namen. Die Verzinsung ist meist abhängig von einem Aktienkorb, dem Wettbewerb mehrerer Indizes oder einem Zinssatz, der sich nur in einer schmalen Bandbreite bewegen darf (siehe Checkliste). Meist sind sie mit Kapitalschutz ausgestattet, der jedoch nur zum Ende der Laufzeit greift.

Auf die Idee, ein solches Produkt zu kaufen, würde von sich aus kein Kunde kommen. Er wüsste ja nicht einmal, wonach er fragen sollte. „Haben Sie eine Sunshine-Anleihe? Eine Zinshamster-Anleihe? Eine Oktoberfest-Anleihe?“ Das fiele niemandem ein. Trotzdem finden sich diese Papiere in zahlreichen Leserdepots.

Unternehmensanleihen

Beliebt bei unseren Lesern sind Anleihen von Banken und Unternehmen. Auch hier gilt die goldene Regel der Geldanlage: das Risiko streuen. Wer nur eine Anleihe hält, den trifft eine Pleite des Herausgebers voll.

Eine Leserin fragt, ob sie ihre beiden Inhaberschuldverschreibungen der West LB und der Bayern LB verkaufen soll. Die Angst vor einem Totalausfall können wir ihr nehmen: Die beiden Landesbanken sind durch die Sparkassen und den Staat abgesichert. Während der Laufzeit kann der Kurs der ­Papiere allerdings schwanken, etwa bei Zinsänderungen.

Pfandbriefe

Einige Leser haben Pfandbriefe gekauft, unter anderem auch von der angeschlagenen Hypo Real Estate Bank. Sie müssen sich keine Sorgen machen. Pfandbriefe sind anders als herkömmliche Anleihen mit eigenen Sicherheiten ausgestattet.

Die Sicherheiten bestehen aus erstklassigen Hypothekenkrediten und Darlehen der öffentlichen Hand. Sollte eine Hypothekenbank pleitegehen, würden diese Sicherheiten nicht dafür verwendet, die allgemeinen Schulden der Bank zu begleichen, sondern nur, um den Pfandbrief zurückzuzahlen.

Aktien

Auch ein paar Aktionäre haben sich an uns gewandt. Privatanleger sind meist schlecht beraten, mitten in der Krise zu kaufen oder zu verkaufen. Es empfiehlt sich abzuwarten, bis sich die Hektik wieder gelegt hat.

Ob Anleger eine Aktie behalten oder verkaufen, sollten sie ausschließlich davon abhängig machen, wie sie die Aussichten des Unternehmens einschätzen. Der Preis, zu dem sie eingestiegen sind, darf sie nicht an einem Verkauf hindern – auch wenn der Verlust wehtut. Je besser die neue Aktie, desto schneller sind die Verluste wieder aufgeholt. Das gilt auch für Fonds.

Unsere Erfahrung ist, dass Anleger oft an einem Fonds festhalten, weil sie warten wollen, bis zumindest der Einstiegskurs wieder erreicht sei. Das ist psychologisch verständlich, wirtschaftlich betrachtet aber Unsinn.

Tages- und Festgeld, Girokonten

Tagesgeld, Festgeld und Geld auf Girokonten ist durch die Einlagen­­­sicherungs­systeme geschützt (siehe Spezial Finanzkrise: So funktioniert die Sicherung). Wir empfehlen Anlegern, die Sicherungsgrenzen genau zu beachten. Das gilt insbesondere für Auslandsbanken. Zwar ist ­beabsichtigt, die gesetzlichen Sicherungsgrenzen EU-weit anzuheben, aber noch ist das in keinem Land Gesetz. So lange ist nur auf die alten Grenzen Verlass. Wir informieren, wenn die ­Änderungen umgesetzt sind.

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