Leseraktion Straßenlärm Meldung

Manchmal bleibt nur der Sprung zur Seite. Mehr als zehn Jahre kämpft Draisdorf gegen die herandonnernden Laster ­ und um einen Bürgersteig.

Es war fünf Monate vor der Wende, als Simone Kahabka zum ersten Mal an die Stadt schrieb. Damals hieß Chemnitz noch Karl-Marx-Stadt, und die Antwort erfolgte "mit sozialistischem Gruß". Tochter Marlen war zwei Jahre alt. "Ich hatte Angst", erinnert sich die gelernte Zahntechnikerin. "Ich stellte mir vor, Marlen geht in ein paar Jahren zur Schule ­ und das ohne Bürgersteig." Schon damals ratterten die Laster mit Kies aus den nahe gelegenen Gruben durch die enge Hauptstraße von Draisdorf, unter der Autobahn durch und in die Stadt hinein. "Ich dachte: In der DDR dauert alles etwas länger ­ bis das Kind zur Schule geht, schaffe ich das." Tatsächlich war das Antwortschreiben des Rates der Stadt hoffnungsstimmend: Eine "Gehbahn" sei tatsächlich notwendig, der "VEB Stadtdirektion Straßenwesen" werde das Projekt mit einer "entsprechenden Aufgabenstellung einleiten", obwohl er für den Gehbahnbau in "absehbarer Zeit jedoch keine Kapazitäten" habe. Doch der Bau könne "mit Unterstützung der Bürger... und der gesellschaftlichen Kräfte" erfolgen.

Heute ist Tochter Marlen 13 Jahre alt. Die Ämter grüßen jetzt in ihren Schreiben nicht mehr sozialistisch, sondern freundlich. Doch der Bürgersteig vor der Haustür fehlt immer noch. "Nicht gerade angenehm" findet Marlen das ­ und das ist eine Untertreibung. Fotograf und Reporter durchstehen Heidenängste, bevor die Fotos im Kasten sind. "Wenn Gäste hierherkommen, sagen sie immer: 'Das ist ja lebensgefährlich'", erklärt Frau Kahabka. Ein Glück, dass bisher noch keine schweren Unfälle passiert sind. Wenn etwa wieder einmal zwei Lastwagen aus entgegengesetzten Richtungen durch den Ort rasen, der eine nach der engen, unübersichtlichen S-Kurve aufs Gas tritt und der andere noch nicht abgebremst hat. "Parkt dann noch am Rande ein Auto, bleibt manchmal nur, zur Seite zu springen", beschreibt Simone Kahabka den alltäglichen Gang zum Bäcker und Lebensmittelladen. Gut, dass die entgegenkommenden Laster das lange Objektiv unserer Kamera auf dem Stativ für eine Radarfalle halten und abbremsen. "So ist das auch, wenn die Polizei hier Kontrollen macht", erklärt Frau Kahabka. "Die Lkw-Fahrer teilen sich das über Funk mit. Am nächsten Tag wird wieder gerast."

1.000 Autos pro Stunde

Leseraktion Straßenlärm Meldung

Die B 107 ist eine ganz normale Bundesstraße. Den Verkehr hat Frau Kabahka selbst gezählt: In einer normalen Nachmittagsstunde fahren hier knapp 1.000 Autos vorbei, davon jede Minute ein Lastwagen. Andere Bundesstraßen bringen es sogar auf 2.000, 3.000, ja bis zu 7.000 Fahrzeuge pro Stunde. Ein ganz alltäglicher Horror also. Der schlägt sich in nüchternen Zahlen nieder. In den mehr als 700 Gutachten, die von der Stiftung Warentest in den letzten zwei Jahren für von Straßenlärm geplagte Bürger erstellt wurden, diagnostizierten wir in 60 Prozent der Fälle gesundheitgefährdende Lärmpegel von tagsüber mehr als 65 Dezibel. Dann ist das Herzinfarktrisiko deutlich erhöht. Auch der Pegel aus dem Gutachten Nummer 83, das wir für Frau Kahabka erstellten, fällt in diese Klasse: 67 Dezibel.

Frau Kahabka hat jetzt Zeit, über den Lärmschutz am Haus nachzudenken: Sie ist im Schwangerschaftsurlaub. Der Nachwuchs wird für September erwartet. Ob eine Lärmschutzmauer die Lösung ist? Das Grundstück ist geeignet, doch die Kosten sind hoch. Nur ein paar Autominuten entfernt an der nächsten Hauptachse von Chemnitz sehen wir, wieso.

Gutachten Nummer 369, Familie Fischer. Hinter dem neu aufgeschütteten Erdwall ragt die weiße Villa aus den dreißiger Jahren hervor. Der Garten ist groß, das Grün reichlich. Einziger Nachteil sind die 46.000 Autos am Tag vor dem Wall. Genau 3.450 Lastwagen sind darunter ­ so die offiziellen Zahlen. Lärmpegel laut unserem Gutachten: tagsüber 69 Dezibel. "Als ich das Haus 1992 kaufte, fuhren hier 15.000 Autos entlang. Heute sind es dreimal so viel", berichtet Alex Fischer, ein mittelständischer Unternehmer. "Es ist ein schöne Lage. Wenn der Lärm weniger wäre, unbezahlbar." Viel Mühe hat der neue Wall gemacht, mit Maschinen verdichtet, mit Stahl verstärkt. Billig waren die knapp dreißig Meter Festung nicht. Kein Pfennig Zuschuss, das schmerzt, zumal die Wirkung zu wünschen übrig lässt. Über dem Wall sieht man den obersten Meter der Lastwagen entlangziehen, links und rechts des Walls ahnt man ihre Umrisse durchs Gebüsch. "Die Nachbarn wollten nicht mitmachen", so das bekümmerte Resümee der Familie. "Natürlich, der Wall ist nicht lang genug, er ist auch nicht hoch genug, aber wenigstens wird es ein bisschen besser."

Und der Lärm nervt. "Wenn man sich vorn im Garten länger unterhält, dann will man wieder hinters Haus, wo es doch ruhiger ist", erzählt Ehefrau Birgit Fischer. "Wenn die Ampel weiter unten an der Straße rot ist, dann merkt man, wie leise es sein könnte. Aber das sind ja nur Sekunden." Was soll man denn noch tun?, so die unausgesprochene Frage. "Man kann ja nicht verkaufen ..."

Tassen und Teller wandern

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Absagen, Vertröstungen, Bescheide: Simone Kahabka (35) gibt nicht auf. Wenigstens das zweite Kind soll ohne Angst zur Schule gehen.

Viele Lärmgeplagte wissen nicht mehr weiter. Manche Schreiben an uns gleichen Hilfeschreien: "Mein Problem ist nicht der Schallpegel", schreibt Bärbel J. aus Tostedt (tagsüber 73 Dezibel), "sondern die Erschütterungen des Hauses." Gläser, Teller und Tassen wanderten in den Schränken, Bilder fielen von den Wänden. Im Keller brächen sogar Teile aus der Decke. Mehrere Teilnehmer der Leseraktion Straßenlärm berichteten von Herzinfarkten, ob als Folge des permanenten Lärmstresses, wird sich nie klären lassen. Andere Beschwerden treten sogar trotz vergleichsweise niedriger Pegel auf: Familie F. (tagsüber 57 Dezibel) fühlt sich "enorm" beeinträchtigt: "Dies äußert sich auch bei unseren zwei Kindern (neun und fünf Jahre) durch Kopfschmerzen, lautes aggressives Schreien... Nervosität, Erschrecken und vieles andere."

Zurück in Draisdorf. Mehr als der Lärm zählt hier die Sicherheit der Kinder. Den Antrag für Tempo 30 im ganzen Ort haben fast alle unterschrieben. Weitere Anträge und ein Ortstermin führten schließlich im vergangenen Herbst zu einem Etappensieg: ein kurzes Stück Bürgersteig in der Kurve wurde der Verwaltung abgerungen, das Tempolimit dort um einige Meter verlängert. "Aber wir möchten Tempo 30 in der ganzen Ortsdurchfahrt. Zumindest, bis der Bürgersteig endlich gebaut ist", erklärt Simone Kahabka. Doch der Antrag wurde im Januar auch formell abgelehnt: die B 107 müsse wegen des Durchgangsverkehrs "leistungsfähig" bleiben, heißt es in der Begründung. Gebühren für den Bescheid: jeweils 50 Mark, zu zahlen von Frau Kahabka und einer Nachbarin. Später, nach dem Einspruch der Betroffenen, wurden die Gebühren gestrichen, immerhin.

Behördenarroganz findet sich nicht nur in Chemnitz. Wir schrieben alle Teilnehmer unserer Leseraktion Straßenlärm an und erhielten immer wieder ähnliche Berichte: "Die Behörde bat mich 'um Verständnis', dass sich nichts ändern lasse", berichtet Sibylle B. aus Bad Homburg (61 Dezibel tagsüber). Der Landkreis Nienburg beschied Herbert K. (69 Dezibel) kühl: "... die Lärmbelastung liegt für einen Anlieger an einer Bundesfernstraße durchaus im zumutbaren Bereich." Und Wolfgang W. aus Hannover (62 Dezibel) berichtet, sein Anliegen sei mit den Worten beschieden worden, man könne nicht extra den Verkehr beruhigen, "weil er mal eben seinen Garten nutzen" wolle.

Meterhohe Aktenberge

Etwa zwei Drittel der knapp 400 Teilnehmer, die unser Schreiben beantworteten, halten denn auch die zuständigen Behörden für "nicht" oder "wenig kooperativ". Viele resignieren: Von "meterhohen Aktenbergen" berichtet Hans W. aus Stuttgart (mit tagein, tagaus horrorhaften 81 Dezibel) und resümiert: "Es ist absolut zwecklos, sich an die Landeshauptstadt oder Rechtsanwälte oder Gerichte zu wenden!"

Sind die Ämter wirklich so ignorant? Wir machen die Probe aufs Exempel und begleiten Simone Kahabka zur Verkehrsverwaltung von Chemnitz. Wegen des Besuchs aus Berlin ist ein Vertreter des Regierungspräsidiums, der Aufsichtsbehörde, mit dabei. Der doziert denn auch aus der Straßenverkehrsordnung als sei es der historische Materialismus. Dann folgt die Exegese. Erstaunliche Begründung für das verweigerte Tempo 30: Zwar sei die Lage in Draisdorf unbefriedigend, ein straßenbaulicher Missstand. Doch: "Es liegt dort keine besondere Gefahrenlage vor, weil es Hunderte und Tausende solcher Straßenabschnitte im Regierungsbezirk gibt." Hans Prause, Referent für Verkehrsrecht des Regierungspräsidums Chemnitz, erläutert mit dem wissenden Lächeln vieler abgelehnter Anträge: "Es gibt sogar längere Strecken mit Tempo 70 im Bezirk, wo man als Fußgänger an der Straße entlanglaufen muss." Mit den alten Bundesländern könne man die Situation eben nicht vergleichen. Tempo 30 im ganzen Ort sei nicht geplant, denn wenn man in Draisdorf anfange, müsse man anderswo weitermachen. Zum Abschied gibt Prause noch Tipps für weitere Ortsbesichtigungen: An der B 95 zum Beispiel sei alles noch viel schlimmer.

"Einer von der alten Garde", urteilt Simone Kahabka nach dem Termin. Und fährt sichtlich schockiert fort: "Als Betroffene ist das für mich schwer nachzuvollziehen." Die einzige Hoffnung bleibt nun der Bürgersteig, für den die Stadt ein Planfeststellungsverfahren in Aussicht stellt. Ein entsprechender Brief sei auf dem Weg, hieß es zum Trost bei dem Gespräch. Doch noch ein Happy End?

Manchmal gibt es auch das: Immerhin jeder siebte Befragte fand die zuständigen Behörden "überwiegend" oder "sehr kooperativ". Teilnehmer an der Leseraktion setzten Tempolimits durch, schalteten die Presse ein und regten Lärmminderungspläne an. Andernorts wird nun endlich ein Lärmschutzwall kommen oder ein bestehender aufgestockt.

Trostpflaster vom Finanzamt

Für besonders Betroffene gab es in Einzelfällen sogar ein Trostpflaster vom Finanzamt: Es senkte die Grundsteuer. Allerdings: Erfolge gibt es nicht von heute auf morgen. Nicht nur, weil Behördenmühlen langsam mahlen. "Die Behörden tun, was sie können", resümiert Doris N., ebenfalls aus Chemnitz. "Doch sie können eben nicht viel." Obwohl sie schon vor Jahren Tempo 30 und ein Durchfahrtverbot für Laster durchgesetzt hatte, rasen sie immer noch am Haus vorbei. "Die Polizei kontrolliert ein- bis zweimal im Monat, und damit hat es sich. ´Mehr können wir nicht tun´, sagen sie. Die Masse der Autofahrer bestimmt, was möglich ist. Willi K., Teilnehmer an der Leseraktion und Mitarbeiter eines Bauamts, bescheinigte unseren Gutachten zwar Objektivität, doch seien die "aufwiegelnden Worte" in früheren Lärmreports "wenig hilfreich". Schließlich sei beinahe jeder sowohl Anwohner als auch Verkehrsteilnehmer. Viele litten deshalb an einer Bewusstseinsspaltung. Oft würden Autofahrer noch kurz vor dem Ortsschild überholen und dann heftig bremsen. Sein Tipp: Rechtzeitig den Fuß vom Gaspedal. "Die Tankrechnung sähe um Welten besser aus und die Anwohner würden es danken."

Doch Simone Kahabka wartet nicht darauf, dass die Lastwagenfahrer in Draisdorf von selbst zur Räson kommen. "Wir werden weitermachen", sagt sie entschlossen. "Vielleicht haben wir wenigstens den Gehweg, wenn unser zweites Kind zur Schule geht."

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