Lehman-Zertifikate „Alpha Express II“ Meldung

Targo­bank-Kunden, die Lehman Brothers Alpha Express II-Zertifikate gekauft haben, können nach einem neuen Urteil des Ober­landes­gerichts Celle auf Schaden­ersatz hoffen. Der Bank-Prospekt über die Anlage war fehler­haft, entschieden die Richter. test.de erklärt die Hintergründe und sagt, wem das Urteil nützt.

Indizes im Vergleich

Das klingt plausibel: „Der DivDax-Index setzt darauf, dass sich Kurse ertragreicher Unternehmen im Normalfall besser entwickeln als Kurse durch­schnitt­licher Unternehmen“. So steht es in der Targo­bank-Broschüre zu den Alpha Express II-Zertifikaten. „Dieser Index beinhaltet 15 Unternehmen des Dax, die ihren Aktionären die höchsten Ausschüttungen zukommen lassen und bildet somit wirt­schaftlich besonders starke und solide deutsche Unternehmen ab“, wirbt der Prospekt weiter.

Kurs­entwick­lung statt Performance

So einfach, wie das klingt, war das Zertifikat allerdings nicht konstruiert. Geld sollten Käufer des Lehman-Zertifikats bekommen, wenn sich der Divdax-Kursindex ab einem festen Start­termin bis zu bestimmten Stich­tagen jeweils nicht viel schlechter entwickelt als der Dax. Was der Prospekt verschweigt: Der Divdax-Kursindex hatte von vorneherein kaum eine Chance, im Vergleich zum Dax zu bestehen. Es zählt nämlich allein der Aktienkurs der 15 Unternehmen im Index. Beim Dax dagegen zählen – jedenfalls in der gebräuchlichen Variante des Index – auch die Dividenden. Für die Ermitt­lung dieser Varianbte des führenden deutschen Aktien­index wird unterstellt, dass Anleger Dividenden verwenden, um weitere Anteile am Unternehmen zu kaufen, dass die Dividenden ausgeschüttet hat. Im Geld­anlage-Jargon heißt das: Performance-Index.

Verluste mit Ansage

Es kam, wie es kommen musste: Der ohne Berück­sichtigung der Dividenden ermittelte Divdax blieb weit hinter dem Dax zurück. Das Zertifikat hätte Anlegern auch ohne die Pleite der Lehman-Bank nichts gebracht. Jetzt muss die Targo­bank einem Anleger Schaden­ersatz zahlen. Die Berater der Bank hätten ihm die Unterschiede bei der Ermitt­lung der beiden maßgeblichen Indizes genau erklären müssen, urteilten die Ober­landes­richter in Celle. Der Kunde könne das Risiko sonst nicht sinn­voll beur­teilen. Wenn der Prospekt einer Geld­anlage falsch ist, muss die Bank nach­weisen, dass ihre Berater die Fehler aufgedeckt und korrigiert haben, verlangten Richter unter Berufung auf die Recht­sprechung des Bundes­gerichts­hofs zur Anla­geberatung. Das hatte die Targo­bank gar nicht erst versucht.

Chance für Betroffene

So wie das Ober­landes­gericht Celle das Urteil begründet, haben aus Sicht von Rechts­anwalt Kay Hübner aus Gladbeck alle Anleger gute Chancen auf Schaden­ersatz, die nach Beratung durch die Targo­bank Alpha-Express-II-Zertifikate der Lehman Brothers gekauft haben. Auch Verjährung dürfte in vielen Fällen kein Thema sein, glaubt der Rechts­anwalt, der das Urteil erstritten hat. Sie beginnt in solchen Fällen einer verschuldeten Falsch­beratung erst, wenn Anleger vom Fehler erfahren. Betroffene sollten von ihrer Bank Schaden­ersatz fordern und ihr eine Frist setzen. Weigert sich die Bank oder lässt sie die Frist verstreichen, sollten die geschädigten Anleger einen Rechts­anwalt einschalten, der sich mit den Zertifikaten auskennt.

Ober­landes­gericht Celle, Urteil vom 15.05.2013
Aktenzeichen: 3 U 11/13 (nicht rechts­kräftig)
Kläger­vertreter: Rechtsanwalt Kay Hübner, Gladbeck

Sonst bleibt nur die Hoff­nung auf das Konkurs­verfahren

Sonst haben Opfer der Lehman-Pleite kaum noch Chancen auf Schaden­ersatz. Der Bundes­gerichts­hof und die übrigen Zivilge­richte haben zahlreiche Klagen rechts­kräftig abge­wiesen. Betroffenen bleibt nur, auf eine möglichst hohe Entschädigung im Konkurs­verfahren zu hoffen.

Die wichtigsten test.de-Meldungen zum Kampf
der Lehman-Opfer um Schaden­ersatz:

Kaum noch Hoffnung
Lehman-Pleite: Kein Schadenersatz
Weitere BGH-Urteile zur Lehman-Pleite
Kritik an Bundesrichtern

[Update 08.08.2013] Anderer Ansicht ist das Ober­landes­gericht Düssel­dorf. Der Prospekt der Targo­bank zu Alpha-Zertifikaten sei nicht zu bean­standen, meinen die Richter dort. Das Urteil aus Celle kannten sie offen­bar nicht; jedenfalls erwähnen sie es nicht und lassen auch keine Revision zu, wie es bei abweichenden Entscheidungen anderer Ober­landes­gerichte eigentlich nötig ist.

Ober­landes­gericht Düssel­dorf, Urteil vom 18.07.2013
Aktenzeichen: I-6 U 146/12

[Update 12.08.2013] Rechtsanwältin Susanne Benöhr-Laqueurteilt mit: Der in Düssel­dorf unterlegene Kläger hat Nicht­zulassungs­beschwerde erhoben. Nicht nur das Ober­landes­gericht in Celle, sondern auch weitere Ober­landes­gerichte hätten die entscheidenden Fragen anlegerfreundlich entschieden. Sie sieht gute Chancen, dass der Bundes­gerichts­hof das Düssel­dorfer Urteil aufhebt.

[Update 13.01.2014] Rechtsanwältin Stefanie Sommermeyer teilt mit:Der 6. Senat beim Ober­landes­gericht Düssel­dorf hat es sich anders über­legt und hält den Targo­bank-Prospekt zu Alpha-Express-Zertifikaten jetzt auch für fehler­haft. Die Targo­bank erkannte den Anspruch des Klägers auf Schaden­ersatz darauf­hin an.

Ober­landes­gericht Düssel­dorf, Hinweis­beschluss vom 25.11.2013
Aktenzeichen: I-6 U 30/13

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