Kinder, die unter einer Lese-Rechtschreib-Störung leiden, sind nicht dumm, auch nicht faul. Frühe Förderung kann sie vor einer „Versagerkarriere“ bewahren.

Wie viele Diktate Fabian J. in seinem Leben schreiben musste, weiß er nicht mehr. Dass aber unter ausnahmslos jeder seiner Arbeiten in roten Lettern ein erbarmungsloses „Ungenügend“ leuchtete, wird er nicht mehr vergessen. „Es war vor allem schlimm zu sehen, dass andere mit minimalem Aufwand Einser und Zweier schrieben und ich trotz harter Arbeit immer eine Sechs bekam“. Der 22-Jährige erinnert sich vor allem an „viele Tränen und bittere Momente“ in seiner Schulzeit.

Vertauschte Buchstaben, verdrehte Silben, Worte ohne Sinn – tagtäglich rang Fabian mit dem Alphabet. Doch Lesen und Schreiben wollte bei ihm einfach nicht so klappen wie bei seinen Klassenkameraden. Obwohl die Schwierigkeiten schon in der Grundschule auffielen, kam er aufs Gymnasium – die Rechtschreibschwächen hatte er mit auswendig gelernten Nachschriften ausgeglichen.

Auf der Oberschule geht das nicht mehr. Fabian bleibt nicht nur in Deutsch zurück, sondern auch in Mathe und anderen Fächern, in denen Textaufgaben zu lösen sind. Die Lehrer raten zum Schulwechsel. Die Eltern reagieren anders. Was in der Schule niemandem aufzufallen scheint, kommt ihnen merkwürdig vor: Warum taucht das Problem nur beim Lesen und Schreiben auf? Sie suchen eine Kinderpsychiaterin auf.

Ein Intelligenztest zeigt, dass Fabian hier seinen Mitschülern in nichts nachsteht. Beim anschließenden Lese- und Rechtschreibtest jedoch geht nichts mehr. Fabian schreibt Bod statt Boot und Bost statt Post, lässt beim Lesen Wörter weg und verrutscht ständig in der Zeile – das Entziffern des Textes kostet ihn so viel Mühe, dass er vom Inhalt nichts mehr mitbekommt. Auch hört er nicht den Unterschied zwischen Nagel und Nadel, und merkt nicht, dass sich Haus auf Maus reimt. Da es weder an Intelligenz, Unterricht und Lerneifer mangelt, hat die Psychiaterin nur eine Erklärung: Fabian J. ist Legastheniker.

Legasthenie ist eine von der Weltgesundheitsorganisation als Lese-Rechtschreib-Störung anerkannte Krankheit. Definition: Wenn es ein Kind nicht schafft, lesen und schreiben zu lernen und das nicht durch mangelnde Intelligenz, körperliche Behinderung oder unzureichenden Unterricht zu erklären ist. In Deutschland trifft dies auf mindestens fünf Prozent der Kinder und Jugendlichen zu. „Noch sind die Ursachen einer Legasthenie nicht ganz geklärt, vermutlich ist ein ganzes Bündel von Faktoren beteiligt“, sagt Dr. Gerd Schulte-Körne, Leiter der Forschungsgruppe Lese-Rechtschreibstörung der Uni Marburg. „Klar ist aber, dass es sich um eine fehlerhafte Verarbeitung von Informationen im Gehirn handelt.“ Mit Mangel an Intelligenz hat das nichts zu tun. Auch Albert Einstein war Legastheniker und setzte trotz schlechter Schulnoten Meilensteine in der Physik.

Schaut man dem Gehirn von Legasthenikern mit bildgebenden Verfahren beim Lesen und Schreiben zu, lässt sich erkennen, dass bestimmte Hirnareale anders arbeiten als bei Nichtlegas­thenikern – zum Teil ist die Wahrnehmung langsamer, zum Teil speichert das Gehirn Silben und Laute nur unzureichend. Den Kindern fehlt die Fähigkeit zu erkennen, dass sich Wörter aus verschiedenen Einzellauten zusammensetzen. Fachleute sprechen von einer Schwäche in der Lautbewusstheit. Alle anderen Hirnfunktionen zeigen hingegen keine Auffälligkeiten. Das bedeutet, Legastheniker nehmen nur Sprache und Schrift in anderer Weise wahr als üblich. Deshalb wird Legasthenie auch als Teilleistungsstörung bezeichnet. Bei manchen Kindern beeinträchtigt eine ähnlich gestörte Wahrnehmung das Zahlenverständnis. Der Grund für die unübliche „Verdrahtung“ des Gehirns liegt zum Teil in den Genen. Familien und Zwillingsstudien zeigen: Legasthenie kann vererbt werden. Forscher haben eine Reihe von Chromosomen ausgemacht, auf denen sie relevante Erbinformationen vermuten. Die Gene sind aber nicht allein verantwortlich, sie geben nur eine Veranlagung mit. „Frühzeitige und individuelle Förderung kann den Schweregrad deutlich mildern“, sagt Schulte-Körne.

Als bei Fabian J. die Legasthenie erkannt war, begann die mühsame Suche nach der richtigen Förderung. Konzentrations- und Entspannungsübungen, einfaches Lesen- und Schreibenüben, Betreuung durch einen Psychologen – genutzt hat es nichts. Erst eine spezielle Legasthenie-Therapie in Verbindung mit einer Kur zeigte einige Erfolge. Er lernte neue Strategien, um sich Rechtschreibregeln zu merken. Vor allem aber tat ihm die Therapie in der Seele gut. „Ich hab zum ersten Mal gemerkt, dass ich nicht der Einzige mit diesem Problem bin“, erinnert sich Fabian. Die Schwierigkeiten ließen etwas nach.

Dennoch war der Schulweg von Fabian J. steinig. „Ich hatte ständig damit zu kämpfen, dass fast alle Lehrer mein Problem völlig ignorierten, mir Faulheit und Dummheit vorwarfen und mich vor der ganzen Klasse demütigten“, erzählt er und erinnert sich an den Deutschlehrer, der vor allen Mitschülern über seine Schreibfehler herzog. Jedes Jahr im Sommer stand außerdem die Versetzung auf der Kippe. „Ich war sehr oft an dem Punkt, alles hinzuschmeißen.“

Heute studiert Fabian

Ab der 11. Klasse konnte er dann vom bayerischen Legasthenie-Erlass profitieren. Denn in Bayern ist seit 1999 ein Nachteilsausgleich bis zum Abitur möglich, andere Länder gewähren diese Unterstützung nur in den unteren Klassen. Mit den Erleichterungen schaffte er das Abitur und studiert heute Politik, Wirtschaft und Amerikanistik. Lesen und Schreiben ist allerdings sein Handicap geblieben – bei ihm dauert es immer noch länger als bei seinen Kommilitonen. Er hilft sich mit einem Trick: Längere Texte scannt er mit einem Schrifterkennungsprogramm in seinen PC ein und lässt sie sich von einem Computerprogramm vorlesen.

Andere Schüler haben weniger Glück. „Für viele Lehrer existiert Legasthenie nicht“, sagt Annette Höinghaus vom Bundesverband Legasthenie. „Das liegt auch daran, dass die meisten Pädagogen in ihrer Ausbildung kein Wort darüber hören.“ Wird Legasthenie nicht erkannt, verschärft sich das Problem. Der Leistungsdruck wächst, die Kinder verlieren durch ständige Misserfolge die Lust am Lernen. Manche werden aggressiv, andere zum Klassenclown und viele entwickeln eine regelrechte Schulangst mit Panikattacken und Phobien – aus der Lese-Rechschreib-Störung ist eine psychosomatische Erkrankung mit Schlafstörungen, Bauchschmerzen, Depressionen geworden.

Viele Berufswünsche zerplatzen

Selbst wenn Lehrer das Problem erkennen, fehlt für die intensive Unterstützung, die Legastheniker brauchten, meist die Zeit, und fachlich ausgebildete Förderlehrer sind rar. Ein Manko, das vielen Kindern die Zukunft verbaut. „Trotz eigentlich guter Fähigkeiten in anderen Bereichen schaffen sie den Schulabschluss nicht, landen im schlimmsten Fall sogar auf der Sonderschule“, so Höinghaus. Viele Berufswünsche, die sich aufgrund der Begabung der Schüler erfüllen könnten, zerplatzen am Unwissen der Ausbildenden.

Legasthenie ist zwar nicht heilbar, doch wirksame Hilfe, um die Störung zu mildern, ist möglich – am besten schon vor der Schulzeit. Da eine „echte“ Diagnose von einem Kinder- und Jugendpsychiater jedoch frühestens im zweiten Schuljahr zu bekommen ist, fordert Annette Höinghaus, schon Erzieher im Kindergarten so auszubilden, dass bereits dort eine Früherkennung und Förderung möglich wird. Die Forschung gibt ihr Recht: Studien zeigen, dass Schwächen in der Lautbewusstheit einfacher zu beheben sind als eine ausgewachsene Legasthenie.

Fazit vieler Wissenschaftler: Wird die Lautbewusstheit bereits im Vorschulalter gezielt gefördert, sind die Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten später in der Schule deutlich geringer.

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