Lebensversicherungen Test

Lebensversicherer sollen ehrlicher werden. Die Aufsichtsbehörde verlangt, dass sie ihre Hochrechnungen über künftige Auszahlungen verbessern.

Zu diesem Thema bietet test.de einen aktuelleren Test: Lebensversicherung

"In 40 Jahren bekommen Sie dann 468.000 Mark." So geht das. Zumindest nach Auskunft des schnauzbärtigen Versicherungsvertreters auf der Wohnzimmercouch. Die Unterlagen des Lebensversicherers, die vor ihm liegen, bestätigen die Prognose. Sein Gegenüber, ein 25-jähriger Computerfachmann, freut sich und unterschreibt mit flinker Hand den Antrag auf eine Kapitallebensversicherung mit einer Laufzeit von 40 Jahren. Bei so guten Aussichten tut er das leicht. 236 Mark im Monat muss er aufbringen, um mit Beginn seines Ruhestands auf das versprochene Sümmchen zu kommen. Kein Problem.

Der Vermittler verschweigt und der Prospekt verschleiert, dass diese Auszahlung überhaupt nicht sicher ist. Ihre Höhe hängt von den Überschüssen ab, die die Versicherungsgesellschaft dem jungen Mann zuweist. Die können stark schwanken, vor allem während einer so langen Laufzeit. Garantiert ist dem jungen Mann nur eine wesentlich kleinere Summe: 160.000 Mark.

Nach Ansicht des Bundesaufsichtsamts für das Versicherungswesen (BAV) in Bonn wecken solche Hochrechnungen, mit denen Unternehmen ihren Kunden künftige Leistungen prophezeien, Gewinnerwartungen, die später vielleicht nicht erfüllt werden.

Genaue Anforderungen

Lebensversicherungen Test

Künftig soll das nun nicht mehr möglich sein. Im Herbst 2000 verschickte das BAV an alle Gesellschaften, die in Deutschland Lebensversicherungen anbieten, ein Rundschreiben. Darin macht die Behörde deutlich, wie die Überschussbeteiligung den Kunden darzustellen ist. Die Lebensversicherer müssen diese Kriterien unverzüglich erfüllen. Übergangsfristen werden nur nach Einzelfallprüfung zugebilligt. Wolfgang Vogel, Leiter des Grundsatzreferats für die Lebensversicherung beim BAV: "Ob es zulässig ist, vorhandene Unterlagen aufzubrauchen, hängt davon ab, wie stark die Irreführung der Kunden ist. Weichen nur redaktionelle Details von unseren Vorstellungen ab, räumen wir einem Versicherungsunternehmen möglicherweise eine längere Frist ein."

Lebensversicherer müssen dem BAV ihre Modellrechnungen nicht grundsätzlich vorlegen. Vogel: "Wir haben aber über Beschwerden, allgemeine Anfragen und natürlich bei örtlichen Prüfungen Einblick". Entdecke man Werbematerial, das den Anforderungen nicht entspricht, werde das Unternehmen zunächst gebeten, seine Darstellungen dem geforderten Standard anzupassen. In einigen Fällen sei das bereits geschehen. "Reagiert eine Gesellschaft nicht, würden wir das Material notfalls verbieten", so der BAV-Experte.

Umstrittene Darstellung

Der Maßstab, der jetzt für die Darstellung der Überschussbeteiligung gilt, ist in dem Rundschreiben präzise beschrieben. Die Autoren machen sogar Formulierungsvorschläge. Damit will das BAV verhindern, dass Unternehmen den Kriterien im Katalog ausweichen können.

Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) hat inzwischen selbst eine Empfehlung an seine Mitgliedsunternehmen verschickt. Die BAV-Kriterien sind darin weitgehend enthalten. Ein gravierender Unterschied besteht aber: Der größte Teil der Überschüsse hängt davon ab, welchen Kapitalertrag ein Unternehmen mit der Anlage des Kundengelds erreicht. Deshalb stellt sich der Gesamtverband vor, dass die Unternehmen ihren Kunden künftig mehrere Szenarien bei unterschiedlicher Zinsentwicklung vorrechnen, wenn sie ihnen die mögliche künftige Leistung darlegen wollen. Genau dagegen hatte sich das Aufsichtsamt verwahrt. Es befürchtet, dass Kunden dann davon ausgehen, dass sich die tatsächliche Leistung auf jeden Fall innerhalb dieses Korridors bewegt. Aber selbst das ist ja nicht sicher.

Prüfkriterien von Finanztest

Finanztest wird die neuen Anforderungen an die Beispielrechnungen der Versicherer aufgreifen. In allen Lebensversicherungstests wird künftig geprüft, ob eine Gesellschaft die wichtigsten Kriterien der Aufsichtsbehörde erfüllt oder ob sie ihren Kunden weiterhin irreführende Prognosen vorlegt. Wir werden untersuchen, ob ein Kunde über die Entstehung, Verteilung und Verwendung der Überschüsse informiert wird. Ferner prüfen wir, ob ein Versicherer darstellt, welche Leistungen dem Kunden bei Ablauf des Vertrags, bei Tod oder bei Kündigung garantiert werden. Die Unternehmen sollten dies in Form einer Tabelle zeigen, in der für jedes Vertragsjahr die Werte für Tod und Kündigung ­ im Versicherungsdeutsch "Rückkauf" ­ aufgeführt werden.

Wichtig ist Finanztest, ob garantierte Leistungen grafisch hervorgehoben sind und eine Gesellschaft deutlich darauf hinweist, dass die Leistungen inklusive Überschussbeteiligung nach Modellrechnung nicht garantiert sind.

Werden in einer Beispielrechnung die aktuellen Überschusszuweisungen fortgeschrieben, muss das Unternehmen das nach Auffassung von BAV und Finanztest begründen. Denn es kann ja nicht wissen, ob es in Zukunft ebenso viele Überschüsse erwirtschaftet wie bisher. Das Unternehmen könnte aber sicherstellen, dass die Kunden trotzdem genau so viel Geld bekommen: Das wäre beispielsweise möglich, wenn es sich vertraglich verpflichtet, so genannte stille Reserven, auch "Bewertungsreserven" genannt, aufzulösen, um die bei Vertragsschluss deklarierten Überschüsse zu halten.

Finanztest wird außerdem nachrechnen, ob ein Versicherer seine Beispielrechnung theoretisch auch halten kann. Dabei gehen wir genauso wie die Versicherer von den aktuellen Überschüssen aus oder setzen einen in der Modellrechnung genannten Zins voraus. Bei der Untersuchung der privaten Rentenversicherung zeigte sich, dass viele Versicherer mit unrealistischen Annahmen rechnen.

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