Am 1. Juli 2000 sinkt der Garantiezins für Kapitallebens- und private Rentenversicherungen von 4 auf 3,25 Prozent. Auf die Rendite bei der Auszahlung wirkt sich das aber nicht aus.

Lebensversicherer müssen ab dem 1. Juli 2000 anders rechnen. Das hat Bundesfinanzminister Hans Eichel entschieden. Eine entsprechende Änderung des Paragraphen 65 Versicherungsaufsichtsgesetz (VAG) passierte Ende März den Bundesrat.

Danach wird der so genannte Höchstrechnungszinssatz von 4 auf 3,25 Prozent gesenkt. Diesen Zins ­ er bezieht sich auf die Verzinsung des Sparanteils der Beiträge ­ dürfen die Lebensversicherer bei der Berechnung der Prämie maximal zugrunde legen, um auf die garantierte Versicherungssumme beziehungsweise ­ bei Rentenversicherungen ­ die garantierte Rente zu kommen. Folge der Absenkung: Für die gleichen garantierten Summen zahlen die Kunden dann mehr Beiträge. Bei bis zum 1. Juli 2000 geschlossenen Verträgen bleibt alles beim Alten.

Die Absenkung des Garantiezinses war nötig, weil die Zinsen für Staatsanleihen wie Bundeswertpapiere in den vergangenen zehn Jahren deutlich gesunken waren. Sie bilden die Basis für die Berechnung des Garantiezinses in der Lebensversicherung, der maximal bei 60 Prozent der Umlaufrendite liegen soll. Die Umlaufrendite entspricht dem durchschnittlichen Zinssatz der am Rentenmarkt gehandelten Anleihen der öffentlichen Hand.

Vor allem das Bundesaufsichtsamt für das Versicherungswesen (BAV) zeigte sich vorsichtig und forderte eine Absenkung auf sogar 3 Prozent. BAV-Präsident Helmut Müller befürchtet, dass einzelne Gesellschaften ihren Zahlungsverpflichtungen in der Zukunft sonst nicht mehr nachkommen könnten. Die garantierte Leistung ist das, was ein Lebensversicherer seinem Kunden mindestens zahlen muss.

Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft hielt dagegen einen Garantiezins von 3,5 Prozent für angemessen. "In der Mitte traf man sich und nach unserer Ansicht war das berechtigt", sagte der zuständige Referent im Bundesfinanzministerium. Zuletzt war der Garantiezins 1994 von 3,5 auf 4 Prozent angehoben worden. Vor 1989 hatte er bei 3 Prozent gelegen.

Auszahlung unverändert

Der niedrigere Garantiezins verteuert Lebensversicherungen nur scheinbar, denn de facto spreizt sich nur die Schere zwischen garantierter und tatsächlicher Leistung stärker. Denn die endgültigen Auszahlungen liegen bisher bei allen deutschen Lebensversicherern oft sogar deutlich über den garantierten. Üblich sind Renditen zwischen 5 und 7 Prozent.

Die Versicherungsgesellschaften stecken die Prämien von Lebens- und Rentenversicherungen in drei Töpfe: Einen für den Spar-, einen für den Kosten- und einen für den Risikoanteil. Gespart beziehungsweise am Kapitalmarkt angelegt werden bei Kapitallebensversicherungen, abhängig vom Unternehmen, nur zwischen 50 und 70 Prozent der Kundengelder. Auch nur auf diese Summe wird der Garantiezins gezahlt. Der restliche Prämienanteil geht für Kosten und die Abdeckung des Todesfallrisikos drauf. Bei Rentenversicherungen ist der Sparanteil höher, weil der Risikoanteil geringer ist.

Kunden, die nach dem 1. Juli einen Vertrag unterschreiben, zahlen entweder mehr Prämie, um weiterhin auf die von ihnen gewünschte garantierte Versicherungssumme zu kommen. Dann erhöht sich auch die Ablaufleistung, die ihnen am Ende des Vertrags vom Versicherer überwiesen wird. Oder sie zahlen das Gleiche wie ihre Vorgänger, akzeptieren eine geringere garantierte Leistung, werden am Ende des Vertrags aber trotzdem das gleiche Geld wie diese bekommen.

Wegen des veränderten Garantiezinses sollte sich deshalb niemand von einem Vermittler unter Zeitdruck setzen lassen. Die Unterschrift unter einen Lebensversicherungsvertrag ist weitreichend, die Folgen des neuen Zinses sind im Vergleich dazu minimal.

Wie sich der Garantiezins auswirkt, zeigt ein Beispiel: Kunde 1 ist 30 Jahre alt, sein Nachbar, Kunde 2, ebenfalls. Beide unterschreiben beim selben Versicherer einen Kapitallebensversicherungsvertrag mit einer Laufzeit von 35 Jahren und einer garantierten Versicherungssumme von 100.000 Mark. Kunde 1 unterschreibt am 30. Juni und zahlt monatlich 166 Mark. Der Versicherer prognostiziert ihm eine Ablaufleistung von 220.000 Mark (angenommene Rendite: 6,4 Prozent).

Kunde 2 kommt erst am 1. Juli zum Unterschreiben. Wegen des ab diesem Tag niedrigeren Rechnungszinses muss er für die 100.000 Mark garantierte Versicherungssumme bei ansonsten gleichen Bedingungen Monat für Monat nicht 166, sondern 184 Mark überweisen. Seine spätere Ablaufleistung würde allerdings mit prognostizierten 257.000 Mark auch deutlich höher ausfallen als die von Kunde 1.

Will Kunde 2 nicht mehr ausgeben als sein Nachbar, muss er eine geringere garantierte Versicherungssumme von in diesem Fall knapp 88.000 Mark vereinbaren. Dann käme er mit 166 Mark monatlich hin. Wegen der Überschüsse wird er am Ende der Laufzeit das gleiche Geld wie Kunde 1 erhalten ­ prognostizierte 220.000 Mark.

Stirbt Kunde 2 jedoch innerhalb der ersten Jahre, müsste der Versicherer dessen Angehörigen nur die entsprechend geringere Todesfallsumme auszahlen. Bei "späterem" Tod, etwa nach zehn Jahren, wäre das Minus durch Überschüsse vermutlich kompensiert.

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